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Lichtverschmutzung: Es werde Licht – oder besser nicht? | BR24

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Nächtliches Panorama von Frankfurt a. M.

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    Lichtverschmutzung: Es werde Licht – oder besser nicht?

    Straßenlaternen, Skybeamer, Werbung, Fassadenbeleuchtung – das alles macht die Nacht zum Tag. Im Fachjargon heißt das "Lichtverschmutzung". Und die hat dramatische Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen.

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    Von
    • Birgit Kraft

    Beinahe die Hälfte der Deutschen unter 30 hat noch nie die Milchstraße gesehen. Der Grund dafür: Der Sternenhimmel bei Nacht ist von künstlichem Licht überstrahlt.

    Die Berliner Chronobiologin Dr. Annette Krop-Benesch erklärt den Begriff Lichtverschmutzung so: "Das Wort benutzen wir immer dann, wenn künstliche Beleuchtung in der Nacht nachteilige Auswirkungen hat. Also ein Störfaktor ist."

    Dramatische Auswirkungen auf die Tierwelt

    In den Nächten finden etwa Glühwürmchen-Männchen und -Weibchen nicht zueinander, Fische produzieren weniger Geschlechtshormone, Zugvögel und Fledermäuse kommen vom Kurs ab und nachtaktive Insekten lassen im Licht sogar ihr Leben.

    Eine Milliarde Fluginsekten stirbt in einer einzigen Sommernacht an deutschen Straßenlaternen. Sie fressen nicht, sie paaren sich nicht, sie bestäuben keine Blüten. Stattdessen kreisen sie um Laternen, bis sie verbrennen, an Erschöpfung sterben oder von Feinden verspeist werden.

    Annette Krop-Benesch kennt weitere Beispiele: "Wir wissen auch, dass Vögel angezogen werden von beleuchteten Hausfassaden und mit den Fassaden kollidieren. Also Vogelschlag. Wir wissen, dass viele Tiere, zum Beispiel Igel, beleuchtete Bereiche vermeiden. Die nehmen die Dunkelheit als Schutz. Auch tagaktive Tiere sind beeinflusst, die werden in ihrem Schlaf gestört, Vögel fangen an zu früh zu singen, zum Beispiel um zwei Uhr nachts."

    Die innere Uhr kommt durcheinander

    Künstliches Licht in der Nacht bringt die innere Uhr durcheinander. Denn das Schlafhormon Melatonin, das bei Wirbeltieren den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, wird nur bei Dunkelheit gebildet. Helligkeit dagegen bremst die Melatonin-Produktion.

    Die Nacht ist auch die Zeit der Erneuerung. Im Dunkeln regenerieren sich die Körperzellen tagaktiver Lebewesen. Pflanzen reparieren Schäden an Blättern und Stängeln und nutzen die lichtlose Zeit zur Erholung. "Die müssen sich von der Photosynthese am Tag erholen", erklärt Krop-Benesch. "Und wenn Pflanzen diese Ruhe nicht bekommen, dann haben die so eine Art Burnout."

    Die Folge: Beleuchtete Pflanzen werden seltener bestäubt und bilden weniger Früchte aus. Laubbäume neben Straßenlaternen verpassen den Herbst und lassen die Blätter zu spät fallen. Oder sie treiben im Frühling viel zu früh aus.

    Folgen für die Gesundheit

    Mit unserem Beleuchtungswahn schaden wir uns selbst, denn auch beim Menschen werden Schlaf-Wach-Rhythmus und Zellregeneration vom Melatonin gesteuert. Produziert die Zirbeldrüse unter Lichteinfluss zu wenig davon, kommt es zu Schlafstörungen, möglicherweise auch zu Depressionen, Übergewicht und sogar Krebs.

    Was tun gegen den Licht-Overkill?

    Wir müssen dazu nicht komplett auf Kunstlicht verzichten - aber intelligenter beleuchten. Nur dort, wo es wirklich erforderlich ist. Und nicht heller als nötig. Annette Krop-Benesch rät, vollabgeschirmte Leuchten zu installieren.

    Auch die Lichtfarbe spielt eine Rolle: "Finger weg von dem weißen Licht, mehr ins orangefarbene Licht", so Krop-Benesch. "Wenn Sie im Baumarkt stehen, gucken Sie auf die Kelvinzahl. Je niedriger die Kelvinzahl, desto wärmer ist das Licht, desto geringer ist der Blauanteil und desto weniger störend ist es für Nachbarn, Tiere und Pflanzen."

    Umweltbewusste Gärtner verwenden nicht nur Solarleuchten, sondern verzichten ganz darauf, den Garten zu illuminieren. Denn das beste Licht ist das, das gar nicht erst angeht.

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