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Nach dem Lockdown: Sind unsere Kinder jetzt computersüchtig? | BR24

© BR/Ulrich Trebbin

In der Zeit des Lockdowns haben die bayerischen Schulkinder viel mit dem Computer zu tun gehabt, weil es keinen Unterricht im Klassenzimmer gab. Auch die Freizeit haben sie gezwungenermaßen mehr an Bildschirmen verbracht. Ist das gefährlich für sie?

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Nach dem Lockdown: Sind unsere Kinder jetzt computersüchtig?

In der Zeit des Lockdowns haben die bayerischen Schulkinder viel mit dem Computer zu tun gehabt, weil es keinen Unterricht im Klassenzimmer gab. Auch die Freizeit haben sie gezwungenermaßen mehr an Bildschirmen verbracht. Ist das gefährlich für sie?

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In der Zeit des Corona-Lockdowns haben Computer und Internet im Leben aller einen größeren Raum eingenommen. Auch die Kinder in Bayern haben mehr vor Bildschirmen gesessen: vormittags E-Mails von den Lehrern, Lernvideos und Klassenchats, nachmittags Computerspiele und Videotelefonate mit Freunden oder den Großeltern. Ende März hatte der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer darum befürchtet, dass so die Computer- und Spielsucht von Kindern befördert wird.

Erhöhter Medienkosum während des Lockdowns

Tatsächlich weist eine erste Studie während des Lockdowns darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mehr vor den Bildschirmen gesessen haben. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest hat in der JIMplus-Corona-Studie Anfang April rund tausend Schülerinnen und Schüler nach ihrem Medienkonsum befragt. Die Kinder und Jugendlichen gaben tatsächlich an, mehr YouTube-Videos zu schauen (82%), mehr Musik zu hören (78%), mehr Streamingportale zu nutzen (71%) oder mehr fernzusehen (54%).

Fast alle Jugendlichen hielten den Kontakt zu ihren Freunden über Messengerdienste wie WhatsApp (90%), jeder Dritte tauschte sich über Computerspiele (36%) oder Videochats (34%) aus, und jeder Vierte nutzte spezielle Apps wie Houseparty, um mit den anderen Kontakt zu halten.

Konsum pendelt sich oft wieder ein

Nach dem Ende des Lockdowns berichtet der 16-jährige Rafael vom Münchner Luisengymnasium, dass er während der Schulschließung viel Zeit mit dem Computer und seinem Smartphone beschäftigt war. Nach der Rückkehr in die Normalität hat er dennoch nicht das Gefühl, jetzt mehr vor dem Computer zu sitzen als früher.

Auch sein um ein Jahr jüngerer Mitschüler Moritz stellt fest, dass sich sein Medienkonsum wieder einpendelt, weil er ja wieder andere Dinge tun kann, wie in die Schule gehen oder sich mit seinen Freunden treffen.

Der Viertklässler Marley erzählt, dass er während des Lockdowns sehr viele Videospiele gespielt hat, sodass er sogar Kopfweh davon bekam und ihm übel wurde. Da hat er sich das Computerspielen selbst abgewöhnt, sagt er.

Medienpädagoge: Eine Computersucht beginnt nach einem Jahr

Björn Friedrich von der medienpädagogischen Einrichtung "Studio im Netz (SIN)" in München glaubt nicht, dass der Lockdown langfristige Folgen für die meisten Kinder und Jugendlichen hat. Eine Sucht könne auch erst entstehen, wenn mehrere Faktoren über ein Jahr hin wirksam sind: Dazu gehören exzessives Computerspielen und Vernachlässigung von Schule, Kontakten und Körperhygiene, sagt er.

Die drei Monate Schulschluss seien also viel zu kurz. Damit aber aus dem Mehrkonsum keine Sucht wird, müsse man allerdings in den nächsten neun Monaten schon darauf schauen, ob Kinder und Jugendliche bestimmte Spiele entdeckt hätten, an denen sie jetzt womöglich hängen bleiben, so der Medienpädagoge.

Lockdown gut für digitale Fähigkeiten gewesen

Björn Friedrich tendiert eher zu der Ansicht, dass die Kinder und Jugendlichen während des Lockdowns viel über die digitale Welt gelernt hätten. Olivia aus der vierten Klasse der Münchner Schwindschule erzählt zum Beispiel, dass ihre Mutter ihr beigebracht habe, über Skype zu telefonieren, und auch der Neuntklässler Peter hat nach eigener Aussage viel Neues über Computer und Internet gelernt.

Peter findet es wichtig, dass die Schule sie in dieser Hinsicht noch besser auf das Berufsleben vorbereitet. Allerdings habe er festgestellt, dass die meisten seiner Lehrer - jedenfalls zu Anfang - in digitaler Hinsicht noch recht unbedarft gewesen seien.

Medienpädagoge: Digitales Lernen auch schon in der Grundschule

Auch Björn Friedrich vom "Studio im Netz", das auch von der Stadt München gefördert wird, würde sich wünschen, dass vor allem die Grundschulen digital aufholen, sowohl was die Ausstattung angeht, als auch die Fortbildungen für Lehrer.

Kinder dürften die digitale Welt nicht nur in der Freizeit kennenlernen, sagt der Medienpädagoge, sondern bräuchten den Zugang dazu auch in der Schule. Das sei wichtig für die Chancengleichheit und damit die Kinder lernen, richtig mit digitalen Medien umzugehen, und damit sie erfahren, dass man mit ihnen nicht nur konsumieren, sondern auch arbeiten und kreativ sein kann. Damit erst nach der Grundschule zu beginnen, sei eindeutig zu spät, so Björn Friedrich.

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