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Die 7-Tage-Fallzahl und Inzidenz der Hospitalisierten als wichtige Corona-Kennzahlen stehen in der Kritik.

Die 7-Tage-Fallzahl und Inzidenz der Hospitalisierten als wichtige Corona-Kennzahlen stehen in der Kritik.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Carl Gierstorfer
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    Hospitalisierungen: Corona-Kennzahl systematisch zu niedrig

    Die 7-Tage-Fallzahl und die Inzidenz der Hospitalisierten ist ein zentraler Kennwert der Corona-Regeln. Doch sie wird nicht so berechnet, wie eigentlich vorgesehen und dadurch deutlich unterschätzt - Experten und Opposition kritisieren das Vorgehen.

    Von
    Claudia KohlerClaudia KohlerPetr JerabekPetr JerabekJohannes RoßteuscherJohannes Roßteuscher
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    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von "einer Art Firewall für die Sicherheit", von einer neuen "Sicherheitsschranke": Seit 2. September spielt die 7-Tage-Inzidenz bei der Bewertung des Corona-Infektionsgeschehens im Freistaat nur noch eine ergänzende Rolle. Zentral für Schutzmaßnahmen ist nun die Situation in den Krankenhäusern. Zwei Kennwerte spielen die größte Rolle: Die 7-Tage-Fallzahl/Inzidenz der Covid-19-Hospitalisierungen und die Anzahl der durch Corona-Patienten belegten Intensivbetten. Bis zum 24. November wurden diese Kennzahlen in der sogenannten Krankenhaus-Ampel zusammengefasst - in den neuen bundesweiten Corona-Regeln sind nur noch die Hospitalisierten maßgeblich. Doch es gibt erhebliche Zweifel an der Funktionalität dieses Werts.

    Die Anzahl und auch die Inzidenz der Hospitalisierten wurden schon lange als mögliche neue Kenngrößen diskutiert. Doch durch die Art und Weise, wie diese Zahlen jetzt von den offiziellen Stellen berechnet werden, kommt es zu einer massiven Unterschätzung. Statistikprofessor Helmut Küchenhoff an der LMU München hat berechnet, dass die tagesaktuellen Werte für Bayern bis zu 45 Prozent zu niedrig liegen.

    Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag, Christina Haubrich, kritisiert die Staatsregierung scharf:

    "Die Krankenhausampel ist als neuer Hauptindikator eingeführt worden, bevor ausreichend geprüft war, ob die vorgesehenen Daten auch wirklich übermittelt werden können." Christina Haubrich, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag

    Grafik: Stand der Krankenhaus-Ampel nach den Zahlen des LGL

    Hospitalisierte Covid-19-Fälle: Neue Kennwerte, neue Berechnungen

    Die 14. bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung sah vor, dass die Krankenhaus-Ampel auf Gelb wechselt, "sobald in den jeweils sieben vorangegangenen Tagen landesweit mehr als 1.200 an COVID-19 erkrankte Personen in ein bayerisches Krankenhaus eingewiesen und dort stationär aufgenommen wurden [...]". In dieser Stufe sollten die Maßnahmen verschärft werden - etwa durch eine FFP2-Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen.

    Und auch im geänderten Infektionsschutzgesetz des Bundes, welches seit einer Woche in Kraft ist, werden die in ein Krankenhaus aufgenommenen Corona-Patienten als neue zentrale Kenngröße genannt. Die 7-Tage-Fallzahl wird hier noch auf 100.00 Einwohner umgerechnet - eine 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz. Der Grenzwert von 1.200 neuen Hospitalisierten innerhalb von 7 Tagen in Bayern entspräche einer Hospitalisierungsinzidenz von 9,1. Die folgende Grafik zeigt den aktuellen Stand:

    Anmerkung: Die letzten 14 Tage sind grau unterlegt, da die Werte durch Übermittlungsverzug und den natürlichen Krankheitsverlauf in erheblichem Maß unterschätzt werden.

    Aktuelle Hospitalisierungsinzidenz des RKI deutlich zu niedrig

    Sowohl in der bayerischen Verordnung als auch im Gesetzestext wird das Datum der Einlieferung als maßgeblich für die zeitliche Zuordnung der Fälle festgelegt. Die aktuell veröffentlichten Werte werden trotzdem anhand des Meldedatums der Covid-19-Fälle berechnet. Das Meldedatum ist der Tag, an dem das örtliche Gesundheitsamt erstmals von einem Corona-Fall erfährt – also wenn die Bestätigung der Infektion durch einen positiven PCR-Test dort eingeht .

    Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht einmal wöchentlich die Hospitalisierungsdaten für Deutschland, aufgeschlüsselt nach den Meldewochen. Diese Zahlen haben Datenjournalisten von "Zeit Online" und "Spiegel" untersucht. Sie fanden heraus, dass durch die Berechnungsmethode nach Meldedatum die aktuelle Hospitalisierungsinzidenz systematisch unterschätzt wird. Die eigentlichen Werte liegen demnach bis zu 79 Prozent höher, als die tagesaktuell vom RKI vermeldeten Zahlen.

    Zwischen Test und Einweisung liegt meist mehr als eine Woche

    Das RKI gibt an, dass zwischen den Beginn von Symptomen und der Einweisung in ein Krankenhaus im Mittel vier Tage vergehen. Josef Eberle, Professor am Lehrstuhl für Virologie der LMU München, beschreibt den Ablauf wie folgt: Nach der Infektion vergingen ca. zwei Tage, bis man das Virus weitergeben könne und weitere zwei bis drei Tage, bis der Infizierte Symptome bekomme. Bis zur erheblichen Atemnot mit folgender Klinikeinweisung vergingen nochmal mehrere Tage, bis zu einer Woche. Die meisten, vor allem älteren, Patienten kämen demnach knapp zwei Wochen nach der Infektion in kritischem Zustand in die Klinik.

    Da ein Test in den meisten Fällen spätestens bei den ersten Symptomen durchgeführt wird, liegt das Meldedatum also meist deutlich vor der Einweisung in eine Klinik. Die Hospitalisierung wird nachgemeldet, aber dann einem Meldedatum in der Vergangenheit zugewiesen. So fallen viele aktuelle Einweisungen nur im Rückblick ins Gewicht, nicht aber in der aktuellen 7-Tage-Fallzahl bzw. Inzidenz.

    Eine Sprecherin des RKI sagte dem BR, dass das Problem zwar bekannt, eine Änderung des Berechnungswegs aber nicht geplant sei. Das Datum der Krankenhauseinweisung liege nicht für jede Fallmeldung vor - obwohl alle Kliniken in Deutschland seit dem 13. Juli verpflichtet sind, die Aufnahme von Covid-19-Patienten zu melden. Auch in der sogenannten Trendübersicht des RKI gebe es einen entsprechenden Hinweis: "Die letzten 14 Tage sind grau unterlegt, da durch Übermittlungsverzug die Werte in gewissem Maß unterschätzt werden können."

    Berechnung des LGL entspricht nicht der Corona-Verordnung

    Die Zahlen des RKI waren jedoch nicht maßgeblich für die Krankenhaus-Ampel in Bayern. Das Gesundheitsministerium des Freistaats verweist explizit auf die Veröffentlichungen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Dieses zeigt seit dem 2. September auf einer Überblicksseite jeweils die tagesaktuelle 7-Tage-Fallzahl und die Inzidenz der Hospitalisierten. Nach den Vorgaben der bayerischen Schutzmaßnahmenverordnung sollten diese Werte anhand des Einweisungsdatums berechnet werden. Auf Anfrage des BR gab die Behörde jedoch an, dass wie beim RKI mit dem Meldedatum gerechnet wird.

    Um wieviel Prozent dadurch die 7-Tage-Fallzahl der Hospitalisierten und ihre Inzidenz in Bayern unterschätzt wird, kann zum aktuellen Zeitpunkt von außen nicht überprüft werden, da nur die jeweils tagesaktuellen Werte veröffentlicht und festgehalten werden können. Eine aktualisierte Zeitreihe, inklusive Nachmeldungen für einen Vergleich, stellt das LGL nicht zur Verfügung. Ein Sprecher der Behörde sagte, dass eine solche, öffentlich zugängliche Zeitreihe und möglicherweise auch ein Archiv für die Hospitalisierungszahlen in Planung sei.

    Küchenhoff bestätigt: Aktuelle Hospitalisierungszahlen 45 Prozent zu niedrig

    Helmut Küchenhoff, der die Pandemie mit seinem Forschungsteam an der LMU München von Beginn an statistisch begleitet und Zugang zur Datenbank des LGL hat, nennt eine Größenordnung der Unterschätzung, die den bundesweiten Recherchen ähnelt. "Wir haben ähnliche Berechnungen gemacht für bayerische Daten, und unsere Ergebnisse sind durchaus ähnlich - diese 80 Prozent kriegen wir auch raus." Liegen die eigentlichen Werte bis zu 80 Prozent höher, seien die tagesaktuellen Zahlen entsprechend bis zu 45 Prozent zu niedrig. Allerdings gelte das, wie bereits beschrieben, hauptsächlich für den ersten Tag, also die aktuellsten Werte. Wenn man einige Tage weiter zurückgehe, reduziere sich diese Zahl schon deutlich. Aber sie sei immer noch da.

    Deutlich zu niedrige Zahlen können "wirklich gefährlich" werden

    Kritik an der vom RKI und nun auch vom LGL verwendeten Berechnungsmethode gab es schon im August, wie etwa der SWR und die Tagesschau berichteten. Diese Kritik scheint bei der Formulierung der aktuellen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung aber nicht berücksichtigt worden zu sein. Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat die Kritik zurückgewiesen und sagte, man habe ein umfassendes und weitreichendes Monitoring aufgesetzt, mit dem die Corona-Lage Bayerns verlässlich eingeschätzt werden könne. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärte, dass bei der Ampel bewusst auf Klarheit und Nachvollziehbarkeit gesetzt worden sei.

    Sollte die vom LGL ausgewiesene Zahl der Hospitalisierung durch die Berechnungsmethode deutlich zu niedrig sein, wäre das laut der SPD-Gesundheitsexpertin im Landtag, Ruth Waldmann, "wirklich gefährlich". Sie kritisiert in diesem Zusammenhang das Vorgehen der Staatsregierung:

    "Das muss man sich doch vorher überlegen und mit denen sprechen, die es umsetzen, anstatt es irgendwie zu verkünden." Ruth Waldmann, SPD-Gesundheitsexpertin im Landtag

    Die Krankenhaus-Ampel sei "völlig unausgegoren".

    Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Christina Haubrich, ist der Meinung, dass nicht ausreichend geprüft worden sei, ob die vorgesehenen Daten auch wirklich übermittelt werden könnten. "Wir haben bereits bei der Ankündigung kritisiert, dass die Zahl der hospitalisierten Fälle ein stark verzögertes Bild über das Infektionsgeschehen bietet."

    Haubrich hält eine differenziertere Beobachtung der Corona-Lage für dringend notwendig. "Da brauchen wir robuste, aktuelle Daten", fordert die Grünen-Politikerin, "gerade wenn wir im Herbst und Winter mit einer höheren Zahl von anderen Infektionen rechnen müssen und das Gesundheitssystem durch die im letzten Jahr aufgeschobenen Behandlungen und den Personalmangel unbedingt vor einer Überlastung geschützt werden muss."

    Küchenhoff schlägt vor, mit den aktuellsten Daten anders umzugehen

    Abgesehen von der Berechnung nach dem Einweisungsdatum, wie sie in den offiziellen Texten vorgesehen ist, schlägt Helmut Küchenhoff im Gespräch mit dem BR zwei Wege vor, wie mit den verzerrten, aktuellsten Daten umgegangen werden könnte:

    Ein Möglichkeit sei, vier oder fünf Tage zurückzugehen und diese Zahl dann als tagesaktuell relevanten Wert zu nehmen. "Diese Daten sind zwar dann etwas verzögert, aber zuverlässiger." Eine bessere Variante ist aus seiner Sicht aber ein sogenanntes Now Casting. Das heißt, man verwendet ein statistisches Modell, eine Art von Prognose. Dabei werden die neuesten Werte um die Nachmeldungen ergänzt, die nach der Entwicklung der vorliegenden Daten zu erwarten sind. Dieses Verfahren wendet Küchenhoffs Team und auch das Robert Koch-Institut bereits für die Inzidenz der Neuinfektionen an. Die Münchner Statistiker haben es für die Hospitalisierungszahlen adaptiert.

    Now Casting beinhaltet natürlich immer eine gewisse Unsicherheit - es ist ja eine Prognose. Die könne jedoch gut beziffert werden, sagt Küchenhoff, das Verfahren werde ständig verbessert. "Das ist besser, als wenn man einen systematischen Fehler hat und weiß, dass die Werte mal 45 Prozent zu niedrig sein können." Für die Hospitalisierungsrate an sich plädiert er schon lange, hält sie für eine wichtige Kenngröße - vorausgesetzt, sie werde gut gemessen.

    +++ Korrektur: Ungenauigkeit in den Zitaten von Helmut Küchenhoff

    (21. September 2021) - In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, dass Statistikprofessor Helmut Küchenhoff an der LMU München berechnet habe, dass die tagesaktuellen Werte für Bayern bis zu 80 Prozent zu niedrig lägen. Korrekt ist, dass die Werte nach Nachmeldungen um bis zu 80 Prozent höher liegen - die tagesaktuellen Werte sind entsprechend um bis zu 45 Prozent zu niedrig. Die betroffenen Stellen wurden berichtigt: "Statistikprofessor Helmut Küchenhoff an der LMU München hat berechnet, dass die tagesaktuellen Werte für Bayern bis zu 45 Prozent zu niedrig liegen." | "Liegen die eigentlichen Werte bis zu 80 Prozent höher, seien die tagesaktuellen Zahlen entsprechend bis zu 45 Prozent zu niedrig."

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