Oans, zwoa, ogsteckt: Auf dem Oktoberfest kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten.

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Oktoberfest 2022: Wie gefährlich ist die Wiesn wegen Corona?

Oktoberfest 2022: Wie gefährlich ist die Wiesn wegen Corona?

In wenigen Wochen soll das Oktoberfest beginnen. Doch es gibt die Befürchtung, dass angesichts der gegenwärtigen Corona-Infektionszahlen die Wiesn zum Superspreading-Event wird. Oder könnte sie sogar zur Brutstätte neuer Virusvarianten werden?

Zwei Wochen lang sitzen Zehntausende dicht an dicht an Biertischen, singen, tanzen und schreien gegen den Lärm im Bierzelt an: hervorragende Bedingungen für einen Krankheitserreger wie das Coronavirus, das sich über die Atemluft ausbreitet. Welche Folgen kann das Oktoberfest haben? Explodieren nach der Wiesn die Infektionszahlen? Drohen gar neue Varianten, die ansteckender oder gefährlicher sind?

Sind Volksfeste Superspreading-Events? Indizien, aber keine Beweise

Auf einem Volksfest wie der Wiesn findet das Coronavirus SARS-CoV-2 massenhaft Gelegenheit, von einem Menschen zum anderen überzuspringen. Nur schwer lässt sich jedoch beweisen, dass die Großveranstaltung tatsächlich die Ursache ist, wenn nach deren Ende die Infektionszahlen in der Umgebung ansteigen. Beispielhaft zeigt das die Erlanger Bergkirchweih in diesem Jahr. BR24 hat die Infektionszahlen im Anschluss an das Volksfest ausgewertet.

Auch in den Landkreisen Landshut und Weißenburg-Gunzenhausen gingen nach Volksfesten die Fallzahlen nach oben. Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätsklinikum in Regensburg, sah darin zumindest ein starkes Indiz für einen ursächlichen Zusammenhang. Allerdings schränkte er ein: "Man muss da jetzt nicht unbedingt von Superspreading-Ereignissen sprechen, aber sicher von Spreading-Ereignissen - wenn man im Bierzelt laut singt und schreit."

Das Virus hatte auf diesen Volksfesten also gute Bedingungen, sich auszubreiten. Einen sicheren Beweis, dass diese die Ursache für die im Anschluss steigenden Infektionszahlen waren, gibt es aber nicht. Beim Oktoberfest wäre so ein Beweis noch schwerer möglich, denn in einer Millionenstadt wie München gibt es viele andere Möglichkeiten, sich anzustecken. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass nach der Wiesn die Inzidenzzahlen in und um München nach oben gehen. Wie stark der Anstieg sein wird, lässt sich aber nicht vorhersagen.

Furcht vor Einschleppung weiterer Virusvarianten

Wegen des Oktoberfestes kommen Touristen aus aller Welt nach München. Möglicherweise bringen sie aber nicht nur Feierlaune, sondern auch Varianten des Coronavirus von anderen Kontinenten mit, die hier noch unbekannt sind. Diese Varianten könnten sich ausbreiten und die derzeit kursierende Omikron-Variante verdrängen, befürchten manche.

Oder es könnte zu Kombinationen zwischen zwei Varianten kommen und eine neue, gefährlichere entstehen. Diese Gefahr hält Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, jedoch für sehr klein: "Grundsätzlich ist es eine der Möglichkeiten, dass die gleichzeitige Infektion eines Menschen mit zwei verschiedenen Varianten unter ganz bestimmten Umständen auch zu einem Austausch von Erbmaterial zwischen diesen beiden Virusvarianten führen kann. Aber das ist ein extrem seltenes Ereignis, und das ist ein Ereignis, das überall auf der Welt passieren kann." Zum Beispiel in einem Restaurant, am Flughafen, also überall, wo Menschen auf engem Raum zusammenkommen und ohne Maske miteinander sprechen. Dann reichen wenige Sekunden für eine Infektion.

Neue Kombinationen von Coronaviren sind selten

Coronavirus-Varianten, die aus einer Kombination von zwei anderen entstehen, sind eine Ausnahme. Das liegt unter anderem daran, dass Coronaviren relativ selten Erbgut untereinander austauschen, anders als beispielsweise Influenzaviren, die Erreger der echten Grippe.

Die Entstehung neuer Virusvarianten ist ein sehr komplizierter Prozess und wissenschaftlich noch nicht vollständig verstanden. Eine Voraussetzung dafür, dass eine neue Variante entstehen kann, die sich gegen ihre Vorgängerinnen durchsetzt, ist aber bekannt: Sehr viele Menschen mit unterschiedlichem Immunsystem müssen mit dem Coronavirus infiziert sein, und das möglichst über längere Zeit. Auch beim einzelnen Erkrankten spielt die Zeit eine Rolle für die Entstehung neuer Varianten: Je länger die Infektionsdauer, desto mehr Varianten kann das Virus ausprobieren.

Lange infiziert sind nicht nur, aber besonders häufig Menschen mit einem durch Alter, Krankheit oder Medikamente geschwächten Immunsystem. Aber auch bei ihnen hat die Impfung einen positiven Effekt: Sie sorgt dafür, dass der Körper schnell Antikörper bilden und so die Infektion rasch abwehren kann. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass in ihrem Körper neue Varianten entstehen können.

Erhöhtes Ansteckungsrisiko auf der Wiesn nicht nur für Corona

Das Risiko für die Entstehung neuer Virusvarianten auf dem Oktoberfest ist also eher klein. Im Gegensatz zum Risiko, sich mit einer bekannten Variante anzustecken: Auf der Wiesn kommen viele Menschen auf engem Raum zusammen und können einander leicht mit Krankheiten infizieren. Kurz nach dem Anstich des ersten Bierfasses ist erfahrungsgemäß das Phänomen "Wiesn-Katarrh" zu beobachten: Dem Wiesnbesuch folgt eine Erkältungskrankheit. Auch für das Coronavirus gilt auf dem Oktoberfest eine erhöhte Ansteckungsgefahr. "Aber es hat aus meiner Sicht keine besondere Bedeutung für die Entstehung möglicher, neuerer oder sogar gefährlicherer Varianten", sagt Roman Wölfel.

Was gegen eine Infektion schützt, ist nach mehr als zwei Jahren Pandemie bekannt. Das sicherste Mittel ist: daheim bleiben. Wer große Angst davor hat, sich anzustecken - mit dem Coronavirus oder anderem - sollte sich dieser Gefahr erst gar nicht aussetzen, rät Roman Wölfel. Ausreichend Abstand zu halten, wird auf dem Oktoberfest voraussichtlich schwierig sein. Eine Maske zu tragen ist möglich und ratsam, stört aber spätestens beim Trinken aus dem Maßkrug.

Booster-Impfung bietet zusätzlichen Schutz vor Infektion

Der beste Schutz ist daher auch auf dem Oktoberfest, drei Mal gegen SARS-CoV geimpft zu sein. Diese vollständige Impfung schützt zuverlässig vor einem schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf. Wer zudem seinen Schutz vor Ansteckung erneuern will, sollte sich ein viertes Mal impfen lassen. "Die Optimierung des Impfschutzes, beispielsweise durch einen zweiten Booster zwei bis vier Wochen vor der Wiesn, kann das Infektionsrisiko noch einmal merklich senken", rät der Infektiologe Christoph Spinner, der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München. Das bestätigt auch Roman Wölfel: "Wir wissen, dass die die zweite Booster-Impfung nochmals einen kleinen Anstieg der Antikörperwerte liefert."

Dieser Schutz hält allerdings nicht lange an. Es lohnt sich auch nicht zu warten, bis es an die Variante Omikron angepasste Impfstoffe gibt. Diese soll es im September geben, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am 29. Juli 2022 im "Social Live"-Video der Tagesschau. Dann wird das Oktoberfest aber schon stattfinden.

BR24live zum Nachschauen: Die Pressekonferenz zur Wiesn 2022 mit einer Einschätzung zur Corona-Lage

Unter welchen Umständen findet die Wiesn 2022 statt?

Bildrechte: BR/Max Hofstetter

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