| BR24

 
 

Bild

Forscher He verkündet, dass eine zweite Frau mit einem Crispr-Baby schwanger ist.
© BR

Autoren

Yvonne Maier
Franz-Martin Engeser
© BR

Forscher He verkündet, dass eine zweite Frau mit einem Crispr-Baby schwanger ist.

Drei Tage nach seiner aufsehenerregenden Behauptung, dass im November 2018 erstmals Babys auf die Welt gekommen seien, deren Erbgut mit der sogenannten "Genschere" Crispr/Cas9 verändert worden ist, und zwar Zwillingsmädchen, hat der Forscher He Jiankui von der Universität Shenzhen auf einem Kongress in Hongkong vor Experten sein Experiment erläutert und verteidigt. Die Wissenschaft müsse mehr tun, um Menschen mit Krankheiten zu helfen.

Dabei behauptete er auch, dass eine zweite mögliche Schwangerschaft bestehe, bei der der Embryo mit Crispr/Cas9 behandelt worden ist. Der Forscher sieht sich massiver internationaler Kritik ausgesetzt.

Genforscher ist stolz auf Crispr-Experiment

In Hongkong wiederholte He, dass er insgesamt mehrere kinderlose Paare aus gesunder Mutter und HIV-infiziertem Vater dazu brachte, bei den Versuchen mitzumachen. Am Ende habe eines der Paare Zwillinge bekommen. "Auf diesen speziellen Fall bin ich wirklich stolz", sagte He. Nach der Geburt der Kinder habe er vom Vater eine Nachricht erhalten, in der dieser versprach, hart zu arbeiten, Geld zu verdienen und sich immer um seine beiden Töchter und seine Frau zu kümmern.

David Baltimore, Nobelpreisträger vom California Institute of Technology, nannte die Experimente "unverantwortlich" und "medizinisch unnötig".

Noch ist nicht einmal klar, ob die Versuche tatsächlich so abgelaufen sind, wie He sie beschrieben hat, denn er hat seine Studie bisher nicht publiziert. Darüber hinaus entschuldigte er sich bei seinem Publikum, dass die Ergebnisse seines Experiments "überraschend durchgesickert" seien, was im Publikum Verwunderung hervorrief, denn der Forscher hatte selbst ein Exklusiv-Interview mit der US-amerikanischen Presseagentur Associated Press geführt und mehrere Youtube-Videos veröffentlicht.

Ungewiss, ob Crispr erfolgreich war

Bis der Forscher sein Versprechen einlöst, und seine Daten in einem Fachjournal veröffentlicht, bleibt ungewiss, ob die Genschere in diesem Fall tatsächlich erfolgreich war. Zwei Gene, die eine Infektion mit einem Stamm des HI-Virus möglich machen, sollten aus dem Erbgut herausgeschnitten werden. Nur bei einem der beiden Mädchen, die unter den Pseudonymen "Lulu" und "Nana" bekannt geworden sind, hat das nach Aussage des Forschers vollständig geklappt.

Peking leitet "minutiöse" Untersuchung an

Das Vorgehen erntet auch in China selbst Kritik. Die nationale Gesundheitskommission beteuerte am Montagabend in einer Erklärung, sie messe der Angelegenheit "große Bedeutung" zu. Daher habe sie die Gesundheitsbehörden der Provinz Guandong aufgefordert, "sofort eine minutiöse Untersuchung einzuleiten, um die Fakten zusammenzutragen". Die Universität Shenzhen selbst war über das Experiment nicht informiert, über die Finanzierung schweigt He.

Auch in den USA hat das Crispr-Experiment Folgen. Einer der beteiligten Forscher ist ein Professor für Bioengineering der Rice University, Michael Deem, und habe nach Aussagen der Universität gegen ihre wissenschaftlichen und ethischen Richtlinien verstoßen.

Ethikrat: "Unverantwortliche Human-Experimente"

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, zeigte sich im BR-Interview entsetzt: "Die Versuche, die in China stattgefunden haben, sind aus meiner Sicht unverantwortliche Human-Experimente", sagte der Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Versuche seien durchgeführt worden, ohne Chancen und Risiken hinreichend zu betrachten und die Gesellschaft sei nicht eingebunden gewesen.

Nach Ansicht von Dabrock geht es dem chinesischen Forscher lediglich um Publicity. Er habe der Erste sein wollen, der genmanipulierte menschliche Organismen erschaffen hat. Dafür habe er das Wohl des Kindes missachtet. "Es ist überhaupt nicht klar, welche Spät- und Nebenfolgen das Ganze hat", sagte der Erlanger Professor. Das Risiko lasse sich nicht abschätzen.

HIV-Immunität: Zweifel am Nutzen von Crispr/Cas9-Versuch

Auch unabhängig von der Echtheit der chinesischen Forschungsergebnisse haben Wissenschaftler medizinisch begründete Zweifel an der Notwendigkeit solcher Versuche.

"Für mich persönlich gibt es keine Indikation, die einen genetischen Eingriff in die Keimbahn rechtfertigt. Eltern, die Träger von Erbkrankheiten sind, kann bereits heute mit herkömmlichen Mitteln, der sogenannten Präimplantationsdiagnostik, geholfen werden. Auch für HIV-Positive gibt es konventionelle Möglichkeiten, die es den Eltern erlauben, ein HIV-negatives Kind zur Welt zu bringen." Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg

Vieles ist ungewöhnlich an dem Vorgehen des chinesischen Forschers, dessen Universität nach eigener Aussage über die Versuche nicht informiert war. He Jiankui verkündete die Nachricht über die Geburt der Mädchen nicht in einem Fachjournal, sondern per Youtube im Internet. Die Hochschule distanzierte sich von ihm. Man sei "äußerst schockiert", hieß es.

Genschere mit Nebenwirkungen

Die Genschere Crispr/Cas9 wird momentan beim Erbgut von Mikroorganismen und Pflanzen verwendet, sie kann die DNA-Stränge einigermaßen zielgenau durchtrennen und so Gene herausschneiden. Noch ist allerdings nicht klar, ob die Technik an anderen Stellen des Erbguts unerwünschte Auswirkungen hat.

"Die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 ist zwar einfach, aber nicht sehr präzise, das System macht Fehler. Das kann sich erst nach Jahren zeigen. Die beiden Kinder können diese Veränderung an ihre Nachkommen weitergeben." Joachim Hauber, Heinrich-Pette-Institut, Hamburg.

Das liegt daran, dass es sich um einen unumkehrbaren Eingriff in die Keimbahn handelt, nicht nur an einzelnen Körperzellen. Darüber hinaus sei der von He Jiankui angeführte Nutzen, bei einem der Kinder einen Teilschutz vor HIV, äußerst fragwürdig. "Das bringt den Kindern keinen Vorteil."

Konferenz zu Genome Editing in China

Am Dienstag wird He Jiankui in an einer internationalen Konferenz für Genome-Editing in Hongkong teilnehmen. Seine Kritiker erhoffen sich dann mehr Informationen zur umstrittenen Studie und auch darüber, ob die zwei gentechnisch veränderten Kinder tatsächlich existieren:

"Außergewöhnliche Behauptungen bedürfen außergewöhnlicher Beweise, und bisher haben wir keinen einzigen Beweis." Adam Rutherford, Genetiker, via Twitter

Jeanne Turczynski

Jeanne Turczynski