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Kinderärzte: Plädoyer für offene Schulen | BR24

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Unterricht mit Maske (Symbolbild)

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    Kinderärzte: Plädoyer für offene Schulen

    Schulen sind keine Infektionstreiber - das zumindest legt eine Datensammlung von Kinderärzten nahe. Schulerinnen und Schüler galten bisher als eine Hauptquelle für die Verbreitung des Virus. Kinderärzte plädieren dafür, die Schulen offen zu lassen.

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    Von
    • Marlene Riederer

    Das Risiko, dass sich Schulkinder unbemerkt mit dem Coronavirus infizieren und es weitertragen, ist geringer als bisher angenommen. Das legt eine Datensammlung von Kinderkliniken in Bayern nahe - beteiligt waren der Chefarzt der Passauer Kinderklinik, Matthias Keller, Johannes Hübner von der Haunerschen Kinderklinik in München und Michael Kabesch von der Uni-Kinderklinik Regensburg. Damit steht die Erhebung im Widerspruch zu anderen Studien.

    100 Kinderkliniken haben sich beteiligt

    Für die Datensammlung wurden die Daten von jungen Patienten ausgewertet, die in 100 Kinder- und Jugendkliniken - von Universitätskliniken, über Bezirkskliniken bis hin zu Kinder-Rehas - auf Corona getestet wurden. Dabei wurden alle Kinder routinemäßig getestet - auch wenn sie keine Coronasymptome aufwiesen, sondern zum Beispiel wegen eines Beinbruchs oder anderer Erkrankungen und Verletzungen eingeliefert worden waren. Hinweise auf eine unentdeckte, hohe Dunkelziffer unter Kindern gebe es daher nicht, so Matthias Keller von der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. Bisher wurde nämlich davon ausgegangen, dass die Infektionsrate unter Kindern und Jugendlichen deutlich höher sei, da mangels Symptome eine Infektion unentdeckt bleibe.

    Infektionen in der Schule: 8 von 612 Tests

    Der Abfragezeitpunkt war vom 18. bis zum 22. November 2020 und erfasst Fälle von Mai bis zum 18. November. Das Ergebnis: Von den insgesamt 116.000 Tests hatten 612 ein positives Ergebnis - das sind 0,53 Prozent. Dabei wurde kein nennenswerter Unterschied zwischen Kindern unter zwölf Jahren und Jugendlichen darüber festgestellt. Das Überraschende waren die Infektionswege, die nachvollzogen wurden. Lediglich acht der 612 Infektionen ließen sich auf eine Ansteckung in der Schule zurückführen. Die restlichen Infektionen erfolgten in der Familie und im Freundeskreis.

    Infektionen in der Schule steigen mit denen der Bevölkerung

    Gleichwohl ist ein Anstieg der Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen im Oktober und November auszumachen, aber sie gehen einher mit dem Anstieg der Fallzahlen in der Gesamtbevölkerung, so Johannes Hübner von der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Deswegen würden sich die Maßnahmen, die Infektionsraten in der Gesellschaft zu senken, auch auf die Schulen auswirken.

    Schulen schließen? Kollateralschäden wiegen schwerer

    Schulschließungen werden nicht als Mittel der Wahl angesehen, um die Infektionszahlen zu senken, da Schulen nicht als Haupttreiber der Infektionen gelten. Empfohlen wird hingegen, auf eine sorgfältige Einhaltung der Hygienekonzepte wie die AHA-Regeln und regelmäßiges Lüften zu achten. Eine Halbierung der Klassen wäre prinzipiell auch eine Möglichkeit, das Infektionsgeschehen zu unterbrechen, aber organisatorisch schwer zu realisieren. Wichtig sei es in jedem Fall, den Präsenzunterricht beizubehalten, denn Kollateralschäden durch Schulschließungen wie zum Beispiel Fälle von häuslicher Gewalt würden schwer wiegen, so Hübner.

    Entspannung für den Berufsstand Lehrer

    Lehrer können sich übrigens als Berufsstand entspannen. Bei ihnen ist die Gefahr größer, sich im Kollegium anzustecken als bei den Schülern, so Wolfgang Kölfen, Generalsekretär Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD). Die Schüler seien eher durch die Lehrer gefährdet als umgekehrt. Zweifelsohne können sich Kinder und Jugendliche mit dem Coronavirus infizieren und ihn weitergeben, die Infektionsquellen liegen aber nicht in der Schule. "Es gibt jedoch deutliche Hinweise, dass die Infektionsquellen in der Mehrzahl außerhalb des schulischen Bereichs liegen." Die Datenanalyse unterstützt damit Studien nicht, die davon ausgehen, dass Schule "brandgefährlich" sei.

    Neben den drei beteiligten Medizin-Professoren wurde die Analyse der Daten auch vom bundesweiten Verband der leitenden Kinderärzte und Kinderchirurgen, dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sowie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie unterstützt.

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