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Hanfpflanze, auf lateinisch und griechisch auch Cannabis genannt, kann bei Schmerzen helfen. Die schmerzlindernde Wirkung wird aber überschätzt.
© picture alliance / Bildagentur-online/Sunny Celeste
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Hanfpflanze, auf lateinisch und griechisch auch Cannabis genannt, kann bei Schmerzen helfen. Die schmerzlindernde Wirkung wird aber überschätzt.

Cannabis hilft bei Schmerzen. Diese Ansicht ist zwar weit verbreitet, wissenschaftlich belegt ist sie aber noch nicht. Auch eine aktuelle Studie aus Australien konnte den eindeutigen Nachweis für die schmerzlindernde Wirkung der Pflanze bei 1.500 untersuchten Patienten mit chronischen Schmerzen nicht liefern. Ähnlich negativ war bereits 2017 das Ergebnis einer deutschen Studie aus Saarbrücken. Selbst Experten wie Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz und Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum der Universität München, sehen den schmerzlindernden Effekt der Droge kritisch.

Cannabis - ein 4.000 Jahre altes Heilmittel

Cannabis gilt als eine der ältesten Heilpflanzen überhaupt. Seit rund 4.000 Jahren wird das Gras als Heilpflanze verwendet. Und seit 10. März 2017 dürfen Ärzte Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und bei fehlenden Therapiealternativen sogenannte Cannabinoide, also Produkte mit Inhaltsstoffen aus der Cannabispflanze, auf Rezept verordnen. Und spätestens seitdem ist die Diskussion um Cannabis und seine Wirkung bei Patienten mit chronischen Schmerzen wieder entbrannt: Hilft das alte, aber neu zugelassene Schmerzmittel wirklich?

Aktuelle Studie aus Australien belegt: Cannabis-Wirkung überschätzt

Viele der 1.500 chronischen Schmerzpatienten, die an einer aktuellen Studie in Australien zur Wirkung von Cannabis teilgenommen haben, waren von der schmerzlindernden Wirkung der Pflanze überzeugt. Sie behaupteten, dass sie durch Cannabis weniger Opiate brauchten. Doch die Einschätzung der Studienteilnehmer war falsch. Michael Farrell, Direktor des nationalen australischen Drogen- und Alkohol Forschungszentrums in Sydney, kam bei seinen gründlichen Untersuchungen zu einem anderen Ergebnis.

"Als wir die Teilnehmer gefragt haben, ob sie wegen des Cannabis jetzt weniger Opiate brauchen, haben sie das bejaht. Aber als wir ihre Aufzeichnungen analysiert haben, in denen sie ihren Medikamentenverbrauch genau aufschreiben, haben wir festgestellt, dass das nicht stimmt. Sie haben nach wie vor gleich viele Opiate konsumiert. " Michael Farrell, Direktor des nationalen australischen Drogen- und Alkohol-Forschungszentrums in Sydney

Für den Wissenschaftler ist klar, dass Cannabis starke Schmerzmittel nicht ersetzen kann. Er räumt lediglich ein, dass Cannabis für einen besseren Schlaf sorgt. Das ergeben seine Daten, mehr nicht.

Cannabis-Einnahme bei Schmerzen: Ergebnisse in Deutschland

Auch eine 2017 durchgeführte Studie aus Saarbrücken konnte die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis nicht belegen. Für Dominik Irnich, Schmerzspezialist am Klinikum der Universität München, ist eindeutig, warum Wissenschaft und öffentliche Meinung über die Wirkung von Cannabis bei Schmerzpatienten so weit auseinanderklaffen:

"Durch Cannabis erreichen Sie keine langfristige Schmerzlinderung. Cannabis hat zwei bis drei Indikationen: In der Palliativmedizin, die Appetitsteigerung zum Beispiel. Übelkeit bei Chemotherapie, die nicht stillbar ist, da hat das Einsatzgebiete, die bewiesen sind. Beim Schmerz würde ich das sehr anzweifeln. Hier werden die Ergebnisse ein bisschen schöngeredet, weil eine ganze Armada von Herstellern bereitsteht, also da geht es um Milliarden. " Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz und Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum der Universität München

Warum Cannabis aber trotzdem helfen kann

Cannabis kann Schmerzpatienten aber trotzdem helfen. Schließlich ist das Schmerzempfinden ein komplexer Vorgang, der von vielen Faktoren beeinflusst und sich verändern kann. Viele Betroffene sind davon überzeugt, dass Cannabis ihre Muskulatur entspannt und sie dadurch weniger Schmerzen haben. Allein das kann schon helfen.

Diese innere Haltung, dem Schmerz im Leben weniger Raum zu geben, fördert auch ein Programm, das sich "multimodale Schmerztherapie" nennt. In vielen Kliniken wird diese Therapie mittlerweile angeboten. Ihr Ziel ist es, von Tabletten jeder Art wegzukommen, weil sie abhängig machen können. Und weil eine Gewöhnung eintritt, so dass selbst hohe Dosierungen irgendwann nichts mehr bringen. Entspannungsübungen, Hypnose oder Akupunktur sollen stattdessen helfen, das individuelle Schmerzempfinden Schritt für Schritt zu verändern.