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Mit Hitze leben: Sind deutsche Städte vorbereitet?

Bildrechte: pa / dpa / Werner Thoma
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Kampf gegen Hitze: Städte fordern Hilfe

Der Klimawandel stellt die Kommunen vor große Herausforderungen. Hitzewellen fordern auch in Deutschland jedes Jahr viele Menschenleben. Doch um die Städte an die Hitze anzupassen, fehlen oft die finanziellen Mittel.

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Michael KreilMichael KreilOliver SchnuckOliver SchnuckRebecca CiesielskiRebecca CiesielskiMarco LehnerMarco Lehner
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Mit einem lauten Surren fräst sich eine Kettensäge mitten in der Würzburger Innenstadt durch einen dicken Ast. Obwohl dieser Sommer regenreicher war als die vorangegangenen, sind viele Bäume abgestorben: "In der Stadt direkt sind es ungefähr 1.500 Bäume, die wir in den letzten Jahren entnehmen mussten", sagt Martin Heilig, der zweite Bürgermeister der Stadt.

Mit steigenden Temperaturen werden Bäume wichtiger denn je, weil sie Stadthitze effektiv abmildern: Große Exemplare verdunsten bis zu 100.000 Liter kühlendes Wasser im Jahr.

Zu wenig Hilfe von Bund und Ländern

Fällarbeiten, Pflege und tägliches Gießen: In Unterfranken, einer der heißesten Regionen Deutschlands, verursachen zunehmende Hitze und Trockenheit schon heute hohe Kosten. Diese müsse die Stadt überwiegend alleine stemmen, kritisiert Heilig: "Wir brauchen große Unterstützung vom Land und vom Bund und da sind alle Ankündigungen ganz ehrlich gesagt fast absurd gering und fast schon lächerlich."

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags Helmut Dedy sagt auf BR-Anfrage: "Der urbane Raum muss sich auf die Klimaveränderungen vorbereiten. Starkregen oder Dürreperioden werden uns in Zukunft häufiger treffen." Die Anpassung an den Klimawandel müsse bundesweit gesetzlich geregelt werden.

Studie: 20.000 Hitzetote in einem Jahr

Hitze ist in Deutschland das tödlichste Wetterphänomen. Allein 2018 starben laut einer Studie, die im Fachmagazin Lancet veröffentlicht wurde, mehr als 20.000 Menschen über 65 Jahren an den Folgen von Hitze. Mit dieser Sterblichkeit liegt Deutschland laut der Studie weltweit auf Platz drei – hinter China und Indien. Die Zahl basiert auf einer Schätzung, da Hitze als Todesursache in Deutschland nicht offiziell erfasst wird. Zum Vergleich: Deutschland zählt pro Jahr rund 3.000 Verkehrstote.

Dabei ist das Hitzerisiko in Städten höher als auf dem Land, da Asphalt, Beton oder verglaste Fassaden besonders viel Wärme besonders abstrahlen. Dieser sogenannte urbane Hitzeinseleffekt tritt auch in Würzburg auf: "Im Mittel messen wir etwa drei Grad und an manchen Sommertagen sogar über acht Grad Temperaturdifferenz", sagt Klimaforscher Heiko Paeth von der Universität Würzburg.

Wärmebilder zeigen, wo das Risiko in Städten am größten ist

Um zu zeigen, wo das Hitzerisiko besonders groß ist, haben BR-Datenjournalisten Satellitendaten für zehn deutsche Städte ausgewertet. Ähnlich wie eine Wärmebildkamera messen Sensoren der Internationalen Raumstation ISS die von der Erdoberfläche emittierte Wärmestrahlung. Tagsüber heizen sich stark versiegelte, dicht bebaute, wenig grüne Regionen wie Innenstädte oder auch Gewerbegebiete besonders auf.

Am Abend und in der Nacht staut sich die Hitze dann vor allem in den Stadtzentren, während das Umland schneller abkühlt. In diesem Zeitraum ist Hitze besonders gefährlich, weil sogenannte Tropennächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad sinken, die Regeneration des Körpers erschweren.

BR Data-Analyse der Oberflächentemperatur in Würzburg und Umgebung

Bildrechte: BR

Umsetzungsdefizit beim Hitzeschutz

In einigen Ländern führten Hitzeperioden mit vielen Toten zum Umdenken: In Frankreich gibt es einen Hitze-Maßnahmenplan, er bindet alle politischen Akteure – vom Gesundheitsministerium bis zum Stadtrat – ein. In Deutschland ist dies nicht der Fall, obwohl eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern 2017 ein detailliertes Handlungskonzept zur Erstellung von Hitzeschutzplänen vorlegte.

Zentrale Empfehlung war die Einrichtung einer koordinierenden Stelle in jedem Bundesland. In Bayern ist eine solche Stelle nicht in Planung: "In Anbetracht tausender Kommunen wäre dies mit einem unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand verbunden", so das Bayerische Gesundheitsministerium auf Anfrage des BR. Das Ministerium verweist auf Beratungsangebote für Kommunen, Forschungsförderung und Schulungen, etwa für Pflegepersonal.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek sagte dem BR, die Klimaanpassung sei ein entscheidendes Zukunftsthema: "Wir dürfen die vielfältigen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit nicht unterschätzen."

Holger Robrecht vom internationalen Städteverband ICLEI kritisiert: "Wir sind in einer Krisensituation. Einerseits gibt es einen deutlichen Wissens- und Erkenntnisfortschritt - und in den letzten Jahren leider zunehmende Erfahrungen - und gleichzeitig ein Umsetzungsdefizit." Bei der Klimaanpassung seien viele Förderprogramme in Deutschland entweder auf innovative Lösungsansätze ausgerichtet oder bieten eine finanzielle Starthilfe. Als Beispiel nennt er kommunale Klimamanager: "Da wird davon ausgegangen, dass die Kommune die Stelle im Anschluss weiterfinanziert."

Kommunen fehlen Mittel und Personal

Die Stelle eines Klimamanagers wird vom Bundesumweltministerium zeitlich befristet ganz oder teilweise finanziert. "Selbst, wenn die Klimamanager erfolgreich sind, heißt es nicht, dass die Stellen nach Auslaufen der Förderung auch verstetigt werden", sagt Antje Otto von der Universität Potsdam. "Wenn es keine solche Person gibt, die sich nur mit Klimafragen beschäftigt, fehlt insgesamt häufig die Zeit und das Wissen um Fördermittel einzuwerben", ergänzt Wolfgang Haupt vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung. Otto und Haupt haben mehrere Interviews und Workshops mit Kommunen-Vertretern durchgeführt. Immer wieder war das Personalproblem bei der Klimaanpassung Thema.

Um den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden, fordert das Umweltbundesamt (UBA), Klimaanpassung müsse im Grundgesetz als Gemeinschaftsaufgabe definiert werden. Das sei notwendig, damit der Bund Kommunen bei Starkregenvorsorge, Hitze- und Hochwasserprävention finanziell unterstützen könne, heißt es auf BR-Anfrage.

Patrick Friedl, der Sprecher für Klimaanpassung der Bayerischen Grünen, sagt, auch der Freistaat müsse die Kommunen besser unterstützen. Für seinen Wahlkreis Würzburg ist seine Einschätzung klar: "Das, was uns fehlt, sind die klaren, finanziellen Mittel, um die Umsetzung zu bewerkstelligen."

Die Zeit wird knapp – Beispiel Bäume: Bis ein Baum seine volle Kühlleistung entfaltet, vergehen Jahrzehnte. Daher kämpfen immer mehr Kommunen um bessere Unterstützung. Nicht nur um hitzegestresste Bäume, sondern vor allem, um Menschenleben zu retten.

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