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Spion im Bienenstock soll Gefahren durch Pestizide erkennen | BR24

© BR / Eva Huber

Messtechnik für den Bienenstock

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    Spion im Bienenstock soll Gefahren durch Pestizide erkennen

    Lauschangriff im Bienenstock: Ein Imker aus Landshut arbeitet mit an einem Forschungsprojekt, das untersucht, welche Auswirkungen Landwirtschaft und Pestizide auf Bienen haben. Dafür wurden Bienenstöcke mit einer speziellen Messtechnik ausgestattet.

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    Ein Spion im Bienenstock – so könnte man das nennen, was Imker Johannes Selmansberger aus Kapfing bei Landshut in einem seiner Bienenvölker installiert hat. Der Imker in Bayern öffnet den Bienenstock und zieht eine Wabe heraus, an dem ein Elektrokabel hängt. "Das ist die Messwabe", sagt er. Auf der Hälfte der Wabe wuseln Trauben von Bienen, die andere Hälfte besteht aus zwei Plexiglasscheiben, dahinter Drähte und sechs Messsonden. Die belauschen die Kommunikation der Bienen.

    Wie bedroht sind Bienen und Insekten?

    Johannes Selmansberger macht mit bei einem deutschlandweiten Forschungsprojekt. Bienen sind vielen Gefahren und Belastungen ausgesetzt: Pestizide, Monokulturen mit geringem Nahrungsangebot, die Varroamilbe, ein Schädling, der den Bienen zusetzt. Was für Auswirkungen hat das? Auf die Bienen aber auch auf andere Insekten?

    Um das zu beantworten, hat der renommierte Bienenforscher Randolf Menzel rund 30 Imker in ganz Deutschland mit Forschungstechnik in Bienenstöcken ausgestattet- auch Johannes Selmansberger. Er erhofft sich, "ein bisschen Klarheit über das, was im Bienenstock abgeht. Ich will ein bisschen was lernen von meinen Bienen", sagt der Imker. Zwei Jahre arbeitet Selmansberger schon mit am Forschungsprojekt. Bisher hat er noch keine Rückmeldungen, keine Ergebnisse bekommen. Doch das ändert sich jetzt. Gleich spricht er mit Bienenforscher Randolf Menzel per Online-Meeting.

    Bienen laden sich elektrostatisch auf

    Und so funktioniert die Messtechnik im Bienenstock: Wenn Flugbienen zurück in den Stock kommen, erzählen sie anderen Bienen, wo sie gute Futterplätze erspäht haben, indem sie die Informationen tanzen: welche Richtung, welche Entfernung. Das ist der berühmte Schwänzeltanz. Wie die Bienen die Informationen aus dem Schwänzeltanz aufnehmen, hat viel mit Elektrotechnik zu tun. Bienen laden sich während des Flugs elektrostatisch auf. Kommt die Biene zurück in den Stock, hat sie unter Umständen eine Oberflächenspannung von bis zu 450 Volt. Wenn sie dann tanzt, nehmen die anderen Bienen die elektrostatischen Schwingungen auf. Auch die Messsonden greifen diese Signale ab. Sie belauschen so die Kommunikation der Bienen und messen, wie aktiv und vital das Bienenvolk ist. "Wenn ein Volk nicht aktiv ist, wenn ein Volk nur rumhängt, dann kann man das elektronisch messen, aber ich kann das nicht immer sehen", erzählt Imker Selmansberger: "Deshalb bin ich eben gespannt, was die Messungen ergeben."

    Pestizide lähmen das Gehirn der Bienen

    Die Daten werden auf Simkarten aufgezeichnet. Zwei Jahre schon schickt der Imker sie regelmäßig zu Bienenforscher Randolf Menzel an die Freie Universität Berlin. Der Professor forscht seit Jahrzehnten in Berlin über das Gehirn der Bienen und hat herausgefunden, dass Pestizide dramatische Auswirkungen haben können. Sie töten die Bienen zwar meist nicht sofort, aber die Pestizide lähmen die Gehirnaktivität so sehr, "dass sie nicht mehr richtig gut nach Hause finden, und vor allem, dass sie nicht mehr miteinander in normaler Weise kommunizieren. Vielleicht sogar das Kommunizieren ganz aufgeben", sagt Randolf Menzel.

    Hinweise auf diese Gefahren lieferten bisher vor allem Studien an einzelnen Bienen. Wie sieht es aber unter realen Bedingungen in einem ganzen Volk aus? Um das herauszufinden, hat Menzels Team die Messtechnik im Bienenstock entwickelt. Das langfristige Ziel ist, dass die Bienen mit Hilfe der Kästen die Umwelt nach Gefahren ausspähen. Deshalb nennt Randolf Menzel sein Projekt "Umweltspäher":

    "Ein utopisches Ziel wäre, dass wir überall in ganz Deutschland lauter Umweltspäher-Kästen haben, die über das Internet uns mitteilen, ganz schnell, da geht’s uns gerade schlecht, da geht’s uns gut." Randolf Menzel, Bienenforscher

    Fehlt die Kommunikation, kann das ganze Volk geschwächt werden

    Sie seien aber noch lange nicht in der Nähe dieser Utopie, sagt der Bienenforscher. Doch erste Ergebnisse gibt es bereits. Ein Imker aus Brandenburg hat für Menzel zwei Mess-Bienenstöcke aufgestellt. Einer stand bei einer Streuobstwiese, die biologisch bewirtschaftet und deshalb nicht gespritzt wurde. Der andere Bienenstock stand in die Nähe einer Apfelplantage, auf der intensiv gespritzt wurde.

    Die Bienen bei der Streuobstwiese tanzten und kommunizierten ausgiebig. Ganz anders bei der gespritzten Plantage: Dort hörten die Bienen komplett auf zu tanzen. "Wir haben einen richtigen Schreck bekommen", erzählt Bienenforscher Menzel: "Wir haben gedacht, mein Gott, also das ist ein Eingriff, der sozusagen auf die Essenz dieses Lebewesens trifft." Die fehlende Kommunikation kann das ganze Bienenvolk schwächen und es anfälliger für Krankheiten, harte Winter und andere Belastungen machen.

    Alarm in Brandenburg - und bei Imker Selmansberger?

    Diese Messung fand in Brandenburg statt, aber wie geht es den Bienen von Imker Selmansberger? Rund um seinen Wohnort in Kapfing im Landkreis Landshut gibt es einige Biolandwirte, und so manche natürliche Wiese. Eigentlich gute Voraussetzungen, doch Bienen fliegen kilometerweit, erzählt der Imker: "Wir haben da aber noch Felder, an denen natürlich auch viele chemische Mittel ausgebracht werden. Aber ich weiß jetzt nicht, beeinflussen die meinen Bienenstock oder beeinflussen sie ihn nicht."

    Selmansberger geht in sein Arbeitszimmer und schaltet sich in die Videokonferenz mit Bienenforscher Menzel. Der hat gute Nachrichten: "Herr Selmansberger, ich kann sie vor allem erstmal beruhigen. In der Zeit, in der wir die Daten ausgewertet haben, sind ihre Bienen voll in Schuss. Sie sind sehr lebendig und kommunizieren und tanzen kräftig." Erleichterung beim Imker. Das decke sich mit seinen eigenen Beobachtungen. Aber er allein sei nicht der Maßstab, vielen Völkern gehe es nicht so gut.

    "In Summe würde ich mir wünschen, dass die Imkerei wieder ein bisschen einfacher wird und dass man ein bisschen mehr Rücksicht auf die ganze Umwelt nimmt." Johannes Selmansberger, Imker

    Das langfristige Ziel: ein Frühwarnsystem für Umweltbelastungen

    Die Datenmengen, die von den Umweltspähern bisher erfasst worden sind, sind riesig und noch dauert die Auswertung an. Doch die Hoffnung von Bienenforscher Menzel ist, daraus irgendwann ein Warnsystem zu entwickeln. Die Bienen spähen die Umwelt aus und weisen über ihren ausbleibenden Schwänzeltanz auf Gefahren und Belastungen hin – die nicht nur sie, sondern auch viele andere Insekten, Wildbienen und Hummeln treffen.

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