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Ein Mann mit schwarzen Haaren und Vollbart, er trägt eine Schutzweste, es ist der ukrainische Präsident Selenskyj, hinter ihm ein zerstörtes Gebäude.

Wolodymyr Selenskyj: "Die strategische Niederlage Russlands ist für jeden auf der Welt offensichtlich."

Bildrechte: picture alliance / The Presidential Office of Ukraine, picture alliance / abaca | Lyashonok Nina/Ukrinform/ABACA; Montage: BR
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    Kann die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen?

    Wie gut ist die Ukraine im Verteidigen und warum kommt Russlands Armee scheinbar so schlecht voran? Gelingt der Ukraine am Ende sogar mit einer Gegenoffensive, verlorene Territorien zurückzuerobern und Russland aus dem Land zu drängen? Possoch klärt!

    Von
    Dominic PossochDominic PossochAdrian DittrichAdrian Dittrich
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    Die russische Offensive kommt schleppend voran, der Ukraine gelingen immer wieder Gegenangriffe auf wichtige russische Stellungen: Kann die Ukraine diesen Krieg gegen das scheinbar stärkere Russland noch gewinnen? Dieser Frage geht auch das neue "Possoch klärt" (Video unten) nach. Die zwei Teile bei der Suche nach einer Antwort: Warum schlägt sich die Ukraine so viel besser als gedacht und wo liegen die kapitalen militärischen Fehler Russlands?

    Ukraine: Angriff auf Kommandozentrum und Flaggschiff "Moskwa"

    Ein von den ukrainischen Streitkräften verbreitetes Video soll einen ukrainischen Gegenangriff auf russische Soldaten in der Region Charkiw zeigen. Das Ziel ist das mobile Kommandozentrum der russischen Armee. Nach Angaben aus Kiew sollen dabei rund 100 russische Soldaten und auch ranghohe Befehlshaber getötet worden sein. Diese Angaben lassen sich unabhängig nur schwer überprüfen.

    Doch normalerweise sind mobile Kommandozentren sehr gut geschützt: Tarnung, Funkdisziplin, Verschlüsselungstechniken. Trotzdem konnte die Ukraine hier scheinbar zuschlagen. Auch der mutmaßliche Angriff auf das russische Flaggschiff "Moskwa" im Schwarzen Meer hat Militäranalysten verblüfft. Die Ukraine scheint einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Russen zu haben: unbemerkt diese Ziele aufspüren und dann gezielt angreifen, teilweise sogar mit Echtzeitkontrolle des Angriffs. Vorsprung durch Aufklärung?

    Die Rolle der Geheimdienste im Ukraine-Krieg

    Wolfgang Richter, Brigadegeneral a.D. des Heeres der Bundeswehr, stellt bei "Possoch klärt" fest:

    "Die ukrainische Armee kommt aus einer gemeinsamen sowjetischen Armee, in der die elektronische Kampfführung schon immer sehr stark entwickelt war. Sie verfügt also über eigene erhebliche Fähigkeiten in dem Bereich." Wolfgang Richter, Oberst a.D.

    Die New York Times hat zudem erst jüngst berichtet, dass die USA Geheimdienstinformationen mit der Ukraine geteilt haben, die dabei geholfen haben sollen, das russische Flaggschiff "Moskwa" zu versenken. Dabei beruft sich die New York Times auf offizielle Vertreter der USA und berichtet außerdem: US-Präsident Joe Biden hat schon zu Beginn des Krieges veranlasst, dass die Ukraine diverse Geheimdienstnachrichten zur Verfügung gestellt bekommt.

    Wenn zur eigenen Aufklärung westliche Unterstützung hinzukommt, dann scheine die Ukraine "einen Vorteil gegenüber den Russen einfach erringen zu können", ergänzt Militärexperte Thomas Wiegold im Interview mit BR24.

    Im Video: Kann die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen? Possoch klärt!

    Weiterer wichtiger Faktor im Krieg: die Moral

    Die Stärke der ukrainischen Armee generiert sich jedoch nicht nur aus den Informationen, die sie über die eigene Aufklärung und die aus dem Ausland erhält. Wie Wolfgang Richter, Oberst a.D., festhält, sind die Ukrainer "voll motiviert" und "gut ausgerüstet". Als Russland 2014 völkerrechtswidrig die Krim annektierte, habe die Ukraine keine Kampfmoral gehabt. Russland habe die jetzige Situation dagegen "völlig unterschätzt".

    Auf russischer Seite hingegen gebe es dieses Mal keine Kampfmoral, attestiert der Militärökonom Marcus Keupp.

    "Es gibt einen zynischen Spruch, der kommt noch aus der Zarenzeit: Das einzige, was Russland im Überfluss hat, sind Menschen." Marcus Matthias Keupp, Militärökonom

    Die Umgangskultur in der russischen Armee sei grundsätzlich anders als in westlichen Armeen und wenn mit Menschenleben so umgegangen werde, brauche einen die fehlende Kampfmoral nicht zu wundern, so Keupp weiter in seiner Analyse.

    Russlands kapitale Fehler im Krieg gegen die Ukraine

    Bei der Frage danach, ob und welche kapitalen militärischen Fehler die russische Führung um Putin in der Kriegsführung begangen hat, führt Militärexperte Thomas Wiegold im Gespräch mit BR24 für "Possoch klärt" eine Vielzahl von Gründen an. Angefangen, dass die russischen Streitkräfte damit gerechnet hätten, "das wird ein Spaziergang, wir werden als Befreier begrüßt – eine ganz große Fehlkalkulation".

    Weiterhin habe Russlands Armee "handwerkliche Fehler" sowie "taktische Fehler auf militärischer Ebene" begangen. Als Beispiel führt Wiegold russische Panzer an, die ohne Sprit liegen geblieben sind, weil der Nachschub von Treibstoff und Ersatzteilen nicht gesichert war.

    Militärökonom Keupp ergänzt noch "das alte Problem Korruption". Ein Teil des Budgets, das zur Instandhaltung etwa vorgesehen ist, wandere einfach in die Taschen von lokalen Kommandeuren oder Politikern. Es gebe zudem etliche Beispiele, in denen russische Offiziere Treibstoff auf dem Schwarzmarkt verkauften, um damit zusätzliche Einnahmen zu generieren.

    Ist eine Gegenoffensive der Ukraine möglich?

    Daher stellt sich Beobachterinnen und Beobachtern nun die Frage: Kommt es vielleicht sogar zur großen Gegenoffensive der Ukraine, zur Rückeroberung der von den Russen besetzten Gebiete? Carlo Masala, Sicherheitsexperte von der Universität der Bundeswehr, geht im Podcast "Die Lage" des "Stern" davon aus, dass diese ukrainische Gegenoffensive im Juni kommen werde.

    Ob die Ukraine damit eine reale Chance hat, ihr eigentliches Staatsgebiet zurückzuerobern, dürfte auch davon abhängen, was für Material sie noch aus dem Westen bekommt, also schwere Waffen wie Artillerie, Panzer, eventuell sogar Kampfflugzeuge. Thomas Wiegold bleibt jedoch skeptisch: "Es gilt die militärische Faustregel, dass der Angreifer immer überlegen sein muss, was Personal angeht, was Materialien angeht." Und dass die Ukraine den russischen Streitkräften zahlenmäßig so überlegen sein wird, hält Wiegold für unwahrscheinlich.

    Militärökonom Keupp hält es hingegen für durchaus denkbar, dass die Ukraine "sämtliche Gebiete zurückgewinnt". Jedoch dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, dass dies von heute auf morgen passiere: "Es wäre sicher ein großer und lang andauernder Abnutzungskrieg."

    Im Video oben erfahren Sie alles, was Sie zur Frage, ob die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen kann, wissen sollten. Diskutieren Sie gerne in den Kommentaren mit.

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    Possoch klärt

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