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Käfer-Stammtisch gegen Krise der Insektenkundler | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Das weltweite Insektensterben hat ein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Das Problem bei der Insektenforschung ist aber: Es gibt zu wenig Menschen, die Insekten zählen, und es gibt auch immer weniger Biologen die Insekten bestimmen können.

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Käfer-Stammtisch gegen Krise der Insektenkundler

Alle vier Wochen treffen sich Hobby-Insektenkundler in der Zoologischen Staatssammlung München, um Insekten zu bestimmen und sich auszutauschen. Die Experten, die sich mit den Tieren auskennen, werden rar. Zu Besuch beim Käfer-Stammtisch.

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Mit Wirtshaus und Bier hat der Käfer-Stammtisch rein gar nichts zu tun. Es ist zwar eine Runde überwiegend weißhaariger älterer Männer. Doch wenn sich die rund 15 Teilnehmer etwa einmal im Monat in der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM) treffen, sitzen sie an Tischen mit Mikroskopen und vor Regalreihen, die voll sind mit Kästen präparierter Käfer. Die Männer fachsimpeln dann, zu welcher Art etwa das grüne Exemplar eines Käfers vor ihnen gehört, legen Datenbanken über ihre Insekten-Funde am Computer an und tauschen Fachliteratur aus.

Nachwuchsmangel bei Artenbestimmern

Die Teilnehmer des Stammtisches sind alle Amateure und zum Teil noch in ganz anderen Berufen tätig. Trotzdem ist ihr unbezahltes Hobby unverzichtbar für die Wissenschaft. Denn in Deutschland gibt es immer weniger Menschen, die sich mit Insekten richtig gut auskennen. Eine zu schlechte Ausbildung an den Universitäten, ein verloren gegangener Bezug zur Natur und hohe Hürden für Einsteiger sind laut Experten die Hauptgründe für den Schwund bei den Artenbestimmern, den sogenannten Taxonomen. Auch die demografische Entwicklung spiele eine große Rolle. "Da stirbt uns große Expertise weg", sagt Steffen Pauls, Leiter der Sektion Entomologie III am Senckenberg-Forschungsinstitut Frankfurt.

Mehr Förderprojekte für Insektenforscher

Dabei ist die exakte Bestimmung von Tierarten aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen ist die Erfassung von Tierarten nötig, um die Auswirkungen einer veränderten biologischen Vielfalt auf einzelne Ökosysteme abschätzen zu können. Das hat auch das Bundesforschungsministerium erkannt. Die Taxonomie, heißt es von der Pressestelle des Ministeriums, werde hier "wesentliche Erkenntnisse liefern können und demzufolge in entsprechende Förderprojekte auch zukünftig einbezogen werden". Und ein Antrag der Bundestagsfraktionen von Union und SPD aus dem Jahr 2017 verweist neben der Biodiversitätsforschung als wesentliche Funktion der Taxonomie auch auf den Beitrag für die Wirkstoffforschung und die Infektionsmedizin, den eine exakte Artenbestimmung liefern kann.

Exakte Bestimmung wichtig bei invasive Arten

Aber nicht nur aus ökologischen und medizinischen Gründen sind die Taxonomen unverzichtbar. Nur mit ihrem Wissen - der exakten Bestimmung einer Tierart - können sogenannte invasive Arten - also Arten, die hierzulande nicht heimisch sind - frühzeitig erkannt und bekämpft werden. Die rechtzeitigen Maßnahmen gegen die eingewanderten Arten sind nicht nur ökologisch wichtig, sie sparen auch Geld. Das wurde bislang wohl zu wenig beachtet. Das Geld in der Forschung werde bisher eher für anderes ausgegeben, beklagt Steffen Pauls, Entomologe vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt.

Ein Glück, dass es da den Käfer-Stammtisch in Zoologischen Staatssammlung München gibt. Die Hobby-Wissenschaftler forschen ohne Lohn. dafür aber mit viel Begeisterung und noch mehr Engagement. Hans Mühle, mit 72 Jahren längst im Ruhestand und mittlerweile Experte für Prachtkäfer, reist für sein Hobby bis zu 40.000 Kilometer im Jahr rund um die Welt. "Du schaust da rein und bist in einer anderen Welt", beschreibt sein Kollege Michael von Bressensdorf , im Hauptberuf IT-Fachmann und mit 55 Jahren fast der Jüngste der Insektenexperten vom Käfer-Stammtisch, sein Glücksgefühl beim Blick durch das Mikroskop.