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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Hauke-Christian Dittrich

In bayerischen Klassenzimmern sollen ab dem Herbst Luftfilter stehen, die die Verbreitung des Coronavirus erschweren. Dafür nehmen Freistaat und Kommunen große Beträge in die Hand. Die Wirkung der Filter ist aber noch kaum richtig untersucht worden.

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Luftfilter in Klassenzimmern: Noch nicht ausreichend erforscht

In bayerischen Klassenzimmern sollen ab dem Herbst Luftfilter stehen, die die Verbreitung des Coronavirus erschweren. Dafür nehmen Freistaat und Kommunen große Beträge in die Hand. Die Wirkung der Filter ist aber noch kaum richtig untersucht worden.

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Von
  • Jeanne Rubner

190 Millionen Euro will die bayerische Staatsregierung für virenfreie Luft in Klassenzimmern spendieren. Möglichst jedes Klassenzimmer soll, so die Ansage von Ministerpräsident Markus Söder, im Herbst mit einem Luftreinigungsgerät ausgestattet sein. Ob und wie gut die Geräte wirken, ist unklar. Doch obwohl hohe Summen investiert werden, fehlt bislang die Forschung. Und das Geld für Versuche in der Praxis.

Kommunen fordern bei Luftfiltern mehr Unterstützung

Der politische Streit um die Luftfilter ist längst entbrannt. Denn der Freistaat zahlt nur die Hälfte der Anschaffungskosten, maximal 1.750 Euro pro Gerät, den Rest sowie die Kosten für Installation und Wartung müssen die Kommunen oder Landkreise aufbringen. Sie sind die sogenannten Sachaufwandsträger und für den Bau und die Ausstattung von Schulen verantwortlich. Die kommunalen Spitzenverbände haben bereits in einem Brief an Ministerpräsident Söder ihren Unmut kundgetan. Sie fordern mehr Unterstützung der Staatsregierung.

Etliche Kommunen wollen auch keine Luftreinigungsgeräte anschaffen, weil gar nicht klar ist, ob und wann die Geräte tatsächlich besser sind, als das Fenster aufzumachen. Denn dazu gibt es praktisch keine Daten – und wer das erforschen will, muss sich mühsam Mittel organisieren.

Sensor misst Luftqualität im Klassenzimmer

So wie der Professor für Medizin- und Messtechnik von der Hochschule München Christian Schwarzbauer. Er hat ein weißes Plastikkästchen an der Wand in einem Klassenzimmer an der Grundschule Dachauer Straße in München installiert. Diese kleine Sensorbox werde verwendet, um Messwerte zur Luftqualität zu erfassen und per Funk zu übertragen, so Schwarzbauer. Aus den Messdaten kann er berechnen, wie lange die potentiell gefährlichen Aerosoltröpfchen sich in der Luft halten.

Gemessen wird beispielsweise der Kohlendioxid-Anteil in der Luft. Der sei ein Indikator für die Menge der ausgeatmeten Luft. Hinzu kommen Raumtemperatur und Luftfeuchte. Und es gibt einen Bewegungssensor, der feststellt, ob überhaupt jemand im Raum ist.

Monatelange Raumluftmessung in 40 Klassenzimmern

Die Raumluftmessung im Klassenzimmer findet über viele Monate hinweg statt. Die weißen Plastikteile gehören zum gerade gestarteten Versuch "Sicheres Klassenzimmer". 40 Klassenzimmer sind dabei, an Schulen in der Stadt München und im Landkreis.

Zusammen mit Fachleuten der anderen Münchner Unis will Christian Schwarzbauer herausfinden, wie gut verschiedene Methoden der Luftreinigung funktionieren: die klassische Fensterlüftung, Raumluftreiniger und Abluft-Ventilationssysteme, wie das Modell des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie, das aus Baumarkt-Komponenten besteht und inzwischen in etlichen Klassenzimmern für saubere Luft sorgt.

Bisherige Studien nicht während Unterrichtsbetrieb

Zwar gibt es Studien, die einzelnen Geräten bescheinigen, die Luft effizient zu reinigen – allerdings keine unter den realen Unterrichtsbedingungen im Klassenzimmer. Ein noch nicht veröffentlichter Versuch der Stadt Stuttgart deutet darauf hin, dass richtiges Lüften genauso effizient ist wie technische Raumluftreiniger. Auch das Umweltbundesamt empfiehlt Geräte nur dort, wo Lüften nicht möglich ist.

Für eine Bewertung sei ganz entscheidend, wie die Geräte installiert seien und genutzt würden, erklärt Christian Schwarzbauer. Wenn alles richtig eingestellt sei, mit dem richtigen Filter, am richtigen Aufstellungsort, dann könne das ganz gut funktionieren. In der Praxis aber höre er dann häufiger, beispielsweise von Lehrern, dass die Luftfilter laut seien und bei Prüfungen abgeschaltet würden.

Geld für unabhängige Studien schwer aufzutreiben

Um herauszufinden, welche Technik am besten funktioniert, braucht es gute wissenschaftliche Untersuchungen. Unabhängige Studien, die nicht von den Herstellern von Luftreinigern bezahlt werden. Doch staatliches Geld dafür ist schwer aufzutreiben.

Auch die Finanzierung der Studie "Sicheres Klassenzimmer" ist noch nicht gesichert. Die Pilotstudie soll 50.000 Euro kosten, die Hälfte hat Schwarzbauer von einer privaten Kinder- und Jugendstiftung eingeworben. Die Hoffnung, öffentliche Mittel zu bekommen, hat er abgeschrieben. Da ist er bereits mehrfach gescheitert, zuletzt mit dem Versuch, eine Studie zu Masken finanziert zu bekommen. Auch da habe er überall nachgefragt gehabt, beim Wirtschaftsministerium, dem Gesundheitsministerium und auch dem Wissenschaftsministerium. Und sei jedes Mal weiterverwiesen worden.

"Überall haben wir eben gehört. Ja, wir haben für so was eigentlich kein Budget." Prof. Christian Schwarzbauer, Hochschule München

Das Staatsministerium für Wissenschaft verweist auf Anfrage auf die "Freiheit der Forschung" und die Aufgabe der Hochschulen, sich Fördermittel zu organisieren. Nur, da dauert es eben viele Monate, bis entsprechende Förderrahmen stehen und Projekte genehmigt sind.

Teure Luftfilter – keine Forschung

Es sei schwer nachvollziehbar, dass der Staat so viel Geld für Geräte ausgibt ohne dass er ein Interesse daran habe, dass untersucht wird, ob die Technik in der Praxis überhaupt viel nützt, kritisiert Hochschulprofessor Schwarzbauer.

"Da wird jetzt in Erwägung gezogen, 190 Millionen Euro für zum Beispiel mobile Luftreiniger bereitzustellen. Und das ist ja nur die Hälfte, weil die andere Hälfte müssen ja die Gemeinden, die Kommunen tragen. Und aber gleichzeitig überhaupt kein Geld für evidenzbasierte Forschung." Prof. Christian Schwarzbauer, Hochschule München

Auch Michael Schwägerl, Präsident des Bayerischen Philologenverbands, der Vertretung der Gymnasiallehrer, mahnt mehr Forschung an. Schließlich lebe man seit anderthalb Jahren mit der Pandemie. Die Studienlage zu Raumluftreinigern sei aus Sicht des Verbands sehr unbefriedigend.

Er vermisse auch Untersuchungen von Geräten, die auf andere technischen Methoden setzen als auf Filter wie Keimabtötung durch UV-Strahlung: "Die Politik und auch die Kommunen brauchen vernünftige wissenschaftliche Grundlage für ihre Entscheidungen. Hier hätte mehr getan werden müssen. Hier besteht Nachholbedarf."

Anke Bichler, Rektorin der Grundschule an der Dachauer Straße in München, freut sich, dass ihre Schule Teil des wissenschaftlichen Versuchs ist. Sie erhofft sich davon, "dass wir tatsächlich fundiert herausbekommen können, ob die Anschaffung einer Lüftungsanlage tatsächlich einen qualitativen Sprung bringt."

Studie zu Luftfiltern wird ausgeweitet

Im Herbst wird das Experiment von derzeit 40 auf 120 Räume ausgeweitet. Im November soll es erste Daten geben. Für Christian Schwarzbauer ist jetzt entscheidend, dass es schnell Ergebnisse gibt: "Es geht ja jetzt primär um die Pandemie und, dass wir unsere Kinder schützen wollen. Wir wollen für die nächste Zeit die beste Lösung finden."

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