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Müde Teenager: Sollte die Schule später beginnen? | BR24

© pa/dpa/Sigrid Olsson

Müde Teenager

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    Müde Teenager: Sollte die Schule später beginnen?

    Gerade Jugendlichen fällt es meist schwer, früh aufzustehen und zur Schule zu gehen. Die Wissenschaft bestätigt, dass Jugendliche später einschlafen und auch mehr Schlaf brauchen als Erwachsene. Sollte für sie die Schule deshalb später beginnen?

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    München, kurz vor acht Uhr. Luca ist auf dem Weg zur Schule. Das Aufstehen heute Morgen? Dem 9.-Klässler fiel das ziemlich schwer, er meint, in der Grundschule sei ihm das viel leichter gefallen. Der Schüler hat bemerkt, dass es ihm von Jahr zu Jahr schwerer fällt. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der freiwillig und ohne Wecker bereits um sieben Uhr auf der Matte steht.

    Die innere Uhr verschiebt sich

    Für Luca vielleicht tröstend: Er ist mit seinem Problem nicht alleine. Sobald Kinder älter werden, verschiebt sich ihre innere Uhr nach hinten – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das belegen viele Studien, sagt Eva Winnebeck, Chronobiologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

    "Ungefähr ab der Pubertät geht das los, dass die Schlafzeiten rapide später werden. Und ganz besonders betroffen sind Jugendliche zwischen 15/16 und 23. Das sind die mit den spätesten Schlafzeiten in der Gesellschaft." Eva Winnebeck, Chronobiologin, LMU

    Die Schule aber beginnt um acht Uhr oder noch früher, fast überall in Deutschland - ganz anders als in England, Frankreich oder den Niederlanden. Auch in Bayern könnten die Schulen später anfangen – doch acht Uhr hat sich etabliert, die Kinder verlassen vor den Eltern das Haus. Frühaufstehen und Fleiß gehen hierzulande Hand in Hand. Das Dogma sitzt tief, sogar bei Jugendlichen, die damit ihre Probleme haben.

    Früher Schlaf bringt auch nichts

    Morgens früh aufstehen? Wäre doch eigentlich zu schaffen, meint der 18-jährige Jonas, aber nur wenn er früh genug ins Bett gehen würde. Aber es gibt die ganzen Streamingdienste. "Da bleibt man länger wach als man sollte", sagt Jonas. Klar - Netflix, Fernsehen, Social Media, und so weiter. Das am Bildschirm Hängen, Licht generell, hält wach.

    Aber das allein erklärt nicht, warum sich die innere Uhr nach hinten verschiebt bei Jugendlichen. In ihrem Fall bringt es auch nichts, früh ins Bett zu gehen, bevor man müde ist. Das ist sogar kontraproduktiv und schädlich für einen guten Schlaf, erklärt Eva Winnebeck:

    "Das ist auch das Problem, warum wir unsere Jugendlichen nicht einfach früh ins Bett schicken können, sondern nachhelfen müssen als Gesellschaft, dass sie morgens mehr Schlaf bekommen, wo es natürlicher ihrem Schlafbedürfnis entspricht." Eva Winnebeck, Chronobiologin, LMU

    Ein Gymnasium probiert es

    Ein Gymnasium in Alsdorf bei Aachen hat genau das gemacht. Ab der Oberstufe können die Schüler entscheiden, ob sie um acht oder erst kurz vor neun kommen. Die erste Stunde ist deshalb die ganze Woche über eine freie Arbeitsstunde. Sie kann auch später im Laufe des Tages nachgeholt werden. Schulleiter Wilfried Bock ist überzeugt: Das kommt den Schülern zugute.

    "Ja, natürlich. Die sind durchweg alle ausgeschlafener und das hat ja auch die Untersuchung ergeben, dass letztendlich die Konzentrationsfähigkeit von den Schülern erhöhter ist, und dass letztendlich auch die Schlafqualität sich verbessert hat." Wilfried Bock, Schulleiter

    Eva Winnebeck hat die Studie an der Schule geleitet. Ihr Fazit: "Im Mittel sind sie tatsächlich nur zwei Mal pro Woche später gegangen. Tatsächlich haben die meisten gesagt: Wenn sie’s fünf Mal ausfallen lassen, müssen sie fünf Stunden nachholen und dann müssten sie auch manchmal länger in der Schule bleiben und da ist ihnen doch lieber, weniger zu schlafen als ihre Freizeit am Nachmittag aufzugeben", so Winnebecks Auswertung.

    Lösung: Ganztagesunterricht

    Genau das ist auch das häufigste Argument gegen einen späteren Unterrichtsbeginn: Die Schule würde länger dauern. Beim Ganztagsunterricht – wohin der Trend ohnehin geht – lässt sich das aber nicht halten: Statt Betreuung einfach mehr Unterricht am Nachmittag, schon wäre das Problem gelöst.

    Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Sache jedenfalls eindeutig: Sobald die Pubertät kommt, sollte die Schule später beginnen.

    "Jugendliche brauchen nicht weniger Schlaf als Erwachsene, sie brauchen eigentlich eher mehr Schlaf als Erwachsene. Ganz wichtige Zeit im Leben, wo ganz viel noch Gehirnentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung stattfindet. Ganz, ganz, ganz wichtig, dass die ihren Schlaf bekommen." Eva Winnebeck, Chronobiologin, LMU

    Schlafmangel ist gefährlich. Man wird unaufmerksam, baut Unfälle und wird anfälliger für Krankheiten. Langfristig kann es zu Depressionen, Übergewicht und Typ-2-Diabetes kommen. Das alles muten wir uns allen zu, denn nicht nur Jugendliche schlafen nicht genug, auch der Durchschnitts-Erwachsene schläft im Schnitt eine Stunde zu wenig pro Nacht.