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Kick-Starts für soziales Lernen bei Autismus | BR24

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Mireya übt einen Perspektivenwechsel. Die Elektroimpulse von zwei Milli-Ampere sind für das Mädchen nicht spürbar und nicht gefährlich.

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Kick-Starts für soziales Lernen bei Autismus

Minimale Elektroimpulse befeuern und aktivieren Neuronen im Gehirn. Darauf basiert ein Hirntraining, das soziales Verhalten und die Empathie bei Autismus verbessern soll.

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Von
  • Elke Hardegger

Die Ausprägungen von Autismus sind sehr unterschiedlich. Etwa ein Prozent der Bevölkerung, das entspricht 800.000 Menschen in Deutschland, sind von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung betroffen. Weil die einzelnen Formen von Autismus sich nicht deutlich voneinander abgrenzen lassen und die Übergänge oft fließend sind, wird inzwischen von einem Autismus-Spektrum gesprochen. Denn es gibt Autisten mit leichten Symptomen, die gut damit leben können, und andererseits Menschen, mit deutlich stärkeren Einschränkungen, die ihr Leben lang eine sonderpädagogische Unterstützung benötigen.

Empathie und soziales Verhalten erlernen

Viele Autisten besitzen ganz besondere Begabungen. Über Mozart, Beethoven und Leonardo da Vinci wird zum Beispiel spekuliert, dass sie davon betroffen waren. Ihre Fähigkeiten haben sie berühmt gemacht, weil sie sich gut auf etwas konzentrieren konnten. Autisten besitzen die Gabe, sich mit Zahlen oder Fakten, die sie ganz besonders interessieren, intensiv zu beschäftigen. Auf der anderen Seite leben sie aber lieber in ihrer Welt und kommen mit sozialen Situationen und in der Interaktion mit anderen Menschen weniger zurecht.

Wissenschaftler vom Autismus-Forschungszentrum der Universität Frankfurt haben ein spezielles Gehirntraining entwickelt, das Kindern mit Autismus helfen soll, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern.

"Bei Autismus ist vor allem das sogenannte soziale Hirn betroffen, nicht nur, aber auch stark, und da sind so Dinge wie Perspektivübernahme oder sich in Andere reinversetzen, Gefühle richtig zuzuordnen, das fällt den Patienten schwer. In dem Training soll das geübt und auch gelernt werden. Die Hirnstimulation soll praktisch den Lerneffekt verstärken." Prof. Dr. Christine M. Freitag, Autismus-Forschungszentrum, Universität Frankfurt

Neuronale Verbindungen bei Autismus manipulieren

Die Autismus-Therapie mit Hirnstimulation ist Teil einer Forschungsstudie zur Behandlung von Autismus. Die Methode ist ungewöhnlich, denn während die Patienten Filmausschnitte, zum Beispiel von Harry Potter anschauen und das Verhalten der Figuren bewerten, bekommt ihr Gehirn ganz leichte Elektroimpulse von zwei Milli-Watt Stromstärke. Für die Patienten sind die Impulse nicht spürbar und auch nicht gefährlich. Werden Fragen nach dem richtigen Sozial-Verhalten falsch beantwortet, dann erklärt die Therapeutin die korrekte Antwort. Das spezielle Training dauert zwei Wochen und umfasst insgesamt zehn Sitzungen. Je nach Problem versuchen die Forscher die Gehirnregionen und die neuronalen Verbindungen zu manipulieren, um eine Verhaltensänderung anzuregen.

Autismus frühzeitig erkennen

Autismus ist nicht heilbar, aber mit entsprechenden Therapien können Symptome gemildert werden. Gerade bei Kindern wird Autismus meist erst zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr diagnostiziert. Das ist jedoch zu spät, um die Entwicklungsstörung erfolgreich zu behandeln. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnose besonders wichtig. Die Symptome im Kleinkindalter bereits zu erkennen, das ist für erfahrene Experten und Expertinnen trotzdem nicht einfach. Am Autismus-Forschungszentrum der Universität Frankfurt versuchen Wissenschaftler mit unterschiedlichen Methoden, Autismus früher zu entdecken. Denn je früher eine Diagnose zutrifft, desto eher kann eine Behandlung beginnen und sich die Chancen auf Erfolge deutlich verbessern. Eine Methode zur Früherkennung erhoffen sich die Wissenschaftler an der Uniklinik Frankfurt durch die Analyse von Augenbewegungen.

„Was wir herausfinden möchten, ist, wie sich das Auge bewegt, und zwischen Kindern mit Autismus und ohne Autismus scheint es da bestimmte Unterschiede zu geben. Wir wissen beispielsweise, dass Kinder mit Autismus viel weniger auf soziale Reize schauen, wie emotionale Gesichter oder auch biologische Bewegungen – das wissen wir sehr gut. Was wir noch nicht so gut wissen ist, warum das Ganze der Fall ist.“ Dr. Nico Bast, Autismus-Forschungszentrum, Uniklinik Frankfurt

Analyse der Augenbewegungen

Erste Ergebnisse ihrer Studie zeigen, dass Kinder mit Autismus beim Betrachten von Gesichtern oder Formen länger einen bestimmten Punkt fixieren. Sie können ihre Aufmerksamkeit nicht so schnell verändern, weil ihnen der Blick für das große Ganze fehlt. Die Forscher testen mit Kleinkindern im Alter von zwei bis drei Jahren, wie sie auf einem Bildschirm Figuren und Gesichter betrachten. Was spricht sie besonders an und wo bleibt ihre Aufmerksamkeit am längsten haften? Mit einem Eye-Tracker werden die Augenbewegungen des Kindes verfolgt und aufgezeichnet. Die Forscher erhoffen sich mit dieser Methode, Autismus bei Kindern vor dem dritten Lebensjahr besser erkennen zu können.

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Hirnscans von Autisten sehen anders aus. Ihre neuronalen Netze sind anders verschaltet. Mit Hirnscan-Vergleichen können Wissenschaftlerinnen Veränderungen im Gehirn erkennen.

Autismus ist in Hirnscans sichtbar

Autismus im Kleinkindalter zu diagnostizieren und eine Therapie früher zu starten, könnte helfen, die Defizite in der Entwicklung zu kompensieren. Autisten speichern Informationen anders ab und ihre neuronalen Netze sind im Gehirn anders geschaltet. Das zeigen die Hirnscans von Autisten, die am Autismus-Forschungszentrum ausgewertet werden. Mit einer speziellen Software zur Mustererkennung vergleichen sie Hunderte von Hirnscans. Ein Algorithmus berechnet die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Autismus anhand der Hirnscans vorhersagen lässt. Denn eine frühe Vorhersage kann Familien helfen, bei denen bereits ein Kind von Autismus betroffen ist, die Ausprägung im Gehirn zu untersuchen und rechtzeitig zu behandeln. Forschungen zeigen das Autismus vererbbar ist. In welcher Ausprägung, das ist jedoch bei jeden Menschen ganz unterschiedlich.

Die Forscherinnen und Forscher vom Autismuszentrum der Uniklinik Frankfurt möchten mit ihren Studien die Lebensqualität von Menschen im Autismus-Spektrum verbessern und Kinder möglichst frühzeitig fördern.

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