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Kinder und Coronavirus: Weniger krank, aber genauso ansteckend? | BR24

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Sind Kinder vom Coronavirus SARS-CoV-2 tatsächlich weniger betroffen? Infizieren sie sich weniger oder zeigen sie nur weniger Symptome? Was das für das Infektionsgeschehen bedeutet, erklärt Prof. Eva Rehfuess von der LMU München in diesem Interview.

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Kinder und Coronavirus: Weniger krank, aber genauso ansteckend?

Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf Sars-CoV-2 nicht genauso ansteckend seien wie Erwachsene. Zu diesem Fazit kommt Virologe Christian Drosten in seiner Studie. Sie erkranken selten schwer, geben aber trotzdem das Virus weiter.

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Um zu entscheiden, ob und wie Schulen und Kindertagesstätten während der Corona-Pandemie wieder geöffnet werden können, ist eine der wichtigsten Fragen: Welche Rolle spielen Kinder im Infektionsgeschehen des neuen Coronavirus? Die Antwort: Man weiß es noch nicht. Wie bei fast allen Fragen rund um das Virus SARS-CoV-2 werden derzeit erst die Daten gesammelt für eine wissenschaftlich fundierte Antwort. Noch fehlen die dafür notwendigen Studien. Eine hat nun Virologe Christian Drosten vorab veröffentlicht und nach Kritik überarbeitet. Sein Fazit bleibt das Gleiche: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf Sars-CoV-2 nicht genauso ansteckend sind wie Erwachsene.

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Infizieren sich Kinder weniger leicht mit dem Coronavirus?

Was man bislang beobachtet, ist, dass Kinder, vor allem unter zehn Jahren, offenbar seltener an der vom Coronavirus übertragenen Krankheit Covid-19 erkranken oder sehr milde bzw. kaum Symptome zeigen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht trotzdem mit dem Virus infiziert sein könnten oder ihn sogar verbreiten.

Bisher gibt es nur einzelne, kleinere Studien zum Infektionsgeschehen bei Kindern, und diese widersprechen sich leider auch noch.

  • Eine Studie in Island, Mitte April im Fachmagazin The New England Journal of Medicine veröffentlicht, testete mehr als 9.000 Personen, die entweder aus Risikogebieten kamen oder typische Symptome zeigten, auf das Coronavirus und fand einen deutlichen Unterschied zwischen Kindern unter 10 Jahren und älteren Personen: Während nur 6,7 Prozent der Kinder positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, waren bei allen Personen über 10 Jahren 13,8 Prozent mit Corona infiziert.
  • Bei einer Studie in der chinesischen Stadt Wuhan, die Ende April im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde und knapp 400 mit Corona infizierte Personen und fast 1.300 ihrer Kontaktpersonen untersuchte, waren Kinder dagegen statistisch unauffällig: Sie seien entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung ebenso häufig infiziert gewesen, auch wenn schwere Symptome bei ihnen unwahrscheinlicher seien.
  • In Baden-Württemberg startet gerade eine Studie zu genau dieser Frage, bei der in rund 2.000 Haushalten Kinder und Elternteile auf das Coronavirus getestet werden sollen. Besonders interessiert sind die Forscher dabei an Kindern, die in der Notbetreuung sind oder waren, da diese womöglich mehr Kontakt zu anderen Kindern hatten. Von dieser Studie gibt es noch keine Ergebnisse.

Für Prof. Eva Rehfuess, die an der LMU in München den Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung leitet, reichen diese Studien nicht aus, um gesicherte Aussagen darüber zu machen, ob und welche Rolle Kinder in dieser Pandemie spielen.

Aktuelle Entscheidungen über Schulschließungen oder -öffnungen können daher nur auf Modell-Rechnungen zu Epidemien oder aus Erfahrungen mit anderen Epidemien beruhen. Denn zu früheren Erregern wie dem der Schweinegrippe gibt es Studien dazu, wie sich Schulschließungen ausgewirkt haben und welche Maßnahmen besonders erfolgreich waren.

Am Lehrstuhl von Rehfuess wurden bisherige Studien und Erfahrungen zu Schulschließungen und -öffnungen bei anderen Epidemien ausgewertet und in einem Factsheet zusammengefasst.

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Bei Kindern verläuft Covid-19 ausgesprochen milde. Philip Häusser stellt Hypothesen vor, die das erklären könnten. Eine davon: Bei Kindern ist die angeborene Immunreaktion besonders effektiv.

Kinder können unbemerkt ansteckend sein

Die Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen der Pandemie wird aber noch von einem ganz anderen Faktor bestimmt: Auch wenn sie selbst nur leichte oder gar keine für Corona typischen Symptome haben, könnten sie selbst ansteckend für andere sein. Und ganz unbemerkt Virenträger sein:

"Wenn ein Kind infiziert ist, dann merkt man das oft gar nicht. Infektionen bei Kindern werden sehr viel weniger leicht entdeckt und die Kinder können dann eine Infektion noch leichter in die Familien hineintragen oder eben auf andere Schulkinder übertragen." Prof. Eva Rehfuess, LMU München

Auch für das Robert-Koch-Institut (RKI) ist das der ausschlaggebende Punkt bei den Empfehlungen für oder gegen Schulschließungen.

Denn selbst wenn nur schwache oder gar keine Symptome feststellbar sind, kann eine infizierte Person andere anstecken:

"Es hat sich gezeigt, dass – unabhängig von der Altersgruppe – asymptomatische oder präsymptomatische Übertragungen eine wichtige Rolle spielen. Die Viruslast im Rachen von symptomatischen Patienten war [in Studien] verglichen mit einem asymptomatischen Patienten etwa gleich hoch." RKI-Bulletin 19

Und damit kommt laut RKI Kindern sogar eine besonders große Rolle im Infektionsgeschehen zu, weil durch das Fehlen von Symptomen bei Kindern weniger getestet wird und so nicht mehr nachvollziehbar ist, wann und wo sie infiziert wurden und wen sie selbst angesteckt haben könnten.

"Aufgrund dieser relevanten Anteile asymptomatischer bzw. nur mild symptomatischer Fälle unter Kindern können Infektionsketten durch das Isolieren von Erkrankten weniger effektiv durchbrochen werden." RKI-Bulletin 19

Es gibt laut RKI zu wenig Zahlen zu Kindern und Corona, da sich Studien meist auf Corona-Kranke in Krankenhäusern beziehen, Kinder seien in den Studien "verhältnismäßig selten vertreten".

Virenlast nach Altergruppen - Christian Drostens neue Coronavirus-Studie

Christian Drosten, der Leiter der Virologie in der Berliner Charité, plädierte in seinem Corona-Podcast (Folge 36 vom 28. April 2020) dafür, die tatsächliche Virenlast im Rachen von Kindern zu testen, um überhaupt belastbare Zahlen zu erhalten, wie infektiös Kinder sind. Der Forscher legte auch eine Studie zu SARS-CoV-2-Virenlast nach Altersgruppen vor und veröffentlichte sie auf einem Preprint-Server. Mehrere Wissenschaftler übten Kritik an Drostens Methode, woraufhin dieser seine Studie überarbeitete. Dieses Prozedere ist gang und gäbe unter Forschern. Die Kritiker betonten zudem später, dass Kritik an der Methode nicht zwangsläufig das Ergebnis infrage stelle. Es war also kein Wissenschaftler-Streit ausgebrochen, wie es die "Bild"-Zeitung hinstellte. Die in der "Bild" zitierten Wissenschaftler, die nicht von der Zeitung interviewt worden waren, distanzierten sich vom "Bild"-Artikel.

Drosten kommt auch in seiner aktualisierten Studie zum gleichen Ergebnis: "Wir schlussfolgern, dass ein erheblicher Anteil infizierter Personen aller Altersgruppen - auch unter denen mit keinen oder milden Symptomen - eine Viruslast trägt, die wahrscheinlich Infektiosität bedeutet." Da Kinder frühzeitig während der Pandemie im Lockdown verschwunden sind, bringen sie momentan keine Coronavirus-Infektionen nach Hause. Doch das könne sich ändern, sobald sie wieder in Schulen und Kindergärten unterwegs sind, sagte Drosten Ende April und wiederholt die Warnung nun: "Die uneingeschränkte Öffnung dieser Einrichtungen sollte sorgfältig mit Hilfe von vorbeugenden diagnostischen Tests überwacht werden." In Hessen wird genau das im Rahmen einer Studie gemacht: Für die Safe-Kids-Studie sollen im Laufe des Juni mehr als tausend Kindergartenkinder mehrfach auf das neue Coronavirus getestet werden.

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Diese eine Studie des Virologen Christian Drosten zur Ansteckungsgefahr von Kindern mit Corona reicht nicht aus, um Schließungen von Schulen und Kitas zu rechtfertigen. Nach wie vor fehlen belastbare Daten. Kommentar von Jeanne Rubner, Wissen aktuell

Kinder können strikte Kontakt- und Hygieneregeln schlechter einhalten

Das RKI ist zudem besorgt, dass insbesondere jüngere Kinder sehr viel schlechter die Regeln einhalten können, die in den Schulen oder Kindergärten weitere Corona-Infektionen eindämmen könnten:

"Vor allem jüngere Kinder können sich nicht in vollem Umfang an kontaktreduzierende und Hygienemaßnahmen halten. Auf Grund der verschiedenen und engen außerschulischen Kontakte ist zudem von einem Multiplikatoreffekt mit Ausbreitung in den Familien und nachfolgend in der Bevölkerung auszugehen." RKI-Bulletin 19

Studien zu Grippewellen zeigen deutlich, welchen Anteil Schulen an der Verbreitung von Viren haben, meint Prof. Rehfuess von der LMU:

"Und gerade, wenn man mal Grippeerreger betrachtet: Da spielen Kinder eine ganz wesentliche Rolle im Infektionsgeschehen. Da gibt es Studien, die zeigen: wenn man Schulen schließt, geht die Verbreitung der Epidemie deutlich zurück, flacht sich ab. Bei Covid-19 wissen wir es eigentlich nicht wirklich." Prof. Rehfuess

Besondere Strategien für Schulen

Ob man die Schulen wieder öffnet, Kindergärten und -tagesstätten folgen oder die Notbetreuung ausgeweitet wird, ist aber eine Abwägungssache zwischen Infektionsrisiko und gesellschaftlichen Bedürfnissen: Denn mit Homeschooling können nicht alle Kinder im gleichen Maße erreicht werden und berufstätige Eltern sind in zusätzlicher Bedrängnis.

Aber man könne das Infektionsrisiko durch geöffnete Schulen eindämmen, so Rehfuess, wenn man drei Strategien zusammen anwendet:

  • Infektionsräume begrenzen: Unterricht nur in halben Klassen im Schichtbetrieb, Abstand zwischen den Tischen, Zutritt zu Gemeinschaftsräumen beschränken, nur einzeln zur Toilette gehen etc.
  • In diesen kleineren Infektionsräumen das Infektionsrisiko weiter reduzieren: Abstandsregelungen, häufiges Desinfizieren von Oberflächen, häufiges Händewaschen, Gesichtsmasken für ältere Schüler etc.
  • Schnelles Testen, Nachverfolgen und Ergreifen von Quarantänemaßnahmen, sobald im schulischen Umfeld Corona-Infektionen auftauchen.

30 Familien in meinem Wohnzimmer

"Ich kann aus ganz persönlicher Sicht sagen: Ich habe meine Kinder lange Zeit nicht in der Notbetreuung gehabt. Ich habe mich dann jetzt für die Notbetreuung entschieden, schweren Herzens. Aus meiner Sicht fühlt es sich jetzt so an, als hätte ich 30 Familien bei mir zuhause im Wohnzimmer sitzen, weil meine Kinder - insbesondere die im Kindergartenalter - sich natürlich dort kräftig mit anderen Kindern austauschen." Prof. Rehfuess, LMU München