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Mysterium Föhn und Wetterfühligkeit: Alles nur Einbildung? | BR24

© BR Nachrichten, Anton Rauch

Der Föhn wirbelt die Temperaturen in Bayern durcheinander

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Mysterium Föhn und Wetterfühligkeit: Alles nur Einbildung?

Müde, genervt und auch noch Kopfschmerzen - so beschreiben Wetterfühlige ihren Zustand bei Föhn. Am milden Südwind, der den Winter zum Frühling macht, wird viel geforscht. Und es ist was dran, dass unser Körper auf Wetterreize reagiert.

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Der Föhn gehört zu Bayern wie die Münchner Frauenkirche und das Oktoberfest. Er verlegt München optisch in die Alpen als wäre die Stadt ein Millionendorf mitten im Karwendelgebirge. Ein Schauspiel, an dem sich viele erfreuen. Für Wetterfühlige aber ist der Teufelshauch - wie der warme Wind in Kalifornien genannt wird - die reinste Plage.

Das Wetter beeinflusst das Wohlbefinden

Ist es draußen warm, schwitzen wir. Ist es kalt, frieren wir. Ist es dunkel, sind wir eher betrübt, scheint die Sonne, fühlen wir uns besser. Zu viel UV-Strahlung kann unsere Hautzellen schädigen. Ist es feucht-kalt, kann das die Schmerzen bei Arthrose verstärken. Das Wetter beeinflusst also unser Wohlbefinden.

"Aufgrund von subjektiven Empfindungen, die im Rahmen von zahlreichen Studien erfasst wurden, ist an der Realität von Zusammenhängen zwischen dem Wettergeschehen und der Befindlichkeit nicht zu zweifeln." Angela Schuh, Leitung des Fachbereichs medizinische Klimatologie, Kurortmedizin und Prävention an der LMU München

Auch Luftdruckveränderungen wirken sich aus. Studien zeigen, dass Druckveränderungen Kopfschmerzen auslösen können. Das haben japanische Forscher in Druckkammern ausprobiert.

Die Föhnkrankheit ist umstritten

Das Wetter beeinflusst unseren Organismus. Ob es eine eigenständige Föhnkrankheit gibt, ist allerdings umstritten. Es gibt zwar viele Hinweise, dass Müdigkeit, Unruhe, Unkonzentriertheit, Kopf- und Narbenschmerzen sowie Schlaflosigkeit mit dem Föhn zusammenhängen, aber es gibt Forscher, die Wetterfühligkeit eher als ein vorübergehendes Phänomen begreifen. Wer beispielsweise täglich viel Zeit im Freien verbringt, kann seine Beschwerden lindern.

"Prinzipiell ist es so: Je mehr der Mensch sich abhärtet, sein Körper trainiert ist und er sich einer Klimavielfalt aussetzt, desto erfolgreicher ist der Kampf gegen die Wetterfühligkeit. Deshalb die Empfehlung, immer rauszugehen, Kalt- und Warmduschen abzuwechseln und sich wettergerecht verhalten." Andreas Matzarakis, Biometeorologe an der Universität Freiburg

Gesunde passen sich problemlos an Wetterveränderungen an. Wetterfühlige dagegen klagen über Befindlichkeitsstörungen.

Der Föhn kommt bei uns aus dem Süden

Bei Föhn wird es auf einmal ungewöhnlich warm und trocken. Dieses Phänomen gibt es fast überall auf der Welt, wo Berge sind. In Bayern kommt es daher, dass der Südwind über die Alpen streicht. Dieser Wind kommt meist vom Mittelmeer her und ist mit feuchter Luft angereichert. Die Alpen sind ein Hindernis, an dem die feuchte Luft aufsteigen muss. Sie kühlt sich dabei ab: um ein halbes Grad pro 100 Höhenmeter. Wird es beim Aufsteigen kühler, können die Wolken die Feuchtigkeit nicht mehr halten und regnen sich ab. Das geschieht auf der Alpensüdseite.

Der Wind ist auf der Nordseite der Alpen wärmer als auf der Südseite

Überschreitet der Südwind den Alpenhauptkamm und kommt nach Bayern, strömt er hangabwärts. Der Wind ist jetzt trocken, weil sich die Wolken bereits auf der Südseite der Alpen abgeregnet haben. Trockene Luft erwärmt sich leichter als feuchte Luft - und zwar um ein Grad pro 100 Meter, die es talabwärts geht. Zum Vergleich: Beim Aufstieg wurde es nur ein halbes Grad kühler pro 100 Höhenmeter. Das ist der Grund, warum die Luft nach Überquerung der Berge wärmer ist als vorher. Der Föhn wird deshalb auch als warmer Fallwind bezeichnet.

"Die Wetterfühligkeit, das ist eine große Palette von Beschwerden, die nicht unbedingt mit dem Wetter zusammenhängen müssen. Aber das Wetter führt dazu, dass diese Beschwerden das Glas zum Überlaufen bringen." Prof. Andreas Matzarakis, Meteorologe Deutscher Wetterdienst, Zentrum für Medizin

Wetterfühlige sind "durch den Wind", wenn der warme Fallwind das Wetter umschlagen lässt. Dann ist der Himmel blau und die Sonne scheint.

© BR

Der Weg des warmen Windes über die Berge

Der Föhn kann einen rasanten Wetterwechsel herbeiführen

Weht der Südwind über die Alpen, kann es zu einem rasanten Wetterumbruch kommen. Ist es im Winter an einem Tag noch frostig kalt, kann ein Föhneinbruch die Temperatur von einem Tag auf den anderen um zehn oder zwanzig Grad in die Höhe treiben.

"Somit ist an der Realität von Zusammenhängen zwischen dem Wettergeschehen und gesundheitlich relevanten biologischen Vorgängen nicht zu zweifeln, es existieren erst Ansätze, die Zusammenhänge zu klären." Angela Schuh, Leitung des Fachbereichs medizinische Klimatologie, Kurortmedizin und Prävention an der LMU München

Der Zusammenhang zwischen Föhn und Kopfschmerz ist allerdings kompliziert und noch nicht in allen Einzelheiten geklärt.

Halb Deutschland reagiert aufs Wetter

Etwa die Hälfte der Deutschen geben an, wetterfühlig zu sein. Laut Angela Schuh von der LMU München betrifft es Frauen häufiger als Männer. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der wetterfühligen Menschen. Jugendliche sind dagegen kaum betroffen.

"Müdigkeit, Missmut, Arbeitsunlust, Konzentrationsstörungen, Einschlafstörungen, Nervosität, Fehlerneigung, Unwohlsein sowie Angst, Depressivität und Gehemmtheit. Es stehen somit weniger klar umrissene als eher allgemeine Befindlichkeitsstörungen im Vordergrund." Angela Schuh, Leitung des Fachbereichs medizinische Klimatologie, Kurortmedizin und Prävention an der LMU München

Im Alter zwischen 30 bis 60 Jahren steigt der Anteil der Wetterfühligen auf etwa 60 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland an.

Der Organismus reagiert langsam auf Wetterumschwünge

Wetterfühligkeit hat damit zu tun, dass sich der Körper nicht so schnell an Außenreize anpassen kann. Vor allem dann, wenn der Umschwung massiv ist. Das kann den Blutdruck in die Höhe treiben und den Herzschlag erhöhen. Darunter leiden vor allem ältere oder geschwächte Menschen.

"Es liegt nahe, dass einzelne meteorologische Parameter Veränderungen der Herzfunktion und damit als Folge auch unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse besonders bei vorgeschädigten, sensiblen Individuen hervorrufen könnten." Alexandra Elisabeth Henneberger, medizinische Fakultät der LMU München

Wer an Herz-und Gefäßerkrankungen oder auch an Asthma leidet, sollte bei kaltem Wetter nur warm eingepackt ins Freie gehen. Experten empfehlen aber, das kuschlige Heim täglich zu verlassen, um sich gegen Wetterkapriolen wie den Föhn abzuhärten.

© BR

Der Süden Bayerns hat heute Morgen ein seltenes Wetterphänomen erlebt: Zeitgleich lagen die Temperaturen fast 20 Grad auseinander.