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75 Prozent der Senioren sind in Deutschland offline, sagt die Altersstudie 2020. Ausgerechnet in der Pandemie fehlt vielen im Alter 70 plus Internetkompetenz Angebote wie "Senioren im Netz" oder das "Digitale Hilfe-Telefon" wollen das ändern.

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Medienkompetenz im Alter: Senioren in der Corona-Falle?

75 Prozent der Senioren sind in Deutschland offline, sagt die Altersstudie 2020. Ausgerechnet in der Pandemie fehlt vielen im Alter 70 plus Internetkompetenz Angebote wie "Senioren im Netz" oder das "Digitale Hilfe-Telefon" wollen das ändern.

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Von
  • Monika Haas

Aus Infektionsschutzgründen fallen seit Monaten Senioren-Kurse aus, bei denen sie lernen können, wie sie im Web surfen. Wichtige und hilfreiche Informationen der Gemeinde sind im Netz einfach zu finden, doch für Unerfahrene sind sie so wie Onlinesprechstunden, digitale Buchausleihe, oder die Online-Voranmeldung für die Corona-Schutzimpfung nur mit Hilfe anderer zu nutzen.

Schwierige Suche nach Ansprechpartnern

Die Münchner Seniorin Silke Bauer hat keine Kinder und Enkel die ihr helfen könnten: Bei Computerproblemen wisse sie erstmal nicht wo man sich hinwenden könne. Sie wollte kulturelle Angebote, wie Filme im Stream oder eine Kunstdiskussion im Netz sie nutzen, wusste aber nicht, wie. Auch Internet-Nutzer mit digitalen Grundkenntnissen, wie Günther Krug suchen oft lange nach verlässlichen Ansprechpartnern: Im Kulturraum München hatte er Erfolg, erklärt er am Telefon.

"Ich sollte mit meinem Enkel skypen, erst wusste ich gar nicht, was das ist." Günther Krug, Senior

Einsame Senioren: Abgehängt und isoliert

Experten vom Münchner Institut für Medienpädagogik wissen, seit auch Buchausleihe, Konzerte und Theaterstücke nur noch online stattfinden, fehlt vielen älteren Menschen Anregung und Gesellschaft.

Menschen, die sich nicht raustrauten, gehe es inzwischen richtig schlecht, sagt Medienpädagoge Linus Einsiedler. Viele ältere Menschen, die sonst aktiv am Leben teilhaben konnten, sind nicht mobil, leben allein und vermissen Begegnungen mit Freunden.

Dass sie mangels Internetkenntnissen nicht auch von virtuellen Treffen im Netz mit Familie und Freunden ausgeschlossen sind, will der Experte verhindern.

Hilfe digital

Um Senioren internetfit zu machen, hat Linus Einsiedler eine telefonische "Digitale Hilfe" organisiert, zusammen mit Ehrenamtlichen vom München Medienzentrum Pixel und dem Kulturraum München.

Kompetente und kontaktlose Beratung im Telefongespräch ( 089 2152 8594) soll Internetneulinge dabei unterstützen, die Angebote im Netz richtig zu nutzen. Technische Probleme, so Einsiedler, sind meist der Anlass anzurufen. Aber es geht auch darum ein Problem gemeinsam zu lösen."

Für viele Anrufer ist es die erste Chance seit langem, ohne Zeitdruck über Fragen im Internet zu sprechen, sich auszutauschen. Wichtig ist die Fähigkeit, Inhalte im Netz richtig einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen, um sich in der digitalen Welt sinnvoll und frei zu bewegen.

Medienkompetenz ist Wissen und Austausch

Bei der zentralen Nummer hinterlassen die Anrufer Name und Telefonnummer und erhalten zeitnah eine kostenlose Beratung. Silke Bauer ist jetzt fit mit online-Streaming: Der junge Mann habe sie nach einer Stunde zurückgerufen und gesagt, machen Sie das und das, weil's nicht gleich hingehauen hat. "Und dann hat das geklappt und das hat mich sehr gefreut", so Bauer.

Auch Senior Günther Krug ist von dem Konzept der Telefonhilfe begeistert: Dass das so unkompliziert sei, und man sich da in guten Händen fühle und keine Anträge ausfüllen müsse oder durchgeschaltet werde, freut den Senior.

Neben praktischen Tipps für Smartphone -Apps oder Einkaufen und Streamen im Internet können sich Anrufer hier mit den Experten auch über Fake-News oder kulturelle Angebote im Netz austauschen.

Mehr Senioren ins Netz bringen

Bundesweit sind Gruppen von Ehrenamtlichen aktiv, um älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern die digitale Welt zu erklären. Obwohl aktuell Gruppenseminare für Senioren in Volkshochschulen, Bürgerhäusern und Stadtteilzentren ausfallen: Online oder per Telefon findet in vielen Städten und Gemeinden Beratung und Weiterbildung statt.

In Ingolstadt ist Siegfried Bauer ist Mitgründer der Gruppe "Senioren ins Netz", SIN und ehrenamtlich aktiv. Normalerweise unterrichtet er Interessierte im Internetraum des Ingolstädter Bürgerhauses. Jetzt hilft er interessierten Senioren online und am Telefon weiter, wenn es um Videotreffen oder die Nutzung von Smartphone-Apps geht. Der ehemalige Gymnasiallehrer für Informatik und Physik möchte Vorbehalte gegen die Internettechnologie ausräumen:

"Diese Scheu abzubauen, ist eine unserer großen Aufgaben und da arbeiten wir immer wieder dran und merken, wenn das dann klappt mit Einkaufen oder Videochat, wächst auch die Begeisterung", so Bauer.

Senioren im Netz

Auf der Website von "Senioren ins Netz" hat er selbstgedrehte Online-Videos zu kostenfreien und nutzerfreundlichen Programmen veröffentlicht, etwa zum Videokonferenzprogramm Jitsie. Es muss nicht extra installiert werden, was viele ältere Nutzer überfordert. Fragen, ausprobieren und Kontakt halten, lautet die Devise des bundesweiten Projekts Digital Kompass, bei dem die Ingolstädter Gruppe mitmacht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und das Bundesministerium für Verbraucherschutz unterstützen die lokalen Internet-Wegbereiter.

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