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Kindererziehung und psychische Gewalt: Grenzen der Erziehung | BR24

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"Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!" "Du stellst dich in die Ecke!" Viele sind mit solchen Aufforderungen aufgewachsen. Auch in einigen Kitas werden Kinder so "erzogen". Noch normale Erziehungsmethode oder psychische Gewalt?

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Kindererziehung und psychische Gewalt: Grenzen der Erziehung

Auch in Bayern berichten Eltern und Erzieher immer wieder von psychischer Gewalt in Kindertagesstätten. Aber wo fängt psychische Gewalt überhaupt an? Das erklärt eine Pädagogin an drei konkreten Beispielen - und gibt Erziehungstipps.

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"Iss‘ dein Essen auf!", oder "Ich sag es nicht nochmal, sonst …" – diese Sätze kennen wohl viele Eltern aus der eigenen Erziehung. Aber ist es ratsam, ein Kind zum Beispiel dazu zwingen, das Essen, das es nicht mag, zu essen? Und ist der Satz "Ich sag es nicht nochmal, sonst ..." nicht auch schon eine Drohung?

Psychische Gewalt: eine Definition

Diese Fragen sind für Eltern und Erzieher immer wieder Thema. Was seelische Gewalt kennzeichnet, hat das bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales in einem Leitfaden definiert. Demnach zeigen sich seelische Misshandlungen beispielsweise in Drohungen, die das Kind ängstigen oder einschüchtern. Aber auch ständige Kritik am Kind, Schuldzuweisungen und die bewusste Ausgrenzung des Kindes, es beispielsweise zu ignorieren oder einzusperren, gelten als psychische Gewalt.

Erwachsene geben eigene Erfahrungen an Kinder weiter

Mit diesem Thema beschäftigt sich auch Pädagogin Christiane Stein. Sie arbeitet für Soke e.V., der Dachorganisation für selbstorganisierte Kindertageseinrichtungen in Nürnberg. Sie berät Erzieherinnen und Erzieher in Krippen, Kindergärten und Horten zu dem Thema und versucht, diese in ihrer oft komplexen Alltagsarbeit zu unterstützen.

"Oft handeln Erzieherinnen, Erzieher und Eltern unbewusst, ohne eine böse Absicht. Sie geben vielleicht auch Handlungsmuster, Normen und Werte wieder, die sie selbst als Kind so erfahren haben", sagt Christiane Stein. Auch deshalb spreche sie ungern von psychischer Gewalt, sondern lieber von "Beschämungen".

Tipps für Erwachsene im Umgang mit Kindern

Aber wo liegen die Grenzen der Erziehung? Wo fangen die Beschämungen an? Für BR24 gibt sie eine Einschätzung zu drei Situationen – und allgemeine Tipps für Erzieherinnen, Erzieher und Eltern.

Situation 1: Das Kind will etwas nicht essen. Darf der Erwachsene es zum Essen zwingen?

Christiane Stein: "Ab dem Moment, in dem das Kind deutlich geäußert hat, dass es etwas nicht essen will oder kann, sollte ein Erwachsener das akzeptieren. Man zeigt dem Kind dadurch, dass man sein Bedürfnis akzeptiert. Natürlich darf man ein Kind ermutigen, etwas zu probieren. Wenn die Antwort allerdings 'Nein' ist, sollten Eltern oder Erzieher das hinnehmen.

Andernfalls übt der Erwachsene – oft sinnlos – Macht über das Kind aus. Kommt das öfters vor, zermürbt es das Kind und es führt zu Vertrauensverlust: Denn der Erwachsene will eine Norm einhalten, die er selbst gelernt hat: 'Man isst, was auf den Tisch kommt' oder 'Man muss komplett aufessen, auch wenn man nicht mehr kann'. Diese Normen verstehen Kinder nicht. Schließlich leben wir heutzutage in einer Zeit, in der wir oft nicht mehr aus Hungergefühl essen, sondern in der alles im Überfluss vorhanden ist. Wenn ein Kind Hunger hat, wird es in der Regel schon essen. Und gerade Kleinkinder holen sich das und auch so viel, wie sie brauchen. Das Thema wird oft viel zu früh als Problem gesehen.

In diesem Zusammenhang fallen auch Sätze wie 'Jetzt stell dich nicht so an!" Das beschämt das Kind, weil seine Gefühle nicht respektiert werden. Wichtig ist, dass die Kinder eine gute Vertrauensebene zu den Erwachsenen haben. Das Vertrauen baue ich nur auf, wenn ich nicht ständig beschämt werde."

Situation 2: Ein Kind hat etwas angestellt – und wird von den Erziehern im Hort vor die Tür geschickt

Christiane Stein: "Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist ein relativ starkes Bedürfnis von Kindern. Ein Kind aus dem Raum zu schicken, ist aber nicht immer automatisch psychische Gewalt. Es kann richtig sein, das Kind aus der Situation herauszuholen und es aus der Gruppe zu nehmen. Auch damit es merkt, dass es etwas falsch gemacht hat. Wichtig ist dann, wie man danach mit dem Kind umgeht: Natürlich sollte man das Kind nicht belohnen oder hätscheln, aber es ist wichtig, es nicht allein zu lassen. Denn wird es komplett ausgeschlossen und von allen ignoriert, frustriert und demütigt man das Kind. Man gibt ihm das Gefühl, wegen des Fehlverhaltens 'weniger wert' zu sein.

Der Lerneffekt tritt aber nur ein, wenn man mit dem Kind in Kontakt bleibt und mit ihm bespricht, warum etwas falsch war. Gerade bei älteren Kindern kann man dann fragen: Was ist passiert? Warum hast du das gemacht? Warum hast du gegen unsere Regeln verstoßen? Man kann auch noch einmal erklären, warum bestimmte Regeln gelten. Es kann in diesem Moment sogar richtig sein, es nicht vor den anderen Kindern zurechtzuweisen und zu schimpfen – denn auch das kann beschämend sein."

Situation 3: Das Kind benimmt sich schlecht. Der Erwachsene ignoriert es zur Bestrafung

Christiane Stein: "Ein Kind braucht viel Resonanz – einen Spiegel sozusagen, um zu lernen, was richtig oder falsch ist. Ignorieren ist für Kinder etwas ganz Schlimmes, weil das Kind nicht mehr weiß, was passiert und was der Erwachsene, die Bezugsperson, denkt.

Kinder beginnen ja gerade erst, die Welt zu entdecken und alles von Grund auf zu lernen. Sie sind außerdem soziale Wesen, die ihre Rolle und ihren Platz in der Gruppe brauchen. Je kleiner und jünger sie sind, desto unsicherer sind sie – und desto mehr brauchen sie den Spiegel und die Resonanz von den Erwachsenen.

Schlimm sind für Kinder auch Sätze wie: "Jetzt bin ich aber traurig wegen dir und deinem Verhalten". Die Kinder fühlen sich dann schuldig. Ignoriert man es dann auch noch, dann lässt man das Kind mit seiner Schuld alleine. Da kann etwas entstehen, was bis zum Erwachsenenalter nachwirken und man nur mit Mühe wieder berichtigen kann."

Fazit: Was Christiane Stein Eltern und Erziehern grundsätzlich rät

Christiane Stein: "Es ist immer besser, mit dem Kind in Kontakt zu sein und ihm deutlich zu machen, warum es Regeln einhalten muss. Außerdem sollte man sich fragen: Kann das Kind in dem Alter überhaupt schon diese Regeln einhalten? Beispielsweise stillsitzen – das können ganz kleine Kinder noch nicht so gut wie große. Wichtig ist es auch, das vorzuleben, was man vom Kind erwartet. Dann sind bestimmte Verhaltensweisen normal und das Kind übernimmt sie.

Man kann außerdem mit dem Kind gemeinsam Regeln aufstellen. Das sorgt für Akzeptanz. Die Verantwortung bleibt natürlich beim Erwachsenen, aber deshalb sollte man auf keinen Fall die Bedürfnisse des Kindes ignorieren."