Zurück zur Startseite
Wissen
Zurück zur Startseite
Wissen

KI: Wie Maschinen Musik machen | BR24

© dpa/pa

Musiknoten, Notenheft, Partitur

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

KI: Wie Maschinen Musik machen

Künstliche Intelligenz ist das große Schlagwort der Zeit. Ampeln und Waschmaschinen werden digital gesteuert, das smarte Haus soll Alltag werden. Auch in der Musik machen sich immer mehr Menschen an die Schnittstelle zwischen KI und Komposition.

Per Mail sharen
Teilen

Immer mehr Dinge um uns herum werden durch Künstliche Intelligenz gesteuert und erledigt: Verkehrsleitsystem, automatische Gesichtserkennung, selbstlernende Schachcomputer, smarte Kühlschränke kaufen eigenständig Lebensmittel ein.

Und wir brauchen nur in die Hosentasche greifen und den Sprachassistenten im Smartphone aktivieren und uns werden automatisiert genau auf uns zugeschnittene Nachrichten angezeigt. Die Vorstellung, dass eine Künstliche Intelligenz Musik macht, ist wohl eher ungewöhnlich. Wie will eine Maschine so kreativ sein? Nun ja, mit Kreativität hat das auch nicht viel zu tun. Es gibt jede Menge Tüftler und Musiker, die schon Musik und Lieder mit KI komponieren.

KI verdrängt nicht die komponierte Musik

Erstmal Entwarnung - natürlich werden auch noch in 50 Jahren Menschen Gitarre, Klavier oder Fagott spielen. Natürlich werden kreative Menschen noch in hundert Jahren Musik komponieren und darüber ihre Leidenschaft und Gefühle ausdrücken. Aber machen wir uns auch nichts vor. Musik hat sich schon immer mit dem technischen Fortschritt entwickelt. Die Erfindung der E-Gitarre, des Synthesizers oder der Software für Soundbastler. Und jetzt kommt die Künstliche Intelligenz – kurz KI ins Spiel.

Das ist kein Horrorszenario, sondern ganz nüchtern betrachtet nur der nächste Schritt. Oder wer hätte sich zu Johann Sebastian Bachs Zeiten träumen lassen, dass Musik jemals aus Lautsprechern kommen wird und es kein Orchester mehr live spielen muss. Apropos Johann Sebastian. Bach war sicherlich ein Genie, aber wenn man eine Maschine lange genug mit Bach-Kompositionen füttert, ist es ein leichtes für eine Künstliche Intelligenz Bach zu kopieren.

Computer erforscht Schnittstellen zwischen KI und Komposition

Wer einmal durch das Programm DeepBach erzeugte Melodien hört, könnte denken, sie seien im 18. Jahrhundert von Bach für eine Kirchenorgel komponiert worden. In Wirklichkeit ist dieses Lied aus dem Jahr 2016 und von einem Algorithmus erzeugt worden. Das Projekt nannte sich DeepBach. Das Programm hat Kompositionen analysiert, Regeln erkannt und diese dann imitiert. Je mehr Bach die Maschine zu hören bekam, umso schöner und ausgefeilter wurden die Melodien. Dieses Prozedere nennen die Informatiker auch Deep Learning.

Die App Endel komponiert

Eine Melodie, die nach Hintergrundmusik im Wellnessbereich oder nach Wartezimmer beim Zahnarzt klingt. Wenn man es schmeichelhafter formulieren möchte… nach Brian Eno. Auch diese sphärischen Klänge hat kein Mensch komponiert, sondern eine App mit Künstlicher Intelligenz. Sie heißt Endel. Künstler, Programmierer und Wissenschaftler haben das Programm in Berlin entwickelt. Endel hat nun das, wovon viele kleine Nachwuchsbands träumen: einen Plattenvetrag beim Musikgiganten Warner Music. Der Endel Algorithmus hat 600 Songs ausgerechnet.

Endel erstellt sogenannte "Mood Music"- also Musik für jede Stimmung. Die Lieder heißen dann "Nebliger Morgen" oder "Rainy Day". Die Erfinder von Endel gehen sogar noch weiter. Endel soll jedem Menschen seinen individuellen Soundtrack für jede Situation auf den Leib schneidern können.

Ob man für ein bisschen sphärische Wartezimmer-Musik all seine Daten mit der App teilen will, muss jeder für sich entscheiden. Ach und übrigens: Die Bausteine und Töne aus denen die Musikmaschine die Lieder zusammensetzt, die hat ganz klassisch ein Mensch auf einem Instrument aufgenommen.

Klangkünstlerin Holly Herndon

Die experimentelle Künstlerin Holly Herndon verfolgt eine andere Vision. Auf ihrem Album "Proto" lässt sie Künstliche Intelligenz sogar singen. Sie hat das Programm Spawn getauft – zu deutsch: Brut. Am Anfang war es eine Baby-K.I., wie sie es nennt – ein unbeschriebenes Blatt. Wie einem kleinen Kind hat Holly Herndon dem Programm das Singen erst beibringen müssen - sechs Monate lang hat sie ihm buchstäblich vorgesungen.

Erst passierte nicht viel. Die KI hörte bloß zu. Doch dann begann Spawn zu antworten und stellte aus den gespeicherten Informationen eigene Sinnzusammenhänge und Melodien her. Diese abstrakte Stimme hat Holly Herndon dann wiederum aufgenommen und im Hintergrund für ihre neue Platte verwendet.

Noch befinden sich die meisten KI-Musikprojekte in der Experimentierphase, aber eins ist klar. Zukunftsmusik ist es nicht mehr. KI-Programme fangen sogar schon an, eigene Texte zu dichten. Das Ende der musikalischen Kunst? Genauso wenig wie Video den Radiostar getötet und der Synthesizer das Klavier abgeschafft hat, genauso wenig wird Künstliche Intelligenz menschliche Musiker ersetzen. Es ist nur ein weiteres Spielzeug und am Ende ist es immer noch der Mensch, der die Algorithmen schreibt.

Übrigens: Die erste algorithmische Musik kommt sogar schon aus dem Jahr 1650. Gebaut hat die Maschine ein Athanasius Kircher. In mehreren Reihen konnten Skalen und Rhythmen ausgewählt werden.

© BR

KI: Maschinen machen Musik