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Krank ins Büro: Wenn Mitarbeiter nicht zu Hause bleiben | BR24

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Viele Arbeitnehmer gehen krank in die Arbeit

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Krank ins Büro: Wenn Mitarbeiter nicht zu Hause bleiben

Viele Menschen schleppen sich krank zur Arbeit. Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: "Präsentismus". Die Mitarbeiter schaden damit nicht nur sich selbst, sondern auch den Kollegen. Und zu Zeiten von Corona hat "Präsentismus" eine besondere Brisanz.

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Wahrscheinlich hat es jeder schon Mal gemacht: Eigentlich brummt der Kopf, die Nase läuft und das Atmen fällt schwer. Aber gleichzeitig müssen im Job viele Aufgaben erledigt werden. Statt sich ins Bett zu legen, quält man sich zur Arbeit. Dieses Verhalten heißt "Präsentismus".

Trotz Erkältung zur Arbeit gehen – davor warnt die Arbeitspsychologin Andrea Hufnagel. Dieses Verhalten habe Folgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die nicht zu unterschätzen seien, sagt Hufnagel vom Institut Asam Praevent. Hufnagel stellt aber fest, beim Thema "Präsentismus" fehle das Bewusstsein. Welche Nachteile damit entstünden, sei Unternehmen nicht klar. "Die Kosten durch die Mitarbeiter, die krank zur Arbeit gehen, sind höher, als Kosten, die Mitarbeiter erzeugen, die bei Krankheit zu Hause bleiben", betont Hufnagel.

Zwei Drittel der Arbeitnehmer gehen krank zur Arbeit

Im vergangenen Jahr sind laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds zwei Drittel aller Arbeitnehmer in die Arbeit gegangen, obwohl sie krank waren. Besonders Beschäftigte, die motiviert sind und gern zur Arbeit gehen, tauchen angeschlagen auf, wie Hufnagel sagt. Aber auch so manche Mitarbeiter, die eigentlich häufig krank sind, bleiben nicht immer zu Hause. Zeitdruck und Arbeitsrückstände spielen hier mit rein. "Der häufigste Grund ist aber zu viel Arbeit“, so Hufnagel. Außerdem spiele die Angst um den Arbeitsplatz eine sehr große Rolle. Es gebe einen Zusammenhang zwischen der Konjunkturlage, der Arbeitslosenquote und der Anzahl der Mitarbeiter, die krank zur Arbeit gehen.

Gleichzeitig hänge auch viel von der Tätigkeit selbst ab, erläutert die Arbeitspsychologin. Besonders Menschen, die mit Menschen arbeiten, übernehmen sich laut Hufnagel häufig. Dazu zählten Menschen, die in Gesundheits-, Erziehungs oder Ausbildungsberufen arbeiten. "Sie fehlen weniger oft, weil sie natürlich wissen: Sie werden gebraucht."

Mehr Fehler, höheres Unfallrisiko

"Präsentismus" hat Folgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die nicht zu unterschätzen seien, sagt Hufnagel: Angeschlagene Menschen machten mehr Fehler, das Unfallrisiko steige. Verschleppten Menschen eine Krankheit, dann dauere die Heilung länger, sagt die Psychologin.

Außerdem kann es zu Folgeschäden kommen. "Was ich aus psychologischer Sicht auch wichtig finde: Man ist emotional labiler. Es kommt schneller zu Konflikten und das belastet auch das Betriebsklima", warnt Hufnagel.

Kranke sind in den ersten Tagen am ansteckendsten

Aber wann sollten kranke Menschen zu Hause bleiben? Bei den ersten Anzeichen, also am Anfang einer Infektion, denn dann ist die Ansteckungsgefahr am höchsten, wie Ulrike Protzer, Professorin für Virologie an der Technischen Universität München, sagt. "Also nicht erstmal zwei Tage in die Arbeit gehen und die Viren an alle verteilen und anschließend zu Hause bleiben. Sondern genau umgekehrt: Wenn ich merke, ich kriege eine Infektion und vor allem, wenn ich Fieber habe, auf jeden Fall zu Hause bleiben."

Alle, die in Großraumbüros arbeiten, könnten beruhigt dort hingehen, sagt Protzer: Es gebe keinerlei Hinweise, dass die Ansteckungsgefahr in Großraumbüros erhöht sei. Jeder habe einen eigenen Arbeitsplatz und eine Distanz von 0,8 bis 1,5 Meter zum Gegenüber reiche aus, um sich zu schützen.

Arbeitsplätze für die Gesundheit gestalten

Um eine gutes Umfeld gegen "Präsentismus" zu schaffen, ist laut Hufnagel eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung essentiell: Gute Regelungen für Vertretungen und eine angemessene Arbeitsbelastung helfen hier. Die Geschäftsführung müsse den Mitarbeitern den Rücken stärken und nicht nur schnelle Erfolge fordern, sagt die Arbeitspsychologin. Maßnahmen wie Leistungsprämien fördern der Expertin zufolge den "Präsentismus" sogar.

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