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Killer-T-Zellen entscheidend für Krankheitsverlauf bei Corona? | BR24

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Wenige Killer-T-Zellen im Blut könnten bei Menschen, die am Coronavirus erkrankt sind, zu einem schwereren Krankheitsverlauf führen.

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Killer-T-Zellen entscheidend für Krankheitsverlauf bei Corona?

Warum erkranken manche Menschen so schwer an Covid-19, während andere mit dem Coronavirus Infizierte keine oder wenig Symptome zeigen? In einer kleinen Studie in Wuhan zeigte sich, dass schwer Erkrankte weniger Killer-T-Zellen im Blut haben.

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Es ist nur eine sehr kleine Studie, doch sie könnte sowohl für die Prognose des Krankheitsverlaufs als auch für einen therapeutischen Ansatz wertvolle Informationen liefern: Chinesische Forscher haben in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum in Essen das Blut von vierzig Covid-19-Patienten aus Wuhan auf Immunzellen untersucht. Die besonders schwer am Coronavirus erkrankten Patienten zeigten dabei alle eine signifikante Verringerung von Killer-T-Zellen im Blut, den weißen Blutkörperchen, die für die Zerstörung erkrankter Körperzellen zuständig sind.

Auch an einzelnen Patienten in Deutschland habe sich das nachweisen lassen, bekräftigte Ulf Dittmer, Leiter der Virologie der Uniklinik Essen und Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie, der an der Studie beteiligt war. Allerdings lasse sich die Studie derzeit dank niedriger Infektionsraten in Deutschland nicht vertiefen.

So attackieren T-Zellen Viren und andere Infektionen

Das menschliche Immunsystem reagiert sehr komplex auf unerwünschte Eindringlinge in den Körper. Erkennt es eine Infektion im Körper, produziert es Antikörper, die Viren oder Bakterien angreifen, bevor diese die Körperzellen befallen können. Doch sind die Viren einmal in die Zellen eingedrungen, um sich dort zu vermehren, können die Antikörper sie nicht mehr erkennen. Dann ist es Zeit für eine andere Abwehrwaffe des Immunsystems: die Killer-T-Zellen. Das sind weiße Blutkörperchen (Lymphozyten), die als Immunantwort auf spezielle Viren gebildet werden und die befallenen Körperzellen zerstören. So verhindern sie, dass sich die Viren weiter vermehren können.

Nach überstandener Krankheit bleiben im Körper T-Helferzellen zurück. Diese Lymphozyten greifen Fremdkörper oder kranke Zellen nicht selbst an, aber sie erkennen die Antigene sofort wieder und sorgen für eine schnelle Reaktion des Immunsystems bei einer neuen Infektion. Die Helferzellen erinnern sich gewissermaßen an ein Virus und bilden so das immunologische Gedächtnis des Körpers.

Schwerer Verlauf von Covid-19 aufgrund geringer T-Zellen-Anzahl

Die aktuelle Studie legt nahe, dass eine geringere Zahl an T-Zellen, insbesondere an den Killer-T-Zellen, einen schwereren Krankheitsverlauf bei einer Infektion mit dem Coronavirus nach sich zieht. Damit könnten die T-Zellen im Blut als Marker dienen, der Ärzten ermöglicht, schon vorab abzuschätzen, ob die Krankheit schwerer verlaufen wird.

Zweiter Marker im Blut: Bakterienbekämpfer Neutrophile

Auch eine deutlich erhöhte Zahl von Neutrophilen wurde bei den Schwererkrankten der Studie aus Wuhan festgestellt. Neutrophile sind ebenfalls Teil des Immunsystems und sollen eigentlich gegen Bakterien zu Werke gehen. Allerdings könnten sie auch die Killer-T-Zellen in ihrer Funktion unterdrücken, so die Studie.

Studien in München und Göttingen zeigen noch andere Marker für Covid-19-Verlauf

Es wurden noch weitere Hinweise auf den folgenden Krankheitsverlauf bei Corona-Infizierten gefunden: Am Uniklinikum der LMU München wurde festgestellt, dass bei schweren Fällen schon vorab die beiden Entzündungswerte CRP und Interleukin-6 im Blut der Patienten deutlich erhöht waren. In Göttingen untersuchen Forscher dagegen den Urin von Corona-Patienten. Der weist aufgrund von Nierenschäden durch das Coronavirus schon früh Eiweiß sowie rote und weiße Blutkörperchen auf.

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Vor allem für Krankenhäuser wäre es hilfreich, wenn man den Krankheitsverlauf vorhersagen könnte. Genau daran arbeitet gerade eine Gruppe von Forschern in München.

Risikopatienten und Therapieansätze

Die Frage der T-Zellen wirft auch ein neues Licht darauf, wer besonders Gefahr läuft, an Covid-19 schwer zu erkranken. Beispielsweise haben ältere Menschen altersbedingt weniger T-Zellen. Auch Fettleibige haben weniger und schwächere T-Zellen und damit ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Am Uniklinikum Essen waren 70 Prozent der schwer verlaufenden Covid-19-Fälle übergewichtige Männer, erläuterte der Essener Virologe Dittmer.

Auch bei Krebspatienten, die gerade eine Chemotherapie durchlaufen, und bei Patienten, die nach einer Transplantation Medikamente erhalten, die die Immunreaktion des Körpers drosseln, um eine Abstoßung des Organs zu verhindern, ist die Anzahl der T-Zellen verringert. Im Falle einer Infektion mit dem Coronavirus könnte ein Aussetzen der Chemotherapie oder eine Verringerung der Medikamentendosis erwogen werden, so Dittmer.

Man könne auch versuchen, zu Beginn einer Erkrankung am Coronavirus die Produktion von Killer-T-Zellen durch Stimulation zu steigern. Denn es scheint, dass die schnelle Reaktion des Immunsystems mit Bildung von Killer-T-Zellen ein wesentlicher Faktor für den weiteren Krankheitsverlauf ist.

Kreuzreaktion nach früherer Erkrankung an anderem Coronavirus?

Bereits im Mai 2020 zeigten zwei Studien, dass bei einer Infektion mit dem Coronavirus das Immunsystem nicht nur mit Bildung von Antikörpern reagiert, sondern auch mit der Bildung von Killer-T-Zellen und T-Helferzellen, die auf das Coronavirus spezialisiert sind.

Diese Immunzellen traten aber auch bei Menschen auf, die nicht mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert waren, sogar in Blutproben aus den Jahren 2015 und 2018 konnten sie nachgewiesen werden, lange vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Eine Erklärung wäre, dass Personen, die sich mit einem der vier Coronaviren, die schon länger beim Menschen bekannt sind und wenig schwere Krankheiten nach sich ziehen, infiziert haben, bereits die T-Helferzellen bilden, die dann auch Sars-CoV-2 erkennen und eine schnelle Reaktion des Immunsystems nach sich ziehen.

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Nicht jeder, der sich mit dem Coronavirus infiziert, zeigt Symptome. Doch in manchen Fällen geht Covid-19 auch weit über eine Atemwegserkrankung hinaus. Das Virus richtet in einigen Fällen gravierende Schäden im Körper an.

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