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Krankenhaushygiene: Wird genug getan? | BR24

© pa/dpa/Hans-Jürgen Wiedl

Sterile Hände

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Krankenhaushygiene: Wird genug getan?

Noch heute infizieren sich jedes Jahr rund eine Million Patienten in Krankenhäusern mit Keimen, bis zu 40.000 sterben sogar daran. Gründe sind unter anderem unzureichende Hygienemaßnahmen, ausgelöst durch Personalnot und Geldmangel.

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Krankenhauskeime sind heutzutage immer noch ein Problem. Warum? Besonders multiresistente Erreger wie MRSA sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene infizieren sich in deutschen Kliniken pro Jahr eine Million Patienten mit Erregern. Bis zu 40.000 Menschen sterben. Ein Grund: unzureichende Hygiene. Aber wie kommt es dazu?

Fallbeispiel: Infektion nach einer OP

Peter Scholz hat nach einer OP im Krankenhaus vor zwei Jahren erfahren, dass er sich mit MRSA, einem lebensgefährlichen Keim, infiziert hat: "Was ich gedacht habe? Noch schlimmer geht's ja gar nicht. Noch schlimmer kann es gar nicht sein."

Rückblick: Im Frühjahr 2016 liegt Peter Scholz nach einer OP im Krankenhaus. Anfangs kann er die Beine nicht mehr bewegen, er müsste regelmäßig gewendet werden. Doch das geschieht offenbar nicht im ausreichenden Maße. Er bekommt zwei Dekubitusgeschwüre, zwei wundgelegene Hautstellen. Sie sind mögliches Einfallstor für Erreger.

Keime lauern überall

Jeder Mensch trägt Keime auf der Haut, manche auch den Keim MRSA. Das ist an sich nicht gefährlich. Aber: Hat jemand eine Wunde oder einen Einstich, können die Keime in den Körper gelangen, zum Beispiel über nicht desinfizierte Hände. Es entsteht eine Infektion. Im Falle von MRSA kann diese sogar lebensbedrohlich werden.

Wie genau Peter Scholz sich mit MRSA infiziert hat, ist unklar. Doch er und seine Frau haben eine Vermutung: mangelnde Krankenhaushygiene. "Es war katastrophal, auch mit dem Pflegepersonal und der Händedesinfektion. Es hingen zwar Desinfektionsspender im Zimmer“, sagt Ehefrau Brigitte Scholz. Doch viele hätten diese nicht benutzt. Viele vom Pflegepersonal und auch einige Ärzte seien von einem Patienten zum anderen gegangen, ohne sich die Hände zu desinfizieren. "Und dann, an einem Tag war das extrem. Morgens kam die Schwester, da habe ich gesagt, sie soll mal nachgucken. ‚Ich glaube, ich habe irgendwas in meiner Windel.‘ ‚Ja, da komme ich nachher‘, hat sie gesagt. Sie kam aber nicht." Peter Scholz

Immer wieder sei er vertröstet worden. Am Ende habe er fast drei Tage so da gelegen, so Peter Scholz‘ Vorwurf.

Klinikhygiene: Risikofaktor Personalmangel

In vielen deutschen Krankenhäusern herrscht Personalmangel. Während zum Beispiel in Holland Intensivpflegerinnen nur einen Patienten zu betreuen haben, sind es in Deutschland im Schnitt drei. Das muss zwangsläufig zu Lasten der Hygiene gehen.

Auch der Internist Dr. Peter Walger sieht das so. Er ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Der Sparzwang setze grundsätzlich zuerst beim Personalsektor an, so Walger - denn das ist der teuerste Bereich. Die Sparmaßnahmen führten aber zu gravierenden Qualitätseinbußen, auch wenn das die Träger der Krankenhäuser nicht gerne hörten.

Klinik räumt Fehler ein

Genau darunter hatte, nach eigener Aussage, auch Peter Scholz zu leiden. Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, reagiert die Klinik folgendermaßen:

"(Anmerkung der Red.: Herr Scholz wurde) regelmäßig von unserem Pflegedienst im Intimbereich gewaschen und das Bett entsprechend versorgt. Wir können uns nicht erklären, wie hier der Eindruck entstanden ist, Herr Scholz habe über drei Tage unversorgt in seinem Stuhlgang gelegen." Antwort der behandelnden Klinik, liegt dem BR vor

Einen Kausalzusammenhang zur MRSA-Infektion sieht das Klinikum nicht, auch keine Versäumnisse in der Hygiene. Man schule sein Personal regelmäßig zu dem Thema, insbesondere bei der Händedesinfektion, heißt es in dem Schreiben weiter. Darin räumt das Krankenhaus aber ein:

"In der Versorgung von Herrn Scholz wurden Fehler gemacht, insbesondere im Rahmen der Dekubitusprävention und -versorgung. Zusammenfassend sind wir unserer Fürsorgepflicht hierbei nicht ausreichend nachgekommen." Antwort der Klinik, liegt dem BR vor

Klinikhygiene: Ausreichend Mittel und Personal?

Es wäre jedoch falsch zu sagen, dass in deutschen Krankenhäusern hinsichtlich der Hygienemaßnahmen alles schlecht sei. Erika Voggesberger leitet die Klinikhygiene im St. Josef Krankenhaus in Regensburg. Sie kontrolliert, ob die Hygienemaßnahmen eingehalten werden.

Am Krankenhaus St. Josef gibt es viele Bemühungen, um die Ausbreitung von Keimen zu verhindern. Zum Beispiel einen Schnelltest. Wird ein Patient eingeliefert, der zur sogenannten Risiko-Gruppe gehört, so wird ein Abstrich genommen. Nach nur knapp einer Stunde ist klar, ob derjenige den Keim trägt. Wenn ja, wird der Patient isoliert und gegen den Keim behandelt. Sinn des Ganzen: Keime von anderen Patienten fernhalten.

Viel zu wenig Fachkräfte

Doch wieso ist zum Beispiel in Holland die sogenannte MRSA-Last, das heißt das mittlere Risiko für andere Krankenhauspatienten, MRSA zu bekommen, wesentlich geringer?

"Erstens mehr qualifiziertes Personal, was sich mit Hygiene und Infektiologie beschäftigt. Und dort gibt es diesen Mangel an Fachkräften, auch an Fachärzten in den Häusern nicht. Das ist das Eine. Zum Zweiten sind die Regelungen, wer über den Einsatz von Antibiotika bestimmt und wie Infektionen gemanagt werden, viel straffer." Dr. med. Peter Walger, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene

Doch an diesen Strukturen mangelt es hierzulande. Beispiel: fehlende ärztliche Hygieniker. Nach Meinung von Experten gibt es in ganz Bayern zu wenig. Einer ist Dr. Thomas Holzmann. Er berät gleich mehrere Krankenhäuser. Doch das Problem, so Holzmann, sei derzeit, dass man nicht das vorhandene Stellendefizit ausgleichen könne.

Zu wenig Fachkräfte und das in allen Bereichen, außerdem zu wenig Geld. Das war auch der Eindruck von Ehepaar Scholz. Sie hofften derzeit einfach auf die Einsicht, so Brigitte Scholz, dass man mit zu wenig Personal nicht arbeiten kann.

© BR

Operationstechnische Assistenten arbeiten im OP - sie bereiten Patienten und Räume auf die Operation vor, assistieren den Ärzten und kümmern sich nach der OP wieder um die Patienten. Hygiene ist bei dem Beruf enorm wichtig.