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Langlebigkeit ist Erwartungshaltung geworden | BR24

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Mann im Labor

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    Langlebigkeit ist Erwartungshaltung geworden

    Ein langes Leben und umfassender Gesundheitsschutz sind zu einer Erwartungshaltung der heutigen Gesellschaft geworden. Das stellt der Sozialhistoriker Hartmut Berghoff fest. Die Einstellung zu Krankheit und Tod habe sich grundlegend verändert.

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    "Wohlstandsbedingt" gebe es in unserer Gesellschaft eine andere Einstellung zu Krankheit und Tod als in früheren Zeiten. Das glaubt der Direktor des Göttinger Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Hartmut Berghoff. In einem Interview mit der "Welt" begründet Berghoff seine Ansicht unter anderem damit, dass viele tödliche Infektionskrankheiten von einst durch Impfungen ihren Schrecken verloren hätten.

    "Umso größer ist der Schock, wenn plötzlich eine neuartige Bedrohung auftaucht und man sich wehrlos fühlt", Hartmut Berghoff

    Erwartung, tödliche Krankheiten zu beherrschen

    Mit Blick auf die Corona-Krise verweist der Sozialhistoriker auf die Asiatische Grippe in den 1950er Jahren. Damals habe es zwei bis vier Millionen Todesopfer weltweit und 30.000 bis 50.000 in der Bundesrepublik gegeben. Die Behörden hätten die Gefahren unterschätzt, die Medien wenig und zumeist Falsches oder Abstruses berichtet. Insgesamt sei die Pandemie ruhig hingenommen worden. Zur Begründung sagte Berghoff, der Tod sei damals allgemein "viel präsenter als heute" gewesen und als "unvermeidbar akzeptiert" worden. Die Erwartung der Beherrschbarkeit tödlicher Krankheiten wie Tuberkulose oder Masern "hatte sich noch nicht durchgesetzt".

    Krieg war noch nicht lange her

    Auch habe "das millionenfache Sterben im Zweiten Weltkrieg noch keine Generation zurückgelegen", so der Historiker. Zur Rolle der Medien sagte er, diese hätten in den 1950er Jahren noch zu beruhigen versucht. "Die Medienlandschaft war noch nicht so sehr vom Wettbewerb und dem Kampf um Aufmerksamkeit geprägt." Heute verstärkten die Medien mit unablässiger und oft sensationslüsterner Berichterstattung die Ängste der Menschen. Für den Umgang mit zukünftigen Pandemien rät der Historiker trotz der gestiegenen Kenntnisse um Gefahren und Risiken auch zu mehr Gelassenheit.

    "Pandemien treten historisch gesehen immer wieder auf, aber sie gehen auch vorüber, selbst ohne oder nur bei geringer Intervention", Hartmut Berghoff, Sozialhistoriker

    Das bedeute keineswegs, dass Interventionen überflüssig seien, denn sie retteten viele Leben. Außerdem sei es ein "echter humanitärer Fortschritt, dass "wir Leben wertschätzen und das Leiden nicht mehr teilnahmslos hinnehmen."

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