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Murmeltiere, die kälteliebenden Energiesparer in den Alpen | BR24

© picture alliance/imageBROKER

Murmeltier vor seinem Bau in den Bergen

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Murmeltiere, die kälteliebenden Energiesparer in den Alpen

Wanderer freuen sich, wenn Murmeltiere in den Bergen pfeifen und wenn sie sie noch kurz sehen, bevor sie in ihrem Bau verschwinden. Die dicken Fellknäuel sind Meister des Tunnelbaus - weshalb die putzigen Tiere aber auch nicht jeder mag.

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Wer schon einmal in den Bergen war, hat es vielleicht schon einmal pfeifen gehört. Klingt fast, als würden sich Menschen mitteilen wollen - es sind aber Murmeltiere, die untereinander kommunizieren. Mit etwas Glück kann man sie auch sehen, die braun-grauen moppeligen Fellwürste, die bedächtig über die Hänge wackeln, erstaunlich flink in ihre Höhle schlüpfen oder neugierig auf Steinen sitzen. Wenn man weiß, wo und wie die Nagetiere, die zur Familie der Hörnchen gehören, leben und zu finden sind.

Murmeltiere fühlen sich in den kühlen Bergen wohl

Das Murmeltier ist tagaktiv, besitzt nur wenig Schweißdrüsen und kann sich auch nicht durch Hecheln kühlen, weshalb es kältere Regionen bevorzugt. Es fühlt sich auf einer Höhe von 900 bis 3.000 Metern wohl und ist bei uns im gesamten Alpenraum zuhause: in den Berchtesgadener Alpen, im Karwendel- und Wettersteingebirge sowie in den Allgäuer Alpen und den Schwäbisch-Oberbayerischen Voralpen. Typische Murmeltiergebiete befinden sich oberhalb der Baumgrenze: mit Steinen durchsetzte Grünflächen, Almen und Bergweiden. Es darf gern ein sonniger Südhang sein, der im Frühling schnell schneefrei wird und auf dem die Vegetationsperiode früher einsetzt. Murmeltiere lieben Gräser, Kräuter und Blüten - und einen Boden mit ausreichend Erde, in dem sie ihren bis zu sieben Meter tiefen, weitverzweigten Bau mit vielen Gängen und Kammern anlegen können.

Ist es Murmeltieren zu warm, können sie weniger Nahrung sammeln

Im Sommer verbringen die Nagetiere auch in höheren Lagen die Mittagszeit im Bau, um nicht zu überhitzen. In tieferen, wärmeren Lagen müssten sie sich die meiste Zeit in ihren Bau zurückziehen. Die Zeit zur Nahrungsaufnahme wäre dann zu kurz, die Vorbereitung für den Winter zu knapp. Der Klimawandel wird ihren Lebensraum deshalb noch weiter nach oben verschieben.

Murmeltiere leben in einem großen Familienverbund

Die bis zu sechs Kilogramm schweren und 60 Zentimeter langen Murmeltiere leben in einer Familiengruppe, die bis zu zwanzig Tiere stark werden kann. In ihrer Gruppe, die meist aus einem ranghohen Weibchen und Männchen samt deren Nachkommen besteht, pflegen sie einen engen Sozialkontakt: Sie beschnuppern sich, reiben ihre Nasen aneinander und betreiben gegenseitige Fellpflege. Damit stärken sie ihre Bindung und Harmonie im Verbund, damit alle Männchen und Weibchen der verschiedenen Generationen gut miteinander auskommen. Die geselligen Murmeltiere sehen und hören sehr gut. Mit ihren lauten Pfiffen, die eigentlich Schreie sind, warnen sie sich gegenseitig vor Gefahren und Feinden.

Bei Murmeltieren ist der Bau das Lebenszentrum

Beim Anlegen des Murmeltierbaus helfen alle Tiere mit ihren kräftigen Beinen und Krallen zusammen. 90 Prozent ihres Lebens verbringen Murmeltiere untertage. Weil sie keine ausdauernden Läufer, dafür aber flink sind, entfernen sie sich normalerweise nur wenige Meter von ihrem Bau, damit sie bei Gefahr schnell wieder hineinflitzen können.

Murmeltiere bereiten sich früh auf Winterschlaf vor

Ab Ende September, Anfang Oktober halten Murmeltiere in ihrem Bau Winterschlaf. Wanderer wundern sich dann oft bei schönstem Herbstwetter, wenn noch längst kein Schnee in Sicht ist, wo die Tiere abgeblieben sind. Sie ziehen sich so früh zurück, weil der Nährstoffgehalt der Pflanzen dann schon stark nachgelassen hat und die Nahrungsaufnahme dadurch immer schwieriger und anstrengender wird. Ihre Fettreserven müssen sie bis dahin schon aufgefüllt haben. Und auch der Bau wird präpariert: Der Boden wird mit trockenem Gras isoliert und gepolstert. Von innen werden die Eingänge mit bis zu zwei Meter langen Pfropfen aus Gras, Erde, Steinen und Kot verschlossen, damit nichts und niemand eindringen kann.

Murmeltier-Körper arbeitet im Winter auf Sparflamme

Bis zu sieben Monate am Stück halten Murmeltiere Winterschlaf und nehmen währenddessen keinerlei Nahrung auf. Dafür müssen sie ihren Energieverbrauch drastisch senken. Sie fahren ihren Stoffwechsel auf ein Hundertstel des Sommerniveaus zurück. Die Herzschlagfrequenz sinkt auf vier bis sechs Schläge pro Minute. Weil ihr entschleunigter Stoffwechsel kaum noch Wärme produziert, sinkt die Körpertemperatur der Säugetiere auf bis zu ein bis zwei Grad. Frost kann der winterschlafende Murmeltierkörper nicht mehr ausgleichen, dann würde er erfrieren. Der Boden darf also nicht bis in die Murmeltier-Schlafhöhle durchfrieren, deshalb liegt die Schlafhöhle bis zu sieben Meter tief unter der Erde.

Murmeltiere dienen als Gemeinschaftsheizung

Trotzdem bekommt die in der Schlafhöhle kuschelnde Großfamiliengruppe durch die Schneedecke und Erde noch ausreichend Sauerstoff. Die Eltern und älteren Geschwister dienen vor allem den Jungtieren als lebende Wärmflaschen: Weil die Kleinen noch zu wenig Fettreserven haben, würden sie es alleine nicht über den Winter schaffen. Alle paar Wochen wachen die Murmeltiere gemeinsam für ein bis zwei Tage auf, erleichtern sich und erwärmen sich wieder auf rund 35 Grad. Ein bis zwei Tage bleiben sie so, um sich gegenseitig zu wärmen, dann fahren sie ihren Stoffwechsel erneut herunter.

Frühes Aufwachen, schnelle Paarung, lange Futterzeit

Ende März, Anfang April kommen sie aus ihrem Winterschlaf und ihre Paarungszeit beginnt. Oft liegt dann noch eine geschlossene Schneedecke. Doch je früher die Jungen auf die Welt kommen, umso größere Überlebenschancen haben sie, weil sie für das Anfressen der Fettreserven für den Winter länger Zeit haben. Zwei bis fünf Junge pro Jahr kann ein Weibchen nach einer Tragzeit von rund 30 Tagen zur Welt bringen. Allerdings pflanzt sich in einer großen Familiengruppe immer nur ein Weibchen fort, das ranghöchste Tier. Auch bei den Männchen gibt es eine ganz klare Rangordnung. Mehrere Männchen aus der Gruppe, in der Regel ganz nah verwandte Tiere - Väter, Söhne und Brüder - decken das Weibchen. Forscher vermuten, dass auch dieses Verhalten dem Winterschlaf geschuldet ist: Je mehr Männchen das Weibchen davon überzeugen kann, der Vater des Nachwuchses zu sein, desto intensiver werden die Jungen im Winter gewärmt.

Jugendliche Murmeltiere auf Freiersfüßen

Murmeltiere können zehn bis 15 Jahre alt werden. Spätestens im fünften Lebensjahr verlassen Murmeltier-Weibchen und -Männchen dann doch die Elternfamilie und suchen sich ein eigenes, bis zu fünf Hektar großes Territorium. Die gefährlichste Zeit im Leben der großen Hörnchen! Diese Phase überleben 80 bis 90 Prozent der Tiere nicht. Sie müssen entweder in ein anderes Territorium eindringen und stärker als das dortige Alphatier sein. Oder ein unbewohntes Gebiet und einen Geschlechtspartner finden, um eine neue Familie zu gründen.

Murmeltiere werden ganzjährig geschont

Murmeltiere sind selten, gelten aber aktuell in Bayern als nicht gefährdet. Sie unterliegen zwar dem Jagdrecht - es gibt aber keine Jagdzeit dafür, weshalb sie ganzjährig geschont werden. Früher wurden sie intensiv bejagt, weshalb die Bestände abgenommen hatten. Mittlerweile haben sie sich davon wieder erholt, der Bestand scheint stabil zu sein. Vor allem, weil ihre natürlichen Feinde wie Steinadler oder Kolkraben ebenfalls selten sind.

Manchmal werden Murmeltiere zur Gefahr

In einzelnen Gebieten sind es den Almbauern inzwischen sogar zu viele Tiere: Mit ihren Bauten untertunneln Murmeltiere Gebäude und können sogar ganze Hänge abrutschen lassen. Im Oberallgäu zum Beispiel läuft derzeit ein Forschungsprojekt, wie man Murmeltiere tierschutzgerecht vertreiben kann.

© BR/Abendschau

Mit ihren schwarzen Knopfaugen sehen Murmeltiere einfach putzig aus. Es gibt aber Orte, an denen sie großen Schaden anrichten: auf Alpen im Oberallgäu zum Beispiel.