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Nein, Migräne sind nicht nur starke Kopfschmerzen | BR24

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Während einer Migräneattacke ist alles zu viel: Licht, Geräusche, Gerüche.

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    Nein, Migräne sind nicht nur starke Kopfschmerzen

    Am 12. September ist Europäischer Kopfschmerz- und Migränetag. Anlass, um vier der häufigsten Migräne-Mythen einem kritischen Blick zu unterziehen. Hat Migräne psychische Ursachen? Hilft Aspirin? Die vier wichtigsten Mythen im #Faktenfuchs.

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    Mythos 1: "Migräne hat doch psychische Ursachen!"

    Falsch, Migräne ist eine echte neurologische Erkrankung - eine Erkrankung des Gehirns.

    Migräne ist kein psychisches Problem, sondern eine handfeste neurologische Erkrankung, sagt Prof. Dr. Karl Meßlinger von der Initiative "Attacke - Gemeinsam gegen Kopfschmerzen", die die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ins Leben gerufen hat. Studien zufolge leidet etwa jeder siebte bis zehnte Deutsche an Migräne, Frauen dabei bis zu dreimal so häufig wie Männer. Viele der Betroffenen haben mehrmals im Monat eine Attacke – deutschlandweit fallen dadurch jedes Jahr laut DMKG mehr als 30 Millionen Arbeitstage aus.

    Ein Patient mit Migräne hat diese Krankheit immer, nur treten die Symptome zyklisch auf und nicht permanent. Das Gehirn von Migränepatienten verarbeitet Reize anders als das von Nicht-Betroffenen: Das Nervensystem steht gewissermaßen ständig unter Hochspannung. Die Reizschwelle liegt niedriger.

    Warum genau ein Mensch zu Migräne neigt, ist bisher nicht restlos geklärt, sagt Dr. Charly Gaul, Chefarzt an der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Die einzige Ursache, die die Medizin mit Sicherheit kennt, ist eine genetische Veranlagung. Laut der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie haben mehr als 70 Prozent der Betroffenen Eltern, Geschwister oder Kinder, die ebenfalls unter Migräne leiden. Es gibt allerdings nicht das eine "Migräne-Gen", sondern eine ganze Reihe von genetischen Faktoren, die dazu führen, dass ein Mensch Migräne bekommt.

    Ist die Veranlagung vorhanden, kann ein Migräneanfall durch verschiedene Faktoren "getriggert", also ausgelöst, werden: Das kann ein Glas Rotwein sein, Stress, Schlafmangel oder eine Hormonschwankung. Bei Frauen ist es häufig die Menstruation, die eine Attacke auslöst. Allerdings sind die Trigger sehr individuell – manche Patienten haben selbst dann Migräneanfälle, wenn scheinbar gar kein Auslöser vorhanden ist.

    Psychische Faktoren spielen also durchaus eine Rolle: Stress und Ärger können einen Migräneanfall auslösen oder wahrscheinlicher machen. "Das bedeutet aber nicht, dass die Ursache der Migräne psychisch ist", betont Migräneexperte Gaul.

    Mythos 2: "Das ist doch nur ein bisschen Kopfweh."

    Falsch. Migräne-Patienten leider häufig unter sehr starken Kopfschmerzen – aber auch zahlreichen anderen Symptomen wie Sehbeeinträchtigung, Übelkeit und Erbrechen, Sprachfindungsproblemen, Geruchsempfindlichkeit manchmal auch Benommenheit und Schlappheit wie bei einem Infekt.

    Was passiert bei einem Migräneanfall? Gänzlich geklärt hat die Wissenschaft das noch nicht. Ein Migräneanfall durchläuft verschiedene Phasen: Die Attacken bahnen sich langsam an und dauern nach der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zwischen 4 und 72 Stunden. Charakteristisch ist auch, dass sie sich bei normalen körperlichen Aktivitäten wie Treppensteigen verstärken.

    Der Vorlauf: Schon lange vor einem Migräneanfall können starkes Gähnen, schlechte Stimmung und Heißhungerattacken auftreten. Bei einem Teil der Betroffenen tritt vor der eigentlichen Attacke außerdem eine sogenannte "Aura" auf. Typisch dafür sind Sehstörungen in Form von sich langsam ausbreitenden Zick-Zack-Linien im Gesichtsfeld, gleißendes Licht oder sirrendes Flimmern. Wenn sich die Aura in weiteren Hirnarealen ausbreitet, entstehen Gefühlsstörungen: Kribbeln oder Taubheit im Mund und in der Hand. Wird das Sprachzentrum erfasst, können sogar Wortfindungsschwierigkeiten auftreten.

    Die Hochphase: Etwas später treten dann starke Kopfschmerzen auf. Wahrscheinlich spielen Entzündungsvorgänge an den Blutgefäßen des Gehirns und der Hirnhäute eine Rolle. Verursacht werden diese durch Botenstoffe, insbesondere durch einen Stoff namens GCPR, der entlang des Trigeminus – des dreiteiligen Gesichtsnervs – ausgeschüttet wird. Die Entzündung verursacht starke Schmerzen. Bei körperlicher Belastung oder wenn der Blutdruck steigt, werden sie intensiver.

    Viele glauben, dass Migräne einfach eine heftige Art von Kopfschmerz ist. Tatsächlich ist der starke, oft einseitige Migräne-Kopfschmerz aber nur eins von vielen Symptomen: Viele Patienten leiden außerdem unter starker Übelkeit, Erbrechen und sind oft enorm licht- und geräuschempfindlich.

    Für einige sind die Symptome so belastend, dass sie quasi gar keine äußeren Reize mehr ertragen. Sie müssen sich hinlegen, dunkeln das Zimmer ab und versuchen alle Geräusche auszublenden. "Diese Situation weist darauf hin, dass das ganze Geschehen tatsächlich ein zentrales Geschehen unseres Gehirns ist", sagt Prof. Dr. Karl Meßlinger.

    Mythos 3: Migräneattacke? "Dann nimm halt mal ne Aspirin"

    Falsch. Bei leichten Migräneattacken können Schmerzmittel helfen. Viele Patienten müssen jedoch spezielle Medikamente einnehmen - sogenannte Triptane. Diese lindern die Symptome, wirken aber auch nicht bei allen Patienten.

    Es gibt nicht "das" Migräne-Medikament. Verschiedene Therapien schlagen bei verschiedenen Patienten unterschiedlich an. Schmerzmittel wie Aspirin und Ibuprofen können einigen Patienten mit leichteren Attacken helfen, bei anderen bewirken sie nichts. Experten wie Lucia Grant, Präsidentin der deutschen MigräneLiga, sagen deshalb: "Ein Medikament alleine reicht nicht aus." Es gebe viele Formen von Migräne und jeder Patient brauche eine maßgeschneiderte Behandlung.

    Bei heftigeren Migräne-Attacken empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in ihrer Leitlinie, die sie zusammen mit der DKMG herausgebracht hat, zur Behandlung von Migräne "Triptane". Diese verengen die Gefäße im Gehirn, die während eines akuten Migräneanfalls erweitert sind. Und sie hemmen die Ausschüttung von körpereigenen Stoffen, die an der Entzündungsreaktion beteiligt sind.

    Allerdings: Viele Ärzte sind keine Kopfschmerz-Spezialisten. Laut DMKG werden rund 40 Prozent aller Migränefälle nicht richtig diagnostiziert und daher auch nicht fachgerecht behandelt. Viele Patienten behandeln sich jahrelang selbst mit frei erhältlichen Schmerzmitteln. Sie riskieren so, dass die Beschwerden chronisch werden. Zudem besteht das Risiko eines medikamenten-induzierten Kopfschmerzes. Denn bei Patienten, die an zehn oder mehr Tagen im Monat Schmerzmittel oder Migräne-Medikamente einnehmen, können diese Mittel zu weiteren Kopfschmerzen führen.

    Von dieser Art von medikamenten-verursachten Kopfschmerzen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland betroffen.

    Mythos 4: "Migräne ist heilbar."

    Falsch – Migräne ist nicht heilbar, aber therapierbar.

    Migräne ist nicht heilbar. Zumindest nicht in dem Sinne, dass der Patient irgendwann gar keine Attacken mehr hat. Allerdings lassen sich akute Migräneattacken inzwischen gut behandeln – und man kann ihnen vorbeugen. Das ist auch wichtig, denn laut der Migräne-Behandlungsleitlinie sollen Triptane und Schmerzmittel höchstens an zehn Tagen im Monat eingenommen werden. Um die Überdosierung von Schmerzmittel effektiv vorzubeugen, ist es also am besten, wenn die Attacken gar nicht erst auftreten.

    Hat ein Patient mehr als drei Attacken pro Monat oder wenn sich die Attacken mit Medikamenten nicht in den Griff kriegen lassen, ist eine Prophylaxe laut der Behandlungsleitlinie sinnvoll. Sie beugt auch dem bereits erwähnten medikamenten-induzierten Kopfschmerz vor, da die Patienten weniger Schmerzmittel nehmen müssen.

    Für eine medikamentöse Prophylaxe werden Medikamente eingesetzt, die selbst keine Schmerzmittel sind und zunächst für die Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt wurden. Die Palette der Prophylaxe-Medikamente ist breit und reicht von Betarezeptorenblockern über Medikamente aus der Epilepsie-Therapie bis hin zu Antidepressiva.

    Seit dem Sommer 2018 gibt es zudem noch eine andere Form der Migräne-Prophylaxe, die anfangs als eine Art "Wundermittel" gehandelt wurde: die sogenannten "CGRP-Antikörper". Diese besetzen die CGRP-Rezeptoren oder heften sich direkt an die CGRP-Moleküle und verhindern so, dass diese die für die Migräne verantwortliche Entzündung auslösen können. Die Therapie ist allerdings sehr teuer und die Langzeitfolgen sind noch nicht erforscht.

    Zusätzlich zu der Behandlung mit Medikamenten gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die Betroffene ergreifen können, um Migräne-Attacken vorzubeugen:

    • Auf regelmäßige Mahlzeiten achten und nicht ausfallen lassen
    • Einen ausgeglichenen Schlaf-Wach-Rhythmus beibehalten. Sprich: Am Wochenende ungefähr um dieselbe Uhrzeit aufstehen wie unter der Woche
    • Regelmäßig moderaten Ausdauersport und Entspannungsmethoden wie Progressive Muskelrelaxation einplanen
    • Falls man Kaffee trinkt, darauf achten, ungefähr die gleiche Menge täglich zu sich zu nehmen
    • Genügend Pausen im Alltag machen
    • Nach Möglichkeit persönliche Migräne-Auslöser herausfinden und meiden