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Seit Beginn der Pandemie sorgt Karl Lauterbach immer wieder für Aufsehen. Seine Warnungen und Vorhersagen polarisieren, manche sehen in ihm einen Panikmacher. Der #Faktenfuchs hat sich seine Prognosen über den Verlauf der Pandemie angeschaut.

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Karl Lauterbach: Kontrovers, aber meist korrekt

Seit Beginn der Pandemie sorgt Karl Lauterbach immer wieder für Aufsehen. Seine Warnungen und Vorhersagen polarisieren, manche sehen in ihm einen Panikmacher. Der #Faktenfuchs hat sich seine Prognosen über den Verlauf der Pandemie angeschaut.

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  • Max Gilbert

Ein kurzer Blick in die Kommentarspalten der sozialen Netzwerke genügt, um ein Stimmungsbild zu Karl Lauterbach bekommen. Von üblen Beleidigungen gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten und dem Vorwurf der Panikmache bis hin zum Wunsch, Lauterbach solle Gesundheitsminister werden, ist alles dabei. Seit uns die Corona-Pandemie begleitet, tut es auch Lauterbach - in Talkshows, auf Twitter, in Radiobeiträgen und Zeitungsinterviews.

Auch die Nutzer von BR24 haben sehr unterschiedliche Meinungen zu Lauterbach. Der #Faktenfuchs hat das als Anlass genommen, zu prüfen, ob Lauterbachs Prognosen zur Pandemie sich rückblickend als richtig herausgestellt haben. Außerdem geht es darum, warum die Person Lauterbach so polarisiert.

Dabei ist wichtig zu betonen: Dieser #Faktenfuchs erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wurden nicht alle Aussagen Lauterbachs aus dem vergangenen Jahr überprüft. Der Fokus dieses Faktenchecks liegt auf Aussagen und Prognosen zum Infektionsgeschehen der vergangenen 14 Monate, die große Beachtung fanden.

Was qualifiziert Karl Lauterbach als Corona-Experten?

Karl Lauterbach [zum Portrait] ist Mediziner. Er studierte in Deutschland sowie den USA, wo er an der Harvard University einen Master in Public Health absolvierte, mit den Schwerpunkten Epidemiologie sowie Public Health und Management. In Harvard folgte ein weiterer Master sowie eine Promotion auf dem Gebiet.

Eine Erklärung, worum es sich bei Public Health handelt, bietet diese Studiengangserläuterung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort heißt es: "Public Health-Fachleute untersuchen die Ursache und Verbreitung globaler Krankheiten, entwickeln und bewerten Programme zur Gesundheitsförderung und erforschen etwa den Effekt von Armut oder Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit. Zudem schätzen sie die Kosten von Krankheiten ab und analysieren Stärken sowie Schwächen von Gesundheitssystemen."

Seit 1998 ist Lauterbach Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. Lauterbach ist also nicht nur Politiker, sondern auch Epidemiologe. Epidemiologen beschäftigen sich mit der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung sowie den sozialen Folgen von Epidemien und Massenerkrankungen. Seit 2005 ist Lauterbach beurlaubt, um seiner Mandatsausübung als Bundestagsabgeordneter nachzukommen. Lauterbach ist Gastprofessor in Harvard und war dort unter anderem im vergangenen Jahr als Redner digital zu Gast, um über die Bewältigung der Corona-Pandemie zu sprechen.

Lauterbach warnte früh vor Corona – und einer zweiten Welle

Bereits Anfang Februar 2020, wenige Tage nach dem ersten offiziellen Corona-Fall in Deutschland, äußerte sich Karl Lauterbach in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zum neuartigen Coronavirus. Im Gespräch sagte er, das Virus sei gefährlicher als die Grippe, daher müsse man "vorsichtig sein mit dem Grippe-Vergleich". Der Interviewer des Deutschlandfunks fragte daraufhin: "Was meinen Sie damit, gefährlicher?" Lauterbach antwortet: "Für den Einzelnen, der betroffen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man verstirbt oder schwer erkrankt, noch größer als bei der Grippe."

Der verharmlosende Vergleich, Corona sei wie eine Grippe, hat sich dennoch lange gehalten, obwohl es mit der Zeit immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse dazu gab. Dieser #Faktenfuchs zeigt, warum Corona gefährlicher als die Influenza-Grippe ist.

In der Talkshow von Markus Lanz warnte Lauterbach Anfang März 2020 davor, das Virus kleinzureden oder zu verharmlosen. Damals war noch kein Corona-Todesfall in Deutschland bekannt. Inzwischen sind laut Robert Koch-Institut (RKI) über 79.000 Todesfälle registriert (Stand: 15. April 2021).

Ebenfalls im März 2020, als in Deutschland zum ersten Mal Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie in Kraft traten, warnte Lauterbach vor einer zweiten Welle und einem "Worst-Case-Szenario" im Herbst. Während sich im September 2020 die Zahl der täglich gemeldeten Infektionen zwischen 1.000 und 2.500 Fällen bewegte, wuchs sie im Oktober von etwa 3.000 auf knapp 20.000 Meldungen pro Tag an.

Auch im weiteren Verlauf des Frühjahrs und des Sommers betonte Lauterbach immer wieder die Gefahr einer zweiten Welle. Die Zeit nach der ersten Welle nannte er im Mai 2020 eine "gefährliche Zwischenphase", es sei der falsche Eindruck entstanden, dass der Höhepunkt der Pandemie bereits überschritten sei. Der Höhepunkt der zweiten Welle der Pandemie in Deutschland war, gemessen an der Zahl der Neuinfektionen, kurz vor Weihnachten: Am 18. Dezember wurden dem RKI 28.287 Neuinfektionen gemeldet.

Ankündigung der zweiten Welle – Prognosen mit konkreten Zahlen

Im Juli des vergangenen Jahres, als die Infektionszahlen fast überall in Deutschland vergleichsweise niedrig waren, sprach Lauterbach vom "Start der zweiten Welle" und dem "Anrollen" der zweiten Welle.

In einem Interview, das am 16. September 2020 veröffentlicht wurde, ging Lauterbach von steigenden Todeszahlen "in sechs bis acht Wochen" aus. Als das Interview erschien, betrug die bundesweite Inzidenz etwa 13, in der Woche vom 16. September (KW 38) starben laut RKI 53 Menschen an Corona. Sechs Wochen später, in KW 43, waren es 406 Todesfälle. In Kalenderwoche 45, acht Wochen später, starben 1.237 Menschen.

In der ARD-Talkshow "hart aber fair" vom 21. September 2020 sagte Lauterbach, wenn alle Umstände so blieben, steuere man auf 7.000 Neuinfektionen pro Tag in "vier bis fünf Wochen" zu. Zu diesem Zeitpunkt lag die bundesweite Inzidenz bei etwa 15. In der Sendung wurde er für seine Berechnungen von Andreas Gassen, Unfallchirurg und Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, angegangen. Gassen widersprach inhaltlich und sagte: "Herr Lauterbach, das geht so nicht." Am 18. Oktober registrierte das RKI 6.901 Neuinfektionen und am 19. Oktober – genau vier Wochen nach Lauterbachs Ankündigung – 10.556. Eine weitere Woche später waren es 16.203.

Gegenwind und Kritik zum Trotz: Viele Prognosen traten letztlich ein

Schockierte Reaktionen auf seine Prognosen in Talkshows gab es bereits zu Beginn der Pandemie. Lauterbach war am 15. April 2020 zu Gast in der Talkshow von Markus Lanz. Damals sank die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu Mitte März, als es die meisten Neuinfektionen während der ersten Welle gab. Am 15. April vermeldete das RKI 2.226 neue Fälle. Die Zahl der Neuinfektionen sank bereits seit Einführung der ersten Maßnahmen Mitte März.

In der Sendung sagte Lauterbach: "Das, was wir jetzt beschließen, wird in der ein oder anderen Form wahrscheinlich für anderthalb Jahre gelten." Lanz wiederholte die zeitliche Angabe, und der Talk-Gast Wolfgang Kubicki (FDP) entgegnete: "Machen Sie uns doch keine Angst, Herr Lauterbach." Lauterbach darauf: "Man muss ja ehrlich sein." Nun, ein Jahr später, gelten Bestimmungen wie Kontaktbeschränkungen, die zwischenzeitlich - etwa im Sommer - stark gelockert wurden, noch immer.

Eine ähnliche Reaktion gab es wenige Tage später, als Karl Lauterbach in der Talkshow "hart aber fair" zu Gast war. Er sagte: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir zu einer Normalität, wie wir sie im letzten Jahr gekannt haben - auch in der Schule - frühestens 2021, vielleicht sogar nach den neuesten Studien der Harvard Universität (...) 2022 zurückkommen." Plasberg: "Herr Lauterbach, das sagen Sie so in einem Nebensatz? Ist Ihnen klar, was das bedeutet?" Lauterbach: "Man muss die Wahrheit doch sagen. Ich bitte Sie, was soll das?"

Nun, ein Jahr nach diesen Äußerungen Lauterbachs, lässt sich noch nicht abschließend sagen, wann die deutsche Gesellschaft zu einer Normalität wie vor der Pandemie zurückkehren kann. Stand Mitte April 2021 gibt es weiterhin hohe Infektionszahlen in Deutschland. Die Bundesregierung versprach ein Impfangebot für jede und jeden bis Ende September 2021. Durch die Impfungen soll eine Herdenimmunität erreicht werden.

Nicht nur mit seinen Prognosen zum Verlauf des Infektionsgeschehens behielt Lauterbach letztlich recht. Im August des vergangenen Jahres sagte Lauterbach, die Schulen seien auf eine zweite Welle nicht ausreichend vorbereitet.

Im September forderte er die Anschaffung von Luftfilteranlagen für Klassenzimmer, die seit Anfang dieses Jahres von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft als Instrument zur Pandemiebekämpfung empfohlen werden. Mehr Infos zu diesem Thema liefert dieser #Faktenfuchs.

Lauterbach verwies in mehreren Medien im Winter auf die Auswirkungen Virus-Mutante B 1.1.7, der sogenannten britischen Variante, auf das Infektionsgeschehen. So sagte er im Dezember der Zeitschrift "Wirtschaftswoche", der Lockdown könne sich bis ins Frühjahr ziehen, sollte man keine Kontrolle über die Lage gewinnen. Der Lockdown, der Anfang November verhängt wurde, dauert derzeit (Stand 15. April 2021) in weiten Teilen Deutschlands immer noch an.

Anfang Februar 2021 sprach Lauterbach über Anzeichen einer dritten Welle. Am 4. März dieses Jahres, als gerade bundesweit Lockerungen in Kraft traten, schrieb Lauterbach auf Twitter: "Spätestens Anfang April liegt die Inzidenz über 100 und das Intermezzo ist beendet". Bereits am 18. März lag die bundesweite Inzidenz bei etwa 103; am 1. April lag sie bei etwa 144.

Fehleinschätzungen bei Geisterspielen und "Wellenbrecher"

Lauterbach lag nicht mit allen Prognosen richtig. Als im vergangenen Jahr über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Profifußball ohne Zuschauer diskutiert wurde, war Karl Lauterbach dagegen. Er nannte den Neustart "gefährlich" und falsch, da sie den Botschaften der Corona-Maßnahmen widerspreche.

Im Nachhinein revidierte er seine Aussagen zu den sogenannten Geisterspielen. Auf Anfrage des #Faktenfuchs, was Lauterbach selbst für seine größte Fehleinschätzung hinsichtlich der Pandemie hält, schreibt er, die Geisterspiele in der Bundesliga seien "sehr viel sicherer" als er das jemals erwartet hätte: "Die Fußballvereine haben die Hygienekonzepte viel besser eingehalten, als ich das vermutet hätte."

Lauterbach nennt auf die Frage des #Faktenfuchs nach seinen Fehleinschätzungen auch den sogenannten Wellenbrecher-Lockdown im vergangenen Herbst, für den er sich einsetzte.

Das Ziel war laut Medienberichten, die zweite Welle durch einen kurzen Lockdown abzuschwächen und so die Zahlen niedrig zu halten. Die auch als "Lockdown light" betitelten Maßnahmen aus dem vergangenen November konnten den Anstieg der Infektionszahlen jedoch nicht bremsen, im Dezember verschärfte die Regierung die Maßnahmen. Lauterbach schreibt, er habe sich vom "Wellenbrecher" mehr erhofft.

Er hält die Maßnahme nach wie vor für richtig – wenn sie denn entsprechend umgesetzt worden wäre: "Das Problem war aber nicht die falsche Voraussage, sondern dass die Ministerpräsidenten kurz nach der Beschlussfassung zum Wellenbrecher die Funktion des Wellenbrechers ins Absurde geführt haben", schreibt Lauterbach. Die Ministerpräsidenten hätten "vom Black Friday über verkaufsoffene Sonntage über Glühweinwanderungen maßgeblich Lockerungen in den Vordergrund gestellt, die die Wirkungsweise des Wellenbrechers nach kurzer Zeit aufgehoben haben."

Impfstoff kam schneller als vermutet

Lauterbach rechnete zu Beginn der Pandemie damit, dass die Entwicklung eines Impfstoffs länger dauern würde, als es der Fall war. In einem Interview Ende März 2020 mit dem Magazin "Business Insider" sagte Lauterbach, er rechne damit, "dass wir erst in einem Jahr einen Impfstoff bekommen." Nimmt man Lauterbach beim Wort mit der Aussage, wann ein Impfstoff verfügbar sein werde, hat er sich damit verschätzt.

Es ist bei Lauterbachs Aussagen zum Thema Impfung jedoch unklar, ob er die Zulassung eines Impfstoffs oder die massenhafte Verfügbarkeit meinte. In der Sendung von Markus Lanz vom 15. April 2020 sagte er: "Wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass wir in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr eine flächendeckende Impfung haben werden." In einem Interview mit der Bayern 2-Radiowelt sagte Lauterbach im April 2020: "Die Impfung zu entwickeln dauert realistischer Weise eineinhalb Jahre, zwei Jahre, es kann auch länger dauern."

Dazu schreibt Lauterbach dem #Faktenfuchs: "Diese Prognose entspricht ungefähr dem, was ich erwartet hatte. Der Impfstoff war ja nur wenige Wochen im Jahr 2020 verfügbar. Ich hatte immer für das erste Quartal 2021 die Impfstoffe erwartet. So ist es mengenmäßig auch gekommen."

Wie kommt Karl Lauterbach zu seinen Prognosen?

Auf Anfrage des #Faktenfuchs schreibt Karl Lauterbach, dass er sich in seinen Prognosen auf eine Kombination aus eigenen Berechnungen und Vorhersagen anderer Wissenschaftler stütze. "Ich verbringe jeden Tag mehrere Stunden mit der Analyse von Studien und Daten", schreibt Lauterbach. Als Epidemiologe hat er, wie oben beschrieben, dafür das entsprechende Know-how.

Ein fachlicher Austausch mit Kollegen aus Epidemiologie und Virologie finde täglich statt, schreibt Lauterbach. Auch behalte er während der Pandemie die eigenen Vorhersagen im Blick: "In der Tat achte ich sehr darauf, bei welchen Prognosen ich falsch lag und bei welchen meine Erwartung ungefähr eingetreten ist. Ich versuche, aus den Fehlern zu lernen."

Warum ist die Person Karl Lauterbach so kontrovers?

Lauterbach spricht in der Öffentlichkeit über wissenschaftliche Erkenntnisse und polarisiert damit. Doch warum ist das so? Im Gespräch mit dem #Faktenfuchs sagt Annette Leßmöllmann, Professorin für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), dies sei auch auf Lauterbachs Doppelrolle als Politiker und Wissenschaftler zurückzuführen.

"In der Mediendemokratie kann das zu Verwirrung beim Publikum führen. Wenn er sich politisch äußert, wird er vielleicht als Wissenschaftler beurteilt. Und wenn er sich wissenschaftlich äußert, wird er möglicherweise als Politiker beurteilt", sagt Leßmöllmann.

"Es kann Herrn Lauterbach eben passieren, wenn er eine harte Aussage trifft - und dafür ist er ja bekannt, dass er sich einfach sehr klar positioniert -, dass ihm dann vorgeworfen wird, eine Art Alternativlosigkeit politisch zu propagieren. Dabei hat er sich vielleicht einfach als Wissenschaftler geäußert. Eigentlich müsste der Moderator, die Moderatorin immer dazu sagen, so Herr Lauterbach, jetzt frage ich Sie als Politiker und antworten Sie bitte als Politiker. Das ist aber nicht immer so auseinanderzuhalten."

Ob er in den Talkshows mehr als Politiker oder als Epidemiologe auftrete? Lauterbach antwortet dem #Faktenfuchs: "Das kommt auf das jeweilige Format der Sendung an. Wenn meine Rolle die ist, neue Erkenntnisse einzuordnen, trete ich als Epidemiologe auf. Wenn aber eine grundsätzliche politische Entscheidung ansteht, nehme ich eher die Rolle eines Gesundheitspolitikers an."

Polarisierung durch Personalisierung: Wissenschaftskommunikation in der Krise

Die Wissenschaftlerin Leßmöllmann sagt im Telefonat mit dem #Faktenfuchs, gerade bei Talkshows sei zu beobachten, dass eine klassische wissenschaftliche Kommunikation schwierig sei. "Die Formate sind sehr stark auf Zuspitzung, Rhetorik und auf 'wer gewinnt am Ende?' ausgelegt." Es gehe dort um Machtkämpfe, darum, das letzte Wort zu haben und darum, zu unterhalten. "Das ist ja keine ruhige Wissenschaftskommunikation."

In den Talkshows zeigt sich laut Leßmöllmann auch das Phänomen der Personalisierung in den Medien. Dadurch würden Aussagen sofort mit der Person verknüpft. Talkshows zielten auch darauf ab, "Gäste als Kontrahenten zu stilisieren".

Karl Lauterbach nimmt diese Polarisierung wahr. Dass er nicht überall gut ankomme, sei ihm bereits frühzeitig selbst klar gewesen, schreibt er dem #Faktenfuchs: "Als Person bin ich während der Pandemie durchgehend sehr sichtbar gewesen und habe meine Position klar und unmissverständlich vorgetragen. Dass sich das auch als eine Polarisierung entlang der Person, die diese Position vertritt, entwickelt, hat mich nicht überrascht."

Annette Leßmöllmann sagt: "Man lässt sich nicht gerne von einem Politiker zurufen 'Ich sperr dich jetzt weg', so scheint es bei einigen Leuten jedenfalls anzukommen. Das steht gar nicht in der Macht von Karl Lauterbach." Er sage nur, dass wir auf der Basis der Wissenschaft alle zu Hause bleiben sollten. "Und das wird dann als Attacke auf die eigene persönliche Freiheit empfunden." Auch dass Lauterbach oft "klare Kante" zeige, könne zu einer Polarisierung beitragen.

Leßmöllmann betont auch die Bedeutung der außergewöhnlichen Situation. "Das ist ja im Grunde genommen dauerhafte Krisenkommunikation." Die Wissenschaft agiere ganz nah an der Politik und unter großem Druck sowie den Erwartungen von Bevölkerung und Wirtschaft. "Da hat man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler immer die Position des heißen Stuhls, weil man in polarisierende Kontexte gerät. Vieles wird politisiert und kommentiert, bis hin zur Fliege und dem Dialekt."

Studien auf Twitter und Prognose eines "super" Sommers

Besser für wissenschaftsnahe Kommunikation geeignet kann laut Leßmöllmann zum Beispiel Twitter sein, wo Lauterbach sehr aktiv ist und neue Studien rund um die Pandemie teilt und kommentiert.

Er hat dort mehr als 466.000 Follower, bezeichnet sich in seinem Profil als "SPD-Bundestagsabgeordneter, der noch selbst tweetet". Dass er Epidemiologe ist, erwähnt er dort nicht. Er äußert sich zur Zahl der Intensivpatienten, zur Wirkung bestimmter Impfstoffe, zu Studienergebnissen. Im September 2020 zeigte ein Faktenfinder-Artikel der "Tagesschau", dass Lauterbach einige Studienergebnisse auf Twitter verkürzt oder fehlerhaft dargestellt hatte.

Lauterbach wollte sich laut ARD-Faktenfinder in Zukunft "noch mehr" um die Wahrung der Wissenschaftlichkeit bemühen. Dem #Faktenfuchs schreibt Lauterbach, er sei mittlerweile dazu übergegangen, Studien auf Twitter in längeren Kommentaren zu diskutieren, um "mehr Raum für Einordnung zu ermöglichen".

Lauterbach betont, er teile auch Studien, wenn sie seinen Aussagen widersprächen oder wenn sie noch nicht abgeschlossen seien. Dass sich viele Studien, die sich mit der Pandemie befassen, noch im Pre-Print-Stadium befänden bzw. noch durch kein Peer-Review begutachtet worden seien, sei unvermeidlich. Lauterbach schreibt, darauf würde in den Studien ausdrücklich hingewiesen, manchmal weise er selbst zusätzlich daraufhin.

Auch über den bevorstehenden Sommer hat sich Lauterbach bereits geäußert. Er sagte Anfang Januar in der "Süddeutschen Zeitung", wir werden einen "super Sommer" haben. Den Artikel zu dieser Aussage hat Lauterbach als obersten Eintrag in seinem Twitter-Profil angepinnt. Diese Aussichten bekräftigte er in der RBB-Talksendung "Chez Krömer", die am 25. März 2021 aufgezeichnet wurde. Die Pandemie werde erst im nächsten Jahr zu Ende sein, doch er "hoffe nach wie vor, dass es ein super Sommer wird", sagte Lauterbach dort. "Jetzt kommen die wichtigsten, schweren Monate." Ob sich dies bewahrheitet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Fazit

Karl Lauterbach behielt bislang mit vielen seiner Prognosen zum Verlauf der Corona-Pandemie recht. Er warnte früh vor einer Verharmlosung des Virus, das sich als gefährlicher als zum Beispiel übliche Influenza-Erreger erwies. Er verwies bereits im Frühjahr 2020 auf eine drohende zweite Welle im Herbst, die sich ab Oktober durch massiv steigende Infektionszahlen bewahrheitete. Viele der von ihm in Talkshows prognostizierten Infektions- und Todeszahlen erwiesen sich als richtig. Auch seine Äußerungen zum Einfluss der Virusmutante B 1.1.7 sowie der Entwicklung der dritten Welle haben sich bewahrheitet.

Doch er lag nicht immer richtig: Seine Befürchtungen zu den Geisterspielen der Fußballbundesliga bewahrheiteten sich nicht, wie auch seine Einschätzungen zur Wirksamkeit des Wellenbrecher-Lockdowns, der laut Lauterbach jedoch politisch ad absurdum geführt wurde. Einen Impfstoff gab es letztlich früher als von Lauterbach vermutet.

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