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Liquids dampfen: Wie groß ist die Gefahr? | BR24

© BR/Alexander Dallmus

Ein Dutzend Todesfälle und hunderte schwerer Atemwegserkrankungen in den USA verunsichern derzeit auch deutsche Dampfer. Die Zahl der Nutzer von E-Zigaretten in den USA mit Lungenschäden steigt unterdessen stetig an.

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Liquids dampfen: Wie groß ist die Gefahr?

Ein Dutzend Todesfälle und Hunderte schwerer Atemwegserkrankungen in den USA verunsichern derzeit auch deutsche Dampfer. Die Zahl der Nutzer von E-Zigaretten in den USA mit Lungenschäden steigt unterdessen stetig an. Die Ursache ist noch unklar.

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In den USA ist die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Gebrauch von E-Zigaretten auf zwölf gestiegen. Zudem gebe es inzwischen 805 bestätigte und wahrscheinliche Verletzte in diesem Zusammenhang, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC am Donnerstag mit.

Genaue Ursache der Gesundheitsschädigung noch unklar

Alle, die bislang schwer und teils lebensbedrohlich erkrankt sind, haben E-Zigaretten geraucht. Noch ist unklar, was genau dafür verantwortlich ist. Aber zwei Drittel der Erkrankten sind Männer, und die meisten sind noch sehr jung - zwischen 18 und 35 Jahre alt. Die US-Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde FDA testet derzeit 150 Proben verdächtiger Produkte, konnte bisher aber noch keinen für die Erkrankungen verantwortlichen Wirkstoff identifizieren.

In Europa noch kein Anstieg von Lungenschädigungen durch E-Zigaretten bekannt

Die Bundesstaaten Michigan und New York haben ein Verbot von aromatisierten E-Zigaretten verhängt und der Hersteller Juul hat vorsorglich den Firmenchef entlassen, auch wenn bislang keine bestimmten Produkte mit den Erkrankungen in Verbindungen gebracht werden. In Deutschland und auch europaweit ist bislang kein Anstieg von Lungenschädigungen bekannt, der mit E-Zigaretten in Verbindung gebracht werden kann, aber auch hierzulande werden die Vorfälle mittlerweile sehr ernst genommen. Die deutschen Lungenärzte sind sensibilisiert:

"Bei unklaren Beschwerden fragen Lungenärzte inzwischen oft, ob die Patienten in den letzten Wochen E-Zigaretten oder THC in einem Vaporizer konsumiert haben." Frank Powitz, Lungenarzt und Landesverbandschef der Deutschen Pneumologen

"Es geht den Leuten dann sehr schnell sehr schlecht"

Viele Zigarettenraucher sind in den letzten Jahren auf nikotinhaltige Liquids umgestiegen - auch weil der Dampf der E-Zigarette weniger Schadstoffe enthält als der Rauch von Verbrennungszigaretten. In Deutschland werden E-Zigaretten und Liquids teils sehr aggressiv beworben, und das Dampfen gilt gemeinhin als weniger gefährlich.

Lungenarzt Frank Powitz hatte schon erste besorgte Dampfer in seiner Münchner Praxis, die mit Atemnot, Husten oder Engegefühl zu kämpfen hatten - eben jenen Symptomen, die auch Erkrankte in den USA gezeigt haben.

"Das ist ein akutes Krankheitsbild: Es geht den Leuten dann sehr schnell sehr schlecht. Auch mit Fieber, wie Infektzeichen. Und dann muss man eben weiter abklären, was diese akute Lungenerkrankung auslöst." Frank Powitz, Lungenarzt

Suche nach der großen Unbekannten

Das Problem derzeit: Noch ist unklar, was genau passiert ist. Haben E-Zigaretten-Raucher sich auf dem Schwarzmarkt das falsche Zeug zusammengemischt? Ist die psychoaktive Substanz in Marihuana "THC" die Ursache? Tatsächlich haben einige Dampfer angegeben, THC gedampft zu haben, aber eben nicht alle. Ebenfalls im Verdacht ist Vitamin E, das vor allem verwendet wird, um bestimmte Hasch-Öle in der Anwendung zu verstärken. Es ist auch nicht klar, ob geschlossene Systeme betroffen sind - also von den Herstellern gemischte und geprüfte Produkte, die nicht durch die Konsumenten verändert werden können.

Ausfall der Lungenfunktion möglich

Bislang gibt es also lediglich Theorien und Erklärungsversuche für die alarmierenden Krankheitsfälle.

"Die Symptomatik ist schon sehr ernst. Es sind nicht nur einfach Kopfschmerzen oder Übelkeit. Es geht hier um respiratorische Krankheiten, die tatsächlich auch zum Ausfall der Lungenfunktion und zum Tod führen können." Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin

Es muss hier einen ganz spezifischen Faktor geben, der dazu führt, dass einige Produkte sehr gefährlich sind, so Henkler-Stephani.

Deutsche E-Zigarettenbranche wiegelt ab

Auch wenn Amerika weit weg und die Ursache noch nicht klar ist - in der deutschen E-Zigarettenbranche ist eine gewisse Verunsicherung zu spüren. Auf der InterTabak in Dortmund, einer der größten Branchen-Messen, waren sich die Vertreter der E-Zigaretten und Liquid-Anbieter dagegen einig, in Deutschland sei das alles kein Problem, ihre Produkte seien geprüft und sicher.

"Diese Fälle in den USA haben mit unseren Produkten nichts zu tun. Unsere Kunden, die ihre Liquids selbst produzieren, von unseren Zutaten, haben keine Nachrichten über solche Fälle gehabt." Michael Smager, Vertreter des E-Liquid-Anbieters "Chemnovatic"

Fabian Walitschek von Wrong Liquid vermutet, dass die amerikanische Tabakindustrie die E-Zigarette gezielt schlecht reden will.

"Entsprechend haben wir die letzten Vorfälle nur in den USA gehabt. Und wie lange gibt es schon die Dampfer? Seit 2005, 2006 und bislang ist noch nie was passiert." Fabian Walitschek, Wrong Liquid

Der erste "offizielle" Krankheitsfall in Deutschland: Nur noch eine Frage der Zeit?

Mittlerweile hat allerdings auch Kanada gemeldet, dass ein Schüler beinahe gestorben wäre. Für Lungenarzt Frank Powitz ist der erste "offizielle" Krankheitsfall in Deutschland nur noch eine Frage der Zeit. Es sei nur nicht leicht, den Zusammenhang zur E-Zigarette herzustellen.

"Wenn es der Patient nicht überlebt, hat er eben eine unklare Lungenerkrankung nicht überlebt. Wir gehen eigentlich schon davon aus, dass es diese Fälle hier gibt oder schon gegeben hat, wir haben es bloß nicht erkannt." Frank Powitz, Lungenarzt

Liquids ohne Nikotin unterliegen nicht dem Tabakrecht

Ein weiteres Problem bei den Liquids, die auch in Deutschland vertrieben werden, ist fehlende Transparenz. Während nikotinhaltige Liquids vom Tabakrecht erfasst werden, müssen die anderen bestimmte Sicherheitsstandards nicht erfüllen. Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin hält es deshalb für dringend notwendig, dass alle Liquids denselben rechtlichen Anforderungen unterliegen – ob sie nun Nikotin enthalten oder nicht.

Inhaltsstoffe? Zusatzstoffe? Fehlanzeige!

Die bisherige Regelung hat beispielsweise zur Folge, dass bei Liquids nicht alle Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils auf der Packung stehen müssen. Dasselbe gilt für eine festgelegte Liste mit verbotenen Zusatzstoffen. Am Markt wird das bereits entsprechend ausgenutzt. So werden beispielsweise unregulierte Liquids zusammen mit Nikotin-Shots zum Selbermischen angeboten.

In Deutschland strengere Regeln als in den USA

In Deutschland sind die Zusammensetzungen der Wirkstoffe von E-Zigaretten allerdings noch deutlich strenger reguliert als in den USA. Die US-Regierung hat bereits ein landesweites Verbot von E-Zigaretten mit Aromastoffen angekündigt.

© BR

Zwischen zwei und vier Millionen Deutsche "dampfen" zumindest gelegentlich. Jetzt kommt eine neue E-Zigarette zu uns, die in den USA den Markt in kurzer Zeit aufgerollt hat und umstritten ist - weil sie vor allem von jungen Leuten gekauft wurde.