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Nerze, Fell und Pelz: "No-Go" oder nachhaltig? | BR24

© dpa/pa/Stanislav Krasilnikov/TASS

Frau in Moskau mit Pelzmantel und Pelzmütze

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Nerze, Fell und Pelz: "No-Go" oder nachhaltig?

Pelz als Jacke, Mütze oder Mantel - für viele ein Unding. Bilder aus dänischen Nerzfarmen haben schockiert, hinzu kommt die Sorge vor Corona-Mutationen. Doch es gibt auch Argumente pro Pelz. Ein Augsburger Atelier setzt auf Upcycling und Öko-Bilanz.

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Von
  • Hanna Heim
  • Ines Schneider

Das Thema "Pelze" spaltet seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit. Massentierhaltung und Tierquälerei - das sind die Vorwürfe, die sich Pelzträger oft anhören müssen. Für viele ist es deshalb ein Unding, Pelz zu kaufen und zu tragen. Klar ist: Der Pelz hat inzwischen sein Image als stolz präsentiertes Statussymbol verloren.

Pelzbranche mit Milliarden-Umsatz in EU

Doch wenn es offensichtlich weniger Kundschaft für Pelze gibt - woher kommen dann die 4,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz der Branche 2019 allein in der Europäischen Union? Die Antwort: Mittlerweile ist der Pelz nahezu unbemerkt in die "breite Bevölkerung gewandert".

Zum Pelz gehört nämlich auch immer Leder. Und da öffnet sich plötzlich ein ganzer Kleiderschrank - gefüllt mit Tieren, deren Häute und Fälle die Menschen seit jeher gerne getragen haben. Etwa Lamm, Kaninchen, Bisam, Biber oder Rotfuchs.

Doch ist das schlimm? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Fest steht: Viele Menschen sehen die Pelze nicht oder nicht nur kritisch, sondern loben deren Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und Klima-Bilanz. Und es gibt die Menschen, die seit langem mit Pelzen, Fellen und Leder arbeiten. So wie Familie Gerner. Sie führt seit bald 35 Jahren das Pelz-Atelier in Augsburg.

Augsburger Kürschner-Atelier geht innovative Wege

Kürschner Hans-Peter Gerner muss sich oft dafür rechtfertigen, dass er Tierfell verwertet. Sein wichtigstes Argument dagegen: Pelz ist nachhaltig! Bei guter Pflege kann ein Pelzmantel bis zu 100 Jahre lang getragen und immer wieder umgearbeitet werden. Und dann verrottet er auch ganz anders als die beste Windjacke aus Plastik.

Seine 32-jährige Tochter Nathalie, die ebenfalls Kürschnerin ist, bestätigt: Der Pelz ist in Verruf geraten. Der Reflex bei Pelz sei zunächst immer derselbe: "Tierquälerei, Massentierhaltung, schlimm!"

"Aber es ist jetzt auch nicht so, dass ich - wenn ich mich da erkläre - gleich eine richtige Ablehnung oder Abneigung bekomme. Eigentlich im Gegenteil, dass auch gesehen wird: 'Oh, ihr upcycelt, ihr recycelt - das ist ja toll'." Nathalie, Kürschnerin

Um die Nachhaltigkeit zu unterstreichen, sind Vater und Tochter Gerner nämlich auf einen neuen Trend aufgesprungen: Sie betreiben immer mehr Upcycling. Alte Pelzmützen, Jacken oder Westen werden umgearbeitet und für die nächste Generation aufbereitet. Wird so ein Kleidungsstück lange getragen, ist das tatsächlich nachhaltig und auf lange Sicht auch deutlich weniger kostenintensiv als ein neuer Mantel.

In Deutschland gibt es keine Pelzfarmen mehr

Die Frage ist allerdings immer: Woher kommen die Pelze heute? Tatsächlich hat die Europäische Union sich vor etwa zehn Jahren dazu entschlossen, die Pelztiere in Europa so gut es geht zu schützen und damit vielen Züchtern die Arbeit wirtschaftlich so unrentabel zu machen, dass sie aufgeben mussten. Das Ergebnis: 2019 schloss in Deutschland die letzte Nerzfarm.

Die Alternative wäre ein komplettes Verbot von Zuchtfarmen gewesen. Das wurde von den skandinavischen Ländern verhindert. Allen voran von Dänemark, das weltweit größte Exportland von Nerzpelzen. Etwa 15 bis 17 Millionen Nerze werden nach Angaben der Tierschutzorganisation PETA dort jedes Jahr auf bis zu 1.500 Pelzfarmen in winzige Käfige gesperrt, wo sie laut PETA "ein kurzes Leben unter unerträglichen Bedingungen führen müssen".

Aber auch in den USA gibt es rund um die Great Lakes viele Zuchtfarmen. Und dann gibt es noch China, wo die Tierschutzstandards vergleichsweise niedrig sind, die Nachfrage allerdings hoch. In China passiert also heute genau das gleiche wie im "Wirtschaftswunder-Deutschland" vor 60 Jahren, sagt Hans-Peter Gerner. Zeiten, in denen der Pelz en vogue war, in denen sich Ikonen wie Marilyn Monroe stolz damit ablichten ließen. Zeiten, in die der Augsburger Kürschner auf keinen Fall zurückwill. "Gott sei Dank" sei das vorbei, sagt er.

Corona-Mutation: Millionen Nerze getötet

Doch unbestritten waren die Zeiten für die Branche damals einfacher als jetzt. Die Corona-Pandemie hat die ohnehin schon angespannte Lage verstärkt. Ende vergangenen Jahres hat Dänemark die Zucht der Tiere bis Januar 2022 verboten und ließ Millionen Nerze töten - weil sie eine mutierte Form des Coronavirus in sich trugen.

© BR

Nerze, Fell und Pelz - wer trägt das heute noch? (Bild: SOKO Tierschutz e.V.)

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