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Mär vom Müll-Sparen: Immer mehr Verpackungsabfall in Deutschland | BR24

© picture alliance / imageBROKER /Michael Weber

Im Kühlschrank stapeln sich Berge von Lebensmitteln in Verpackungen, gern einzeln verpackt.

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    Mär vom Müll-Sparen: Immer mehr Verpackungsabfall in Deutschland

    Folien, Plastikhüllen, Konservendosen, Kartonberge: Alle wollen Plastik- und Verpackungsmüll sparen – doch die Realität sieht anders aus. In Deutschland werden mehr Verpackungen produziert als je zuvor. Und Forscher ziehen eine Trendwende in Zweifel.

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    Auch wenn alle – Politiker, Hersteller, Händler und Verbraucher – Verpackungs- und Plastikmüll vermeiden wollen: In Deutschland werden mehr Verpackungen produziert als je zuvor. Laut Zahlen der Verpackungs-Industrie wurden 2017 in Deutschland knapp 4,4 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen produziert. Das sind knapp 100.000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Daran ändert auch nichts, dass viele Supermarktketten nun Plastiktüten verbannen.

    Pro Kopf und Jahr produzieren die Deutschen 220 Kilogramm Verpackungsmüll. Das ist weit über dem EU-Durchschnitt. Wer nach Ursachen und Verursachern forscht, stellt fest: Alle Beteiligten schieben beim Thema Müllvermeidung und Plastikverschwendung den Schwarzen Peter gern auf andere. Experten gehen davon aus, dass auch deshalb Kunststoffverpackungen so schnell nicht aus dem Alltag verschwinden werden.

    Kunststoffe als Verpackungsmaterial kaum wegzudenken

    Sven Sängerlaub, Manager am Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising, glaubt nicht daran, dass Kunststoffe schnell ersetzt werden könnten. "Kunststoff-Verpackungen haben viele Vorteile: Sie sind dünn, leicht und weisen Barriereeigenschaften auf", so der Experte. Viele Kunststoffe sind also undurchlässig für Feuchtigkeit und Luft. Deshalb werden sie von den Herstellern und dem Handel anderen Materialien häufig vorgezogen. Glas, Blech und Aluminium seien wesentlich dicker und in der Herstellung energieaufwändiger. Dennoch haben auch diese Materialien Vorteile bei vielen Anwendungen, so Sängerlaub.

    Hersteller versus Verbraucher

    Neben den finanziellen Bedürfnissen der Hersteller spielt natürlich auch die Gewinnspanne der Händler eine Rolle: Der Einzelhandel sei ein Geschäft mit geringen Margen, meint Ulf Kelterborn, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung. "Verpackungen kosten Geld, und dementsprechend werden auch keine Verpackungen verwendet, die nicht benötigt werden." Das sei eher eine Frage des Verbraucherverhaltens. "Wenn die Verbraucher eine gewisse Auswahl wollen, kommen Sie ohne Verpackung nicht aus", so Kelterborn.

    Mehr Verpackungsmüll durch Single-Haushalte und Bequemlichkeit

    Das Konsumverhalten der Käufer trage viel zu den Verpackungsmüllbergen bei, darin sind sich die Experten einig. Ein Grund dafür: die wachsende Zahl an Single-Haushalten. Sie verlangten nach mehr Produkte in Kleinpackungen – die bedeuten weniger Inhalt in mehr Verpackung. Eine weitere Ursache sei die Bequemlichkeit der Kunden. "In den Supermärkten werden immer mehr Convenience-Produkte (englisch convenience = Bequemlichkeit) angeboten, die ebenfalls in Kunststofffolie eingepackt werden müssen, etwa geschälte Bananen oder Zitronen", sagt Ulf Kelterborn, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen.

    Kunststoff macht haltbar und verringert das Wegwerfen

    Ein weiteres Problem: Das Wegwerfen von Lebensmitteln. Laut Fraunhofer-Experte Sängerlaub gibt es eine Faustregel: In einem verpackten Lebensmittel stecken zehnmal mehr Ressourcen als in der Verpackung. "Wenn Sie ein Stück Rindfleisch haben, muss vorher das Tier aufgezogen und gefüttert werden. In einem Stück Fleisch steckt so viel Energie, dass man das Wegwerfen auf jeden Fall vermeiden sollte", erklärt Sängerlaub. Daher ist ein wichtiges Argument der Industrie für Plastikverpackungen, dass sie die Lebensmittel länger haltbar machen – und so Verschwendung reduzierten. Die Frage ist allerdings, ob Kunden tatsächlich so viele Lebensmittel auf Vorrat kaufen müssen.

    Mehrschichtiges Plastik kaum recycelbar

    Das mehrschichtige Verbundmaterial, das die Frische der Produkte garantiert und für ihre Makellosigkeit zuständig ist, hat zudem den Nachteil, dass es schwerer zu recyceln ist als einfache Pappkartons. "Die sind so komplex aufgebaut, dass die Wiederverwertbarkeit stark in Frage steht. 52 Prozent der Verpackungen, die im Gelben Sack landen, sind nicht recycelbar", erklärt Rolf Buschmann, Experte für technischen Umweltschutz bei der Umweltorganisation BUND.

    Und auch Sängerlaub sieht darin ein großes Problem. Wie er erklärt, ist PET aus Flaschen derzeit der einzige Kunststoff, der in der EU nach der Wiederaufarbeitung für den direkten Lebensmittelkontakt verwendet wird und zugelassen ist. "Es ist technisch schwierig, Kunststoffe beim gegenwärtigen Recycling rein zu bekommen. Es bleiben oft Rückstände anderer Verpackungsmaterialien, bisweilen auch geringe Mengen Lebensmittelreste", so sein Resümee.