BR24 Logo
BR24 Logo
Wissen

Mehr als nur Müll: Das Messie-Syndrom | BR24

© pa / dpa / Kai Remmers

Ein Mitarbeiter eines Umzugsunternehmens entrümpelt ein Zimmer einer Wohnung

2
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Mehr als nur Müll: Das Messie-Syndrom

Sie können keine Ordnung halten, horten exzessiv Gegenstände und schaffen es nicht, sich davon zu trennen: Menschen mit Desorganisationssyndrom haben ein Problem. Dabei geht es aber nicht um das äußere Chaos, so Experten – sondern um das innere.

2
Per Mail sharen
Teilen

Das Chaos ist wieder da. Es fängt an den Teppichrändern an und ist dabei, um sich zu greifen. In Form von Bücherstapeln, Zeitschriften, Magazinen, Notizzetteln wächst es in die Höhe.

Anna Hörnig (Name von der Red. geändert) kämpft dagegen an. Die 54-jährige Münchnerin hat das "Messie-Syndrom". Wann sie angefangen hat zu sammeln, kann sie nicht sagen. Aber irgendwann durfte ihre beste Freundin nicht mehr zu Besuch kommen, weil sie sich schämte und sie erfand Ausreden, um dem Heizungsableser zu entgehen.

Vor einigen Jahren hat sie sich Hilfe geholt – vom Verein H-Team. Mittlerweile kommt sie mit ihren Organisationsschwierigkeiten besser klar, auch wenn die Unordnung immer wieder zurückkehrt.

Wenn Horten zum Problem wird

Wenn eine Wohnung vermüllt ist, kann viel dahinter stecken. Schuld kann etwa eine Depression sein, Demenz, eine Psychose oder eine Alkoholabhängigkeit – aber auch das, was man umgangssprachlich "Messie-Syndrom" nennt. Wie Anna Hörnig sammeln die Betroffenen in großem Stil Dinge, die anderen als wertlos erscheinen und sie können nichts wegwerfen. Experten sprechen vom pathologischen Horten, oder - etwas weiter gefasst - vom Desorganisationssyndrom.

"Problematisch wird es dann, wenn der soziale Bereich sehr beeinträchtigt ist – wenn man zum Beispiel keine Gäste empfangen oder der Handwerker nicht mehr ins Haus kann." Anne Katrin Külz, psychologische Psychotherapeutin in Freiburg

Messies kommen manchmal kaum noch durch ihre eigene Wohnung. Sie schlafen im Sessel, weil auf dem Bett zu viele Kartons stehen. In schlimmen Fällen besteht Gefahr für einen Brand oder Schädlingsbefall. Oft drohen eine Räumungsklage und der Verlust der Wohnung.

Pathologisches Horten ist eine psychische Störung. Sie kann gemeinsam mit anderen Krankheiten auftreten, etwa Depressionen, aber auch alleine vorkommen. Als anerkannte, eigenständige Krankheit gilt dieses Horten aber in Deutschland nicht – im Gegensatz zu den USA. In der neuen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, dem ICD-11, ist es den Zwangsstörungen zugeordnet.

Nach außen hin sind Messies oft sogar ordentlich

Wer an Messies denkt, hat sofort die Klischeebilder aus dem Trash-TV im Kopf: verwahrloste Arbeitslose zwischen alten Pizzaresten und Kartons. Dabei sind völlig vermüllte Wohnungen, in denen es feucht ist und krabbelt, Extremfälle. Und das Phänomen kommt quer durch alle sozialen Schichten und Einkommensklassen vor.

Wie viele Menschen in Deutschland und Bayern davon betroffen sind, ist schwer zu sagen. Experten schätzen, dass in der Bundesrepublik 4,6 Prozent der Bevölkerung zwanghaft horten. Hierzulande wird wenig dazu geforscht und das Thema ist immer noch sehr schambesetzt.

Betroffenen fällt es oft schwer, ihren Alltag zu organisieren, sich zu konzentrieren oder Prioritäten zu setzen. Nach außen hin funktionieren sie aber durchaus: Oft haben sie einen Job oder ein Ehrenamt, sind perfektionistisch veranlagt und sozial engagiert. Hier schaffen sie es, Ordnung herzustellen. Im Büro ist der Schreibtisch oft penibel aufgeräumt. Deshalb fällt die Störung Mitmenschen in Vereinen, beim Sport oder am Arbeitsplatz häufig nicht auf.

"Es gibt sogar Messies, die für Andere Haushalte führen." Wedigo von Wedel, Bayerische Messie-Hotline

Chaos im emotionalen Haushalt

Warum klappt etwas in der Welt draußen, das daheim nicht möglich ist? Zuhause komme man zu sich, sagt von Wedel. Die Wohnung spiegle das innere Chaos wider: "Es ist eigentlich der emotionale Haushalt, der nicht aufgeräumt ist."

Fachleute führen das Horten oft auf eine Bindungsstörung und Verlustängste zurück. Viele Betroffene haben eine schlimme Kindheit hinter sich, eine strenge Erziehung mit Zwang und Gewalt, Traumata, Kränkungen, Demütigungen. "Wie bei jeder psychischen Erkrankung spielt aber auch die genetische Veranlagung eine gewisse Rolle", sagt Ulrich Voderholzer, Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie in Prien.

Anna Hörnig glaubt, dass sie auch wegen ihrer Vergangenheit hortet. Leukämie in der Kindheit, die Pflege der demenzkranken Oma, Mobbing am Arbeitsplatz, dann eine Depression. Die vollgestellte Wohnung hat für sie etwas von Gemütlichkeit, Heimeligkeit: "Und ich denke mir oft, die Dinge könnten ja noch für etwas gut sein. Solide Plastiktöpfchen mit dicht sitzendem Deckel kann ich nicht wegwerfen – und alles Gedruckte, also Bücher und Zeitschriften, ist sowieso kein Müll." Manche Messies bauen eine richtige Beziehung zu den Dingen auf, etwa als Ersatz zu Freundschaften.

Große Putzaktionen schaden oft sogar

Nicht nur Betroffene leiden unter dem Messie-Syndrom. Auch Verwandte und Freunde fragen sich oft, wie sie helfen können. Gleich vorweg: Eine groß angelegte Aufräum-Aktion ist meist genau das Falsche. Denn wer Gegenstände auf eigene Faust entsorgt, bekämpft damit nicht die Ursachen des Problems. Nach drei Wochen hat sich die perfekt aufgeräumte Wohnung meist wieder in Chaos verwandelt. Eine Entrümpelung kann für Messies sogar traumatisierend sein.

"Wenn sie Gegenstände entsorgen sollen, löst das die heftigsten Gefühle aus, das sind oft ganz schlimme Ängste." Prof. Ulrich Voderholzer. Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie in Prien

Ausmisten geht daher nur auf Augenhöhe und mit dem Einverständnis der Betroffenen. Es ist ein langer Prozess, bei dem man Geduld haben muss. Drei von 15 Bratpfannen wegzuwerfen, ist schon ein Erfolg.

Lösungen führen nur über die Ursachen

Beratungsstellen empfehlen Angehörigen, statt aufs Chaos besser auf den Menschen einzugehen. Also nicht zu fragen: Hast du endlich aufgeräumt? Sondern besser: Wie geht es dir? Was darüber hinausgeht, überlässt man lieber Profis. Zum Beispiel dem sozialpsychiatrischen Dienst – dort arbeiten Sozialpädagogen und Fachkräfte und helfen etwa dabei, die richtige Behandlung zu finden. Man kann anbieten, die Person dorthin zu begleiten, an der Türschwelle auf sie zu warten oder still bei der Beratung dabei zu sitzen.

Anna Hörnig hat über längere Zeit ein Aufräumtraining mitgemacht. Einmal die Woche kommt jetzt eine Haushaltshilfe, mit der sie gemeinsam putzt und die sie privat bezahlt. Manchmal wirft sie einen ganzen Stapel Papier weg, ohne genau zu schauen, ob sie noch etwas brauchen könnte. Das fühlt sich befreiend an. Weggehen wird der Drang zu horten und sammeln aber nie, glaubt sie: "Damit muss ich mich arrangieren."

Wenn Sie betroffen sind, können sie zum Beispiel beim H-Team e.V. Unterstützung finden:

Bayerische Messie-Hotline, H-Team e.V.

Tel.: 089 / 550 64 890 (Dienstags von 9-12 Uhr und donnerstags von 15-18 Uhr)

© BR24

Messies sammeln exzessiv Dinge und können nichts wegwerfen. Mit Faulheit oder Schlampigkeit hat das aber nichts zu tun. Warum es um mehr als Müll geht und man Messies von außen oft nicht erkennt, erfahrt Ihr bei #fragBR24.