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Nobelpreis an Astrophysiker Genzel verliehen | BR24

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Auch wenn die feierliche Nobelpreis-Zeremonie in Stockholm coronabedingt ausfällt, werden die Preisträger doch in ihren Heimatländern geehrt. In München nimmt heute der Astrophysiker Reinhard Genzel den Physik-Nobelpreis entgegen.

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Nobelpreis an Astrophysiker Genzel verliehen

Auch wenn die feierliche Nobelpreis-Zeremonie in Stockholm coronabedingt ausfällt, werden die Preisträger doch in ihren Heimatländern geehrt. In München nahm der Astrophysiker Reinhard Genzel am 8. Dezember den Physik-Nobelpreis entgegen. Ein Porträt

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Von
  • Ortrun Huber
  • Jeanne Turczynski

„Mensch, was ein verrücktes Jahr!“ war dem Vernehmen nach die erste Reaktion von Reinhard Genzel, als ihn Anfang Oktober die Nobelpreis-Nachricht aus Stockholm erreichte. Zu einem Zeitpunkt also, da der Astrophysiker aufgrund der Pandemie seit Monaten keine Beobachtungen mehr im Universum mit Teleskopen durchführen konnte.

Jedoch arbeitet der Wissenschaftler ja bereits seit Jahrzehnten an dem Nachweis, dass Schwarze Löcher tatsächlich existieren - zunächst lange Jahre an der Universität im kalifornischen Berkeley, später als Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Extraterrestrische Physik. Dass der Nachweis schließlich gelang, war dem Nobelpreis-Komitee 2020 die Auszeichnung für Physik wert. Genzel wird gemeinsam mit der US-Forscherin Andrea Ghez ausgezeichnet „für die Entdeckung eines supermassiven kompakten Objekts im Zentrum unserer Galaxie“, so das Nobel-Komitee. Da die feierliche Zeremonie in Stockholm coronabedingt abgesagt wurde, wird Genzel die Auszeichnung heute in der Bayerischen Staatskanzlei verliehen.

Unerwartete Ehrung

Den Nobelpreis überhaupt jemals in den Händen zu halten - damit hatte Reinhard Genzel eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Denn bereits 2012 hatte der Wissenschaftler den renommierten Crafoord-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften erhalten. Eine Auszeichnung, die sich die Ehrung und Förderung von Grundlagenforschung, unter anderem auf dem Gebiet der Astronomie, zur Aufgabe macht.

"Wenn man den bekommt, da ist man eigentlich aus dem Rennen (um die Nobelpreise). Also ich hatte nicht erwartet, dass da sozusagen nochmals etwas käme." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Dabei ist das Sammeln von Auszeichnungen etwas, was schon dem jungen Reinhard vertraut war. Bereits als Schüler sammelte er Medaillen, allerdings nicht als Nachwuchswissenschaftler, sondern als Sportler. 1958 im hessischen Bad Homburg geboren, besuchte Genzel in Freiburg das Gymnasium und galt jahrelang als einer der besten jungen Speerwerfer in Deutschland. Er schaffte es sogar in die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft der Junioren, die für die Olympischen Spiele 1972 in München trainierte. Doch nach dem Abitur musste die Entscheidung dann fallen: Sport oder Physik. „Und dann war die Physik doch wichtiger“, sagt der Nobelpreisträger heute.

Immer dran bleiben

Vom Sport blieb Reinhard Genzel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen, die er in seiner Arbeit als Astrophysiker täglich braucht. Denn das Forschungsgebiet der Schwarzen Löcher ist keines, in dem täglich Fortschritte zu verzeichnen sind. Dazu sind die Dimensionen, in denen Reinhard Genzel arbeitet, zu riesig:

"Wir benutzen Sterne oder Gas, die im Zentrum der Milchstraße sehr häufig sind. Da messen wir deren Bewegungen, um nachzuweisen, ob es im Zentrum eine kompakte Masse gibt. (…) Diese Bewegungen sind natürlich relativ groß, aber die Skalen sind riesig. Wir reden hier von Skalen, die sehr viel größer sind als unser Sonnensystem. Und da dauert es Jahre, bis sich etwas bewegt. Und je weiter sie dann nach innen reinkommen, umso schwerer sind die Messung. Umso mehr müssen Instrumente neu entwickelt werden. Das dauert wieder Zeit. In meinem Forscher-Leben gab es insgesamt vier Phasen und jede davon war etwa zehn Jahre lang." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Beobachtungen im großen Stil

Die Beobachtungen, die Reinhard Genzel beschreibt, macht der Astrophysiker und sein Team mit vier großen Teleskopen mitten in Chile in der Atacama-Wüste - wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht. Mit Spiegel-Durchmessern von 8,20 Metern blicken die Teleskope tief in die Weiten des Kosmos. Als letzter großer Schritt gelang es den Wissenschaftlern jüngst, die chilenischen Teleskope zusammenzuschalten zu einem einzigen riesigen Teleskop.

"Damit können wir unheimlich scharf schauen. Da kann man eine Eurocent-Münze auf dem Mond sehen. So gut ist die Auflösung." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Beim Blick ins Universum interessieren Genzel aber nicht nur Schwarze Löchern. Der Forscher vergleicht den Blick ins Unendliche gerne mit einem Waldspaziergang, einem Forschungs-Spaziergang durch einen unbekannten Wald:

"In diesem Wald, den man nicht kennt, fängt man an, Blumen zu finden. Blaue Blume und rote Blumen. Und dann findet man im zweiten Schritt, dass die blauen Blumen immer auf der linken Seite vom Weg sind und die roten immer auf der rechten Seite. Und das ist sozusagen der Schritt von der ersten Entdeckung hin zur Frage: Gibt's da Gesetzmäßigkeiten? Warum sind die blauen Blumen immer links?" Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Dasselbe gelte für die Schwarzen Löcher. Astrophysiker, so Genzel, fragen sich: Warum sind die da? Haben die einen Zweck? Und in der Tat: Schwarze Löcher haben einen sehr bedeutsamen Zweck.

"Diese Riesendinger können ganze Milchstraßensysteme teilweise kontrollieren, wenn sie stark gefüttert werden. Und das ist in der Frühzeit des Universums der Fall gewesen. Es geht um das Verstehen eines fantastisch reichen Universums." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Eine Forscherfamilie

Mit seiner Frau, die als Professorin im Bereich der Neugeborenen-Medizin arbeitet, und den beiden Töchtern (beide Neurowissenschaftlerinnen) tauscht sich der Nobelpreisträger nach eigenen Angaben eher grundsätzlich über das Leben in der Wissenschaftsgemeinschaft aus - und nicht unbedingt über sein eigenes Fachgebiet. Und das hat einen Grund:

"Wenn ich jetzt neu anfangen würde, würde ich vielleicht auch in die Neurowissenschaften gehen wie meine beiden Töchter. Das ist eine ganz spannende Sache, neue Techniken sind dort möglich und man kann vieles machen." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger

Viel zu verdanken hat Reinhard Genzel, so sagt er selbst, vor allem seinem Vater, der ebenfalls Physikprofessor an der Universität Freiburg und dann später Max-Planck-Direktor war. Und dann gab es da noch den „zweiten Vater“, Genzels Mentor in den USA, den Physik-Nobelpreisträger Charles Townes. Er führte den Forscher aus Deutschland einst zur Experimentellen Astrophysik und vermittelte ihm das Rüstzeug für seine spätere Arbeit am MPI.

Den (weiblichen) Nachwuchs im Blick

Heute ist Reinhard Genzel neben seiner Arbeit am Max-Planck-Institut noch an der University of California in Berkeley und an der LMU München tätig und steht selbst dem wissenschaftlichen Nachwuchs als Mentor zur Seite. Vielleicht nicht zuletzt aufgrund der Karriere seiner Töchter hat der Wissenschaftler dabei besonders den weiblichen Nachwuchs im Blick:

"Als ich anfing hier in München, hatte ich keine Doktorandin oder Postdoktorandin. Heutzutage sind in meiner Gruppe mehr als 30 Prozent weiblich und das ist eine ganz tolle Sache." Reinhard Genzel, Physik-Nobelpreisträger
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Der Astrophysiker Reinhard Genzel gilt als einer, dem seine Forschung immer wichtiger war als Preise und Auszeichnungen. Er bekommt in der Bayerischen Staatskanzlei in München den Physik-Nobelpreis überreicht.

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