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Muckibude im Seniorenheim für mehr Lebensqualität im Alter | BR24

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Um älteren Menschen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen, hat sich die TU München etwas einfallen lassen: Seniorinnen und Senioren zwischen 75 und 104 Jahren bauen mit Krafttraining Muskeln auf. Ein halbes Jahr lang läuft das Pilotprojekt.

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Muckibude im Seniorenheim für mehr Lebensqualität im Alter

Stürze sind die häufigste Ursache von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Um dem Einhalt zu gebieten, setzt die TU München nun auf Krafttraining für Hochbetagte: SeniorInnen im Alter von 75 bis 104 lassen dafür an speziellen Geräten die Muskeln spielen.

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Ob beim Aufstehen, Gehen, Treppensteigen oder dem nächtlichen Gang zur Toilette: Fast ein Drittel der 65-Jährigen sowie die Hälfte der über 80-Jährigen stürzen jährlich mindestens einmal. Das belegen gemeinsame Zahlen des Robert Koch-Instituts, des Deutschen Zentrums für Altersfragen und des Statistischen Bundesamts.

Gewichteheben und Trainingsrad sollen alte Menschen fitter machen

Dem will die TU München nun Einhalt gebieten - und bittet Seniorinnen und Senioren im Alter zwischen 75 und 104 Jahren an die Trainingsgeräte. Das Pilotprojekt "bestform. Sport kennt kein Alter" soll untersuchen, inwieweit der Muskelaufbau durch ein sanftes Krafttraining an speziellen Geräten alten Menschen zu mehr Lebensqualität verhelfen kann.

Die Teilnehmer der Studie haben nun an zwei Standorten ein halbes Jahr lang die Gelegenheit, zweimal wöchentlich kostenfrei, unter professioneller Anleitung und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Kraft-, Koordinations- und Ausdauertraining zu absolvieren. Vor, während und nach dem Sport werden die Teilnehmer medizinisch untersucht.

Mehr Sicherheit auf der Treppe nach einem halben Jahr Training

Eine der Teilnehmerinnen ist die 83-jährige Sigrid Schröder-Etzdorf. Früher habe sie sich sehr unsicher gefühlt beim Treppensteigen, sagt sie, sie sei auch schon ein paar Mal die Treppe heruntergefallen. Diese Zeiten sind nun für sie vorbei: Seit einem halben Jahr macht sie mit beim Krafttraining, zwei Mal die Woche eine Dreiviertelstunde. Im Diakoniewerk München-Maxvorstadt, wo sie wohnt, wurde ein Fitnessraum mit Geräten eingerichtet. Gewichte heben und Strampeln auf dem Trainingsrad – für die Seniorin anfangs eine ungewöhnliche Vorstellung.

"War was Neues für mich und ich habe es immer abgelehnt, weil ich sage, so Krafttraining brauche ich nicht mehr. Aber es ist ganz, ganz wichtig, dass man eben sicherer auf den Beinen ist, ja, dass ich sicherer die Treppen gehen kann und dass auch die Schmerzen, Rückenschmerzen oder Armbeschwerden – ich konnte den rechten Arm nicht hochheben – und das ist im Lauf der Zeit immer besser geworden." Sigrid Schröder-Etzdorf

Mit Rollator oder Rollstuhl an die Geräte

Die Geräte, an denen die Teilnehmer, sind speziell auf ältere Menschen ausgerichtet, sie sind besser gepolstert als im normalen Fitnessstudio und auch mit Rollator oder Rollstuhl benutzbar. Trainiert werden vor allem Oberkörper und Beine, sagt Professor Martin Halle von der TU München.

"Weil die Oberschenkelkraft entscheidend ist für Verhinderung von Stürzen. Der Oberkörper wird über viele, viele Jahre vernachlässigt – einfach, um da auch mal wieder Streckung zu bekommen. Es ist natürlich so, dass die Muskelkraft und die Koordination entscheidend sind, wenn man das aufrechterhalten und verbessern kann." Professor Martin Halle, TU München

Und damit nichts schiefgeht, werden die Senioren von Sportwissenschaftlern an den Geräten angeleitet.

Der 79-jährige Horst Rosenfeldt war früher einmal Turmspringer. Besonders beeindruckt hat ihn ein Gerät, mit dem sich das Gleichgewicht trainieren lässt.

"Man steht auf so einer Plattform und vor einem hat man einen Bildschirm und man muss halt immer das Gleichgewicht anpassen. Es ist so eine Art Irrgarten, da muss man mit einem Pinguin durch den Irrgarten marschieren. Da habe ich bei mir selber den besten Fortschritt gemerkt, dass ich da wieder sicherer geworden bin." Horst Rosenfeldt

Nach einem halben Jahr sieht Sportmediziner Halle auch bei den anderen Projektteilnehmern Fortschritte: Die Koordination habe sich bei allen deutlich verbessert.

Auf einen Ratsch ins Fitnessstudio

Neben der Fitness spiele auch der soziale Aspekt eine Rolle, sagt Lisa Brandl-Thür, Direktorin des KWA Stifts Rupertihof. Im Zuge des Projekts hat das Altenwohnheim einen Fitnessraum für die Bewohner eingerichtet.

"Das ist nicht nur Sport, sondern mittlerweile bei uns so eine Art Begegnungszentrum, man setzt sich auch hin, ratscht ein bisschen, schaut, wie die anderen Sport machen. Es gehört zum Tagesablauf dazu: Ich geh zum Training." Lisa Brandl-Thür, Direktorin KWA Stift Rupertihof

Und für manche der älteren Menschen werden sogar Erinnerungen geweckt, wie für die 85-jährige Ingeborg Kuchenreuther aus München. Im Fitnessraum ihres Heims steht ein Fahrradtrainer. Dieses Radl liebe sie heiß, sagt sie, es erinnere sie an den Isar-Radweg Ost.

Finanzierung stellt die Einrichtungen vor Probleme

Allerdings: Um den Fitnessraum mit den Geräten und die dazugehörige Betreuung der Senioren nach dem Projekt weiter zu finanzieren, müssen die beiden Einrichtungen selbst in die Tasche greifen oder sich einen Sponsor suchen, so Eva-Maria Matzke, Vorstand des Diakoniewerks München-Maxvorstadt.

"Das ist wieder ein Trägerproblem, in den Pflegesätzen ist das nicht abgebildet – also ich krieg das nicht von den Kranken- und Pflegekassen gegenfinanziert, sondern da muss man Extra-Quellen erschöpfen. Wer sich das leisten kann, der leistet sich das, aber es hat nicht die Akzeptanz, dass es sozusagen zum normalen Standard gehört. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft, dass Senioreneinrichtungen die finanziellen Mittel zur Verfügung bekommen, um das den Senioren so anzubieten." Eva-Maria Matzke, Diakoniewerk München-Maxvorstadt

Fitness für Senioren soll Schule machen

Nach dem erfolgreichen Pilotprojekt soll ab Januar nächsten Jahres eine große Studie mit 20 Senioreneinrichtungen und mindestens 400 Teilnehmern die gesundheitsfördernden Effekte des Trainingsprogramms nachweisen. Dazu sucht die TU München derzeit noch interessierte Senioreneinrichtungen im Großraum München.