BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Klimafreundliche Landwirtschaft: Schilfanbau auf Moorböden | BR24

© BR / Unser Land 2020

Trockengelegte Moore schaden dem Klima, weil sie CO2 freisetzen. Jetzt testen Wissenschaftler, ob man wieder vernässte Flächen trotzdem landwirtschaftlich nutzen kann, zum Beispiel für den Anbau von Schilfgräsern, sogenannten Paludi-Kulturen.

4
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Klimafreundliche Landwirtschaft: Schilfanbau auf Moorböden

Trockengelegte Moore schaden dem Klima, weil sie CO2 freisetzen. Jetzt testen Wissenschaftler, ob man wieder vernässte Flächen trotzdem landwirtschaftlich nutzen kann, zum Beispiel für den Anbau von Schilfgräsern, sogenannten Paludi-Kulturen.

4
Per Mail sharen

Moore speichern viel Kohlenstoff

Moore kennt man so: Wenn man über den matschigen und sumpfigen Boden stapft, sinkt man ein bisschen ein und in den Schuhabdrücken sammelt sich dunkelbraunes Wasser. Solche torfigen Böden entstehen über Jahrtausende, wenn Pflanzen auf nassen Flächen wachsen, absterben, aber in dem luftdichten Medium nicht verrotten. Weil die Biomasse aus Kohlenstoffen besteht und immer mehr in sich zusammenfällt, bildet sich über die Zeit ein dicker Torfkörper, ein Moor. In Bayern sehen aber nur noch 5 bis 10 Prozent der Moore so aus – weil sie entwässert wurden. Und das ist schlecht fürs Klima.

Treibhausgase aus trockengelegten Mooren

Vor allem im 19. Jahrhundert haben Landwirte Moorflächen trockengelegt, um dort Landwirtschaft betreiben zu können und Mais, Kartoffeln oder Getreide anzubauen. Dazu legte man zwischen den Feldern Wassergräben an. Weil dadurch aber Sauerstoff an den Torf kommt, zersetzen Mikroorganismen den gespeicherten Kohlenstoff – und es entweichen klimaschädliche Treibhausgase. Mehr als sechs Prozent der gesamten klimarelevanten Emissionen in Bayern stammen aus trockengelegten Moorflächen. Wer Moore schützt, schützt also auch das Klima. Doch kann man Moore wieder vernässen und trotzdem landwirtschaftlich nutzen?

Klimaschutz mit Paludi-Kulturen

"Paludi" kommt vom lateinischen "palus" für Sumpf oder Morast. Wenn man nasse Moorböden wirtschaftlich nutzt, spricht man von Paludi-Kultur. Die Idee: Man baut Gräser an, die natürlicherweise im Moor wachsen und deshalb an die nassen Bedingungen angepasst sind: zum Beispiel Schilf oder Rohrglanzgras. Oder Rohrkolben, das typische Sumpfgras mit langen Halmen und braunen Köpfchen, das man auch "Kanonenputzer" nennt. Solche Gräser lassen sich als Dauerkultur anbauen und zum Beispiel zu ökologischen Baustoffen weiterverarbeiten. Sie werden weder gespritzt noch gedüngt, die Flächen lassen sich langfristig bewirtschaften, ohne dass die Böden auslaugen oder erodieren.

Forschungsprojekt "MOORuse"

Welche Gräser sich für die "nasse Landwirtschaft" am besten eignen, und wie man dabei möglichst effektiv das Klima schützt, untersuchen Wissenschaftler der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf im Forschungsprojekt "MOORuse". Auf Versuchsflächen im Freisinger Moos bauen sie sechs unterschiedliche Pflanzen an. Sie testen, ob es besser ist, die Gräser zu pflanzen oder anzusäen und wie hoch der Wasserstand sein sollte, damit möglichst wenig Treibhausgase in die Atmosphäre entweichen. Eine spezielle Apparatur misst unter Glashauben Spurengase - CO2, Lachgas und Methan - bei unterschiedlich hohen Wasserständen. Zu hoch sollte das Wasser nicht stehen, weil sonst Methan aus dem Boden entweicht. Zehn Zentimeter unter der Oberfläche scheinen ideal zu sein, damit möglichst wenig Methan in die Atmosphäre gelangt. Darum sollte man den Wasserstand auf wieder vernässten Moorflächen nach Möglichkeit regulieren können.

Baustoffe und Energieträger aus Paludikulturen

Gleichzeitig prüfen die Wissenschaftler im MOORuse-Projekt, wie sich Paludi-Kulturen wirtschaftlich am meisten lohnen. Aus Rohrkolben lassen sich zum Beispiel Dämmplatten pressen, die als nachhaltiger Baustoff Gebäude isolieren und gleichzeitig gute Schimmelresistenz- und Brandschutzeigenschaften haben. Auch zu Ersatzstoffen für Torf oder Heizpellets kann man den geernteten Grasschnitt weiterverarbeiten – und es gibt Ansätze, aus den Gräsern biologische Kunststoffe herzustellen. Geerntet werden Paludi-Kulturen meist am Ende des Winters, mit Spezialmaschinen für feuchte Böden.

Weidehaltung im Donaumoos

Eine andere Möglichkeit ist, Moorflächen als Weideland zu nutzen, zum Beispiel für Wasserbüffel. Dass das gut funktioniert, zeigt eine Herde im Schwäbischen Donaumoos, die ein Landwirt dort schon seit einigen Jahren hält. Das hilft auch heimischen Arten, sagt Anja Schumann von der Arbeitsgemeinschaft Schwäbisches Donaumoos: Im Frühjahr fangen Kiebitze an, auf den Moorweiden zu brüten und die Jungen finden in den Kuhfladen Nahrung. Auch sei das Büffelfleisch qualitativ sehr hochwertig. Trotzdem lohnt sich die Büffelherde wirtschaftlich bisher noch nicht, weil wenig Tiere auf großen Flächen stehen. Solche naturschonenden Wirtschaftsformen müssten staatlich gefördert werden. Und das ist auch geplant.

Finanzielle Förderungen werden kommen

Das Bayerische Landwirtschaftsministerium will in den nächsten zehn Jahren etwa 20.000 Hektar Moorfläche wieder vernässen. Einerseits sollen das Renaturierungen sein, aber auch Paludi-Kulturen werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Welche Förderungen es für Landwirte geben soll, wird im Moment noch diskutiert. Es hängt auch davon ab, zu welchen Ergebnissen die Wissenschaftler auf den Versuchsflächen im Freisinger Moos kommen, welche Anbaumethode am besten fürs Klima ist und wie sie sich wirtschaftlich am meisten lohnt.

Moor ist nicht gleich Moor

Es gibt zwei Moortypen, je nach Art der Wasserspeisung: Hochmoore und Niedermoore. Auch optisch gibt es Unterschiede: In Hochmooren gibt es nur niedrigen Bewuchs, auf Niedermooren können auch Bäume wachsen. Ein bekanntes Hochmoor in Bayern ist das Murnauer Moos. Niedermoore sind das Bayerische Donaumoos, das Schwäbisches Donaumoos, das Freisinger, Dachauer und das Erdinger Moos.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!