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Bildrechte: 3Sat/radiobremen/Boris Hellmers

Ein Jahr lang war der deutsche Eisbrecher "Polarstern" in der Arktis unterwegs, um Eisflächen zu erforschen. Die bislang größte Expedition am Nordpol lieferte viele Daten, die für die Erforschung des Klimawandels von Bedeutung sind.

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Ozonloch: Arktis-Expedition zeigt Klimawandel auf

Ein Jahr lang war der deutsche Eisbrecher "Polarstern" in der Arktis unterwegs, um Eisflächen zu erforschen. Die bislang größte Expedition am Nordpol lieferte viele Daten, die für die Erforschung des Klimawandels von Bedeutung sind.

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Von
  • Anita Fünffinger

Sie habe aufregende Geschichten gehört, als sie den Forschungseisbrecher "Polarstern" nach einem Jahr im Eis im Oktober 2020 in Bremerhaven in Empfang nahm. Bildungsministerin Anja Karlizcek, CDU, bedankte sich herzlich bei allen Expeditionsteilnehmern. Die "Polarstern" hatte sich im September 2019 an einer Eisscholle festfrieren lassen und trieb damit mehrere Monate lang durch die Arktis. Vor allem habe die Expedition die Chance eröffnet, der Öffentlichkeit zu zeigen, welche Dynamik der Klimawandel entwickelt habe, sagte Karliczek. Die Auswertung aller Erkenntnisse der einjährigen Reise in die Arktis werde mehrere Jahre dauern, erste Ergebnisse wurden heute vorgestellt.

Weltweite Auswertung der Daten

Polarforscher Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut hat die Expedition geleitet. Sein Team habe den "Herzschlag der Arktis" verfolgen können. Mehrere zehntausend Proben von Schnee, Eis und Atmosphären-Bestandteilen haben die Forscherinnen und Forscher mitgebracht. Sie werden nun von mehreren hundert Wissenschaftlern weltweit analysiert. Die Daten sollen in erster Linie dabei helfen, die sogenannten Klimamodelle zu verbessern. Damit ist eine Art digitaler Zwilling der Erde gemeint. Die politischen Entscheidungen zum Klimaschutz basieren auf diesen Modellen.

Eisfreie Zeit in der Arktis wird länger

Forscher Markus Rex ist sehr vorsichtig mit seinen bisherigen Erkenntnissen. Bei jedem neuen Thema weist er darauf hin, dass es "erste" Hinweise seien, die der weiteren Forschung bedürfen. Glasklar sei aber schon jetzt: Im Frühjahr 2020 habe sich das Eis in der Arktis schneller zurückgezogen als jemals zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Eisausdehnung sei im Sommer nur noch halb so groß gewesen wie vor Jahrzehnten, die Eisdicke nur noch halb so stark wie vor fast 130 Jahren.

Im Vergleich zu dieser Zeit sei außerdem die Temperatur um 10 Grad höher gewesen. Zudem haben die Forscher ein völlig neues Windmuster gemessen, das unmittelbare Auswirkungen auf das Wetter hierzulande habe. Im Herbst 2020 habe sich das Eis viel später als sonst wieder geschlossen. Die Eis-freie Zeit im arktischen Sommer werde also länger.

Die Ozonschicht hat (wieder) ein gewaltiges Problem

Die Expedition hat auch Erkenntnisse über die Ozonschicht mitgebracht. Lange Zeit galt die Annahme, dass sich die Ozonschicht regenerieren könne, sich das Ozonloch sogar wieder schließen könne. Nun aber hat das Team um Forscher Markus Rex im Frühjahr 2020 den stärksten Ozonabbau in der arktischen Stratosphäre gemessen, der jemals aufgetreten ist. Stellenweise habe sich in zwanzig Kilometern Höhe gar kein Ozon mehr befunden. Was genau zu diesem besorgniserregenden Rekord-Ozon-Abbau geführt habe, möchte Rex noch nicht näher ausführen. Der Forscher will seinen Kolleginnen und Kollegen nicht vorgreifen, die ihre Erkenntnisse in wenigen Tagen publizieren werden.

Minenfeld Erderwärmung

Die Situation sei nun an einem Kipppunkt. Möglicherweise sei der Rückgang des Eises nicht mehr rückgängig zu machen, wenn die Erwärmung der Erde einen bestimmten Schwellenwert überschreite. Jenseits der 1,5-Grad-Erwärmung liege ein "ganzes Minenfeld" solcher Kipppunkte. Dazu gehöre dann auch beispielsweise das Verschwinden von Korallenriffen. Markus Rex formuliert den Rückgang des Arktis-Eises dramatisch: "Den Beginn der Explosion dieser Tretmine haben wir schon mit eigenen Augen gesehen."

Mahnung zu schnellem Klimaschutz

Die Emission von Treibhausgasen müsse daher drastisch und schnell reduziert werden, fordert Rex. Die aktuellen Klimaschutzziele der Bundesregierung hält der Forscher für "angemessen und gut". Jetzt komme es aber darauf an, auch die gesellschaftlichen Mehrheiten dafür zu bekommen. Rex umschreibt die überall sichtbare Uneinigkeit in Politik und Gesellschaft vorsichtig diplomatisch: "Im Moment sind wir noch nicht auf einem Pfad unterwegs, der uns zum Erreichen dieser Klimaschutzziele führt."

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