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Medizinhistoriker Leven über die Erfolgsgeschichte des Impfens | BR24

© dpa Bildfunk/Mohammad Mohammad

Ein Kind im Jemen bekommt die Schluckimpfung gegen Polio verabreicht.

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    Medizinhistoriker Leven über die Erfolgsgeschichte des Impfens

    Die Meinungen über die Impfstoffe gegen Covid-19 sind gespalten. Impfskepsis gab es schon immer, sagt Prof. Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker an der Uni Erlangen. Er glaubt, dass man sie mit Argumenten bearbeiten kann. Impfen sei der "Königsweg".

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    Von
    • Johannes Marchl
    • Marlene Mengue

    Zu schnell sei die Entwicklung der Impfstoffe gegen Covid-19 gegangen, zu kurz erst seien sie auf dem Markt – das sind gängige Argumente von Menschen, die Vorbehalte gegen die Impfung gegen das Coronavirus haben. Einige schreckt auch die Angst vor Spritzen ab. Eine Angst, die der Medizinhistoriker Prof. Karl-Heinz Leven durchaus nachvollziehen kann, denn: "Die Leute haben es nicht gern, wenn man mit spitzen Gegenständen auf sie losgeht. Das Injizieren mit Spritzen hat den Leuten nie Spaß gemacht."

    Früher wurden Impfstoffe nicht gespritzt, sondern geritzt

    Vergleicht man aber die heutigen Injektionen mit früheren Impfmethoden, ist das Prozedere vergleichsweise angenehm. Die früheste Form der Impfung, die Pockenimpfung, wurde mit einer sogenannten Lanzette ausgeführt, mit der der Impfstoff in die Haut am Oberarm geritzt wurde. Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Pockenimpfung in Europa als Pflichtimpfung verabreicht. "Das hatte fast den Charakter eines militärischen Appells", schildert der Medizinhistoriker Leven. "Die Massenimpfung ist kein Vergnügen. Aber es steht fest: Sie ist das Instrument gewesen, das etwa die Pocken wirksam zurückgedrängt hat."

    Die erfolgreichste Impfung ist über 200 Jahre alt

    Das Kapitel Impfung in der Medizingeschichte beginnt in der Neuzeit. Ende des achtzehnten Jahrhunderts beobachtet der englische Landarzt Edward Jenner, dass die Kuhpocken, ein vergleichsweise harmloser Krankheitserreger, gegen die sehr gefährlichen echten Pocken schützen. "Man nennt das medizinisch Kreuzimmunität, und er hat dieses Phänomen erkannt", schildert der Medizinhistoriker Leven. "Er hatte keinerlei Ahnung von Mikroben, von Krankheitserregern, Viren oder Bakterien, denn wir sind hier in einer Zeit um 1800, da kannte man das alles noch nicht. Aber er hat diese Phänomene erkannt und hat daraus abgeleitet, dass man Kinder schützen kann, indem er ihnen kleine Substanzbröckelchen der Kuhpockenpusteln beibringt, indem man diese in die Haut einritzt." Auf diese Weise begründete Jenner das Prinzip der Impfung mit lebenden Krankheitserregern. "Und das Faszinierende ist: Diese Impfung, die Jenner erfunden hat, ist ja die erste Impfung überhaupt gewesen, und es ist auch bisher die erfolgreichste Impfung der Weltgeschichte." Denn dank Jenners Erfindung konnten die Pocken als bisher einzige Krankheit komplett ausgerottet werden.

    "Impfen ist Königsweg zur Beherrschung infektiöser Krankheiten"

    Das Impfen beschreibt Leven als eine Erfolgsgeschichte, weil es die einzige Möglichkeit ist, vergleichsweise preiswert und sicher eine epidemische Infektionskrankheit unter Kontrolle zu bringen.

    "Alles andere, auch die jetzt verfolgten Eindämmungsmaßnahmen, das Absperren und so weiter, das sind ja keine Maßnahmen, die wirklich durchgreifen oder Erfolg bringen können. Das Impfen ist der einzige Weg, um eine epidemische Infektionskrankheit kontrollieren zu können." Prof. Karl-Heinz Leven

    Impfskepsis ist so alt wie die Impfung selbst

    Angst oder Abneigung gegen das Impfen gibt es schon immer. Im 19. Jahrhundert bei der Pockenimpfung, aber auch bei vielen anderen Impfungen. "Der Körper des Einzelnen wird ja hier einem Regime sozusagen unterworfen, zu seinem Besten wohlgemerkt, aber eben auch zum Wohl des Ganzen. Man muss da sehr, sehr mit Bedacht und Geduld vorgehen und darf Impfskepsis nicht gleich in irgendeine Verschwörerecke stellen." Impfskepsis sei eine durchaus rationale Erwägung, die man mit Argumenten bearbeiten kann, meint Prof. Karl-Heinz Leven .

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