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Virologe Keppler: Der Teil-Lockdown ist richtig | BR24

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Virologe: Der Teil-Lockdown ist richtig

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    Virologe Keppler: Der Teil-Lockdown ist richtig

    Die am Mittwoch beschlossenen Corona-Maßnahmen sind sinnvoll. Das sagt der Münchner Virologe Prof. Oliver Keppler. Er hält die Beschränkungen sogar noch für moderat und spricht sich für eine Maskenpflicht aus.

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    Von
    • Uwe Pagels
    • BR24 Redaktion

    Um das Coronavirus zurückzudrängen, wird ab Montag das soziale und gesellschaftliche Leben wieder deutlich heruntergefahren - mindestens bis Ende November. Bayern 2-Radiowelt-Moderator Uwe Pagels hat darüber mit Professor Oliver Keppler gesprochen. Er leitet die Virologie am Max von Pettenkofer-Institut der LMU in München.

    Es ist sinnvoll, die Welle jetzt zu brechen

    Uwe Pagels: Theater, Opern, Messen, Kinos, Freizeitparks, Spielhallen, Schwimmbäder, Fitnessstudios, Restaurants. Alles muss schließen. Nach den Erkenntnissen, die wir mittlerweile haben: Ist das sinnvoll?

    Oliver Keppler: Ich glaube, man muss sich anschauen, wo die Regierung gestern stand und in welcher Situation wir uns befinden. Wir sind jetzt in der zweiten pandemischen Welle dieses neuen Coronavirus'. Das sehen wir nicht nur bei uns mit drastisch ansteigenden Zahlen in den letzten Wochen, sondern auch bei unseren Nachbarn. Spanien, Frankreich, Belgien, Tschechien dort herrschen teilweise schon alarmierende Zustände - auch in den Krankenhäusern und Intensivstationen. Das würde uns in einigen Wochen auch drohen, wenn die Entwicklung so weitergeht. Das heißt, jetzt war die Situation gegeben, hier zu handeln und den Versuch zu unternehmen, die Welle zu brechen. Das halte ich auch für sinnvoll.

    Es muss uns aber auch klar sein, dass wir nicht nur über die nächsten vier Wochen sprechen. Es ist generell so, dass die nächsten fünf bis sechs Monate gegen uns arbeiten. Es ist Winter. Es ist die Jahreszeit, in der sich die Übertragung eines solchen Atemwegserregers einfach besser ausbreiten kann. Wir haben ein starkes Gesundheitssystem, aber wir müssen auch versuchen, gemeinsam durch Beschränkungen der Sozialkontakte versuchen, das Infektionsgeschehen nach unten zu drücken.

    Die Maßnahmen sind moderat

    BR: Das Ganze hat aber auch einen sozialen Aspekt. Verkraften das die Menschen, nachdem im Frühjahr ja alles noch ganz gut machbar war. Aber jetzt erneut?

    Oliver Keppler: Ich bin Virologe und kein Psychologe und muss hier natürlich auch der Politik hohen Respekt zollen, dass sie in viele Aspekte mit einbezogen hat. Da ist natürlich auch der Blick von der Gesundheit, auch in Richtung der Wirtschaft. Das ist sehr komplex. In dieser Haut möchte ich nicht stecken. Und zum Glück, muss ich klar sagen, dass man da einheitliche Regelungen für Deutschland hinbekommen hat. Das war immer meine Sorge in den letzten Wochen, dass wir zu kleinteilig agieren. Zu sehr auf Länderebene. Zu sehr regional. Das hatte alles seinen Sinn nach der Sommerpause, wo verschiedene Bereiche als Hotspots identifiziert worden sind.

    Aber jetzt ist die Zeit für klare Maßnahmen, die wir fünf Monate auch durchhalten können. Unser Blick muss auch nach vorne gehen, denn nach den vier Wochen im November haben wir immer noch vier Monate vor uns. Die Maßnahmen sind jetzt moderat. Es muss uns aber allen klar sein: Wenn die Infektionszahlen weiter nach oben schießen, kann es natürlich auch sein, dass dann das berufliche Leben weiter eingeschränkt wird und die Wirtschaft darunter dann noch mehr leidet. Und natürlich der Einzelne.

    Maskenpflicht ist eine der schärfsten Waffen

    BR: Nun gibt es ja auch Virologen, die die drastischen Maßnahmen nicht für sinnvoll halten. Liegen die falsch?

    Oliver Keppler: Mir fehlt zum Beispiel auch der Fokus auf die Maskenpflicht. Das halte ich persönlich für eine der schärfsten Waffen, die wir im Kampf gegen die Pandemie haben. Wir sollten im öffentlichen Raum, im Beruf auch in Innenräumen, die nächsten Monate einfach sehr konsequent Masken tragen. Es gibt hier klare Studien aus verschiedensten Ländern und auch experimentelle Studien, die zeigen: Die Masken wirken, insbesondere auch die zertifizierten Masken.

    Also ich wäre zum Beispiel auch dafür, dass der Bund oder die Länder auch den Bürgern diese Masken finanzieren. Dass man sagt, man gibt alle zwei Wochen drei-Masken, so macht es zum Beispiel Taiwan, an seine Bürger aus, sodass sie eben nicht die Community Masken tragen müssen. Die Masken müssen wir einfach akzeptieren als Teil unseres Lebens für eine längere Zeit.

    Masken in der Schule vermeiden Quarantänen

    BR: Ein kurzes Wort noch zu Schulen und Kitas. Die sollen, wenn möglich, auf bleiben. Ist denn gesichert, dass von dort keine erhöhte Infektionsgefahr droht?

    Oliver Keppler: Das ist eine schwierige Frage, da gibt es verschiedene und teilweise widersprüchliche Studien. Ich glaube generell, dass es für unsere Gesellschaft wichtig ist, so lange wie möglich Schulen und Kitas offen zu halten. Auch hier wäre ich für Maskenpflicht. Warum? Ich glaube, dass die Kinder da weniger darunter leiden als manche Eltern glauben. Eines der Hauptargumente für mich ist: Wenn eine Infektion in der Klasse auftritt und die Schüler haben keine Maske getragen, dann müssen alle in Quarantäne und belasten damit auch wieder die Eltern zu Hause, die dann teilweise von der Arbeit wegbleiben müssen.

    Wenn wir die Masken tragen, gibt es keinen Kategorie-1-Kontakt nach RKI-Definition. Und dann können die Kinder auch in der Schule oder in der Kita bleiben. Also es ist gesellschaftlich extrem wichtig, die offen zu halten. Nach jetzigem Stand glaube ich nicht, dass die Schulen und Kitas ein Treiber der Pandemie sind.

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