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Warum jeder Mensch ein Gaffer ist | BR24

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Possoch klärt: Warum gaffst Du?

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    Warum jeder Mensch ein Gaffer ist

    "Wollen Sie tote Menschen sehen?" Weil sich ein Polizist Gaffer vorknöpfte, wurde er zum viralen Hit. Warum gaffen wir überhaupt? Und welche Rolle spielt das Handy? Possoch klärt!

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    Wo Verletzte blutend am Straßenrand liegen, sind sie nicht weit: Gaffer. Sie behindern Rettungskräfte, filmen - auch beim Fahren - aus ihren Autos und sorgen manchmal sogar für weitere Unfälle.

    Woher kommt dieses Verhalten? Warum Gaffen sogar sinnvoll sein kann und welche Rolle das Smartphone dabei spielt: Possoch klärt!

    Warum gaffen wir überhaupt?

    Laut Duden bedeutet Gaffen: "neugierig oder sensationslüstern mit offenem Mund und dümmlichem Gesichtsausdruck etwas anstarren".

    Neugierde ist dem Menschen angeboren. Gaffen liegt also durchaus in der Natur der Sache. Früher war das sogar überlebenswichtig, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Ein Säbelzahntiger konnte schließlich hinter jedem Busch lauern.

    Schaulust als Schutzmechanismus

    Etwas zu beobachten ist also ganz normal und wichtig. Wenn beispielsweise ein Unfall passiert, prüfen wir unterbewusst, ob wir sicher sind - und sind froh, dass uns das nicht passiert ist, so Traumatherapeutin Astrid von Friesen im Deutschlandfunk.

    Das Smartphone, zu dem dann viele greifen, um den Unfall zu filmen oder Fotos zu machen, erfüllt die Rolle eines Schutzschildes. Katastrophenpsychologe Wolf Dombrowsky erklärt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass das Gerät die Distanz zwischen Gaffer und Opfer erhöht, ähnlich der Kriegsfotografie.

    Doch natürlich denken viele Schaulustige im ersten Moment einfach nur daran, die Bilder im Internet zu verbreiten und so schnell Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie sind sich aber nicht möglicher psychischer Störungen bewusst, die das Gaffen später hervorrufen kann. Dazu zählen das Wiedererleben der Situation oder Schlafstörungen, beides sind Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

    "Schämen sie sich!" Polizist stellt Gaffer zur Rede

    Dem Einsatzleiter der Verkehrspolizei Feucht, Stefan Pfeiffer, platzte kürzlich der Kragen. Nach einem tödlichen Unfall auf der A6 bei Nürnberg hat er Gaffer mit ihrem Verhalten konfrontiert.

    "Da liegt er, wollen Sie ihn sehen?", sprach er auf Englisch einen Autofahrer an, der in Richtung des Toten gefilmt hatte. "Nein? Warum machen Sie dann Fotos ?" Und: "Schämen Sie sich!" Einem anderen bot er an, er könne gern aussteigen "und sich die Leiche anschauen". Doch das wollte dann keiner.

    Alleine auf der BR24-Facebook-Seite hat das Video des Polizisten mehr als sechs Millionen Aufrufe und knapp 6.000 Kommentare erhalten.

    Staus, Pöbeleien, Behinderung: Probleme durch Gaffer

    Auf der Gegenfahrbahn kam es an diesem Tag wegen etlicher Schaulustiger zu einem kilometerlangen Stau. Keine Seltenheit.

    Gaffer sorgen oft nicht nur für zusätzliche Verkehrsbehinderungen, sondern behindern sogar die Einsatzkräfte bei der Arbeit, ein ernst zu nehmendes und wachsendes Problem in der Verkehrssicherheit, mahnt Prof. Kurt Bodewig, Präsident der Deutschen Verkehrswacht, auf der Internetseite des Vereins: "Viele Gaffer reagieren mit Pöbeleien und Drohungen gegenüber den Einsatzkräften, wenn diese sie auf ihr Fehlverhalten aufmerksam machen und auffordern, zu gehen."

    Ähnliche Probleme verursacht Gaffen nicht selten beim Bilden einer Rettungsgasse. Weil Pkw- und Lkw-Fahrer nach Unfällen nicht zur Seite fahren, kommen Rettungskräfte nicht zur Unfallstelle durch und müssen sich sogar zu Fuß vorarbeiten.

    Viel Lob für Gaffer-Schreck Pfeiffer

    Polizist Pfeiffer bekam für die Konfrontation der Gaffer auf der A6 viel Lob, auch von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): "Das Verhalten vieler Gaffer ist unverschämt und unverantwortlich. Ich freue mich, dass der Polizeikollege das einigen Gaffern auch mal emotional nahegebracht hat".

    Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss sieht das anders: "Ich glaube nicht, dass das der Sache dienlich ist." Der Hype um Pfeiffers Auftritt sei "wie ein Strohfeuer". "Woher soll das wirken - und woher soll das auch dauerhaft wirken? Ich bin da äußerst skeptisch."

    Ist Gaffen strafbar?

    Das Vorgehen von Polizist Stefan Pfeiffer sei zwar keine Standardmaßnahme. "Aber es war eine, wie ich finde, sehr gelungene Aktion, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein wirklich großes drängendes Problem zu richten", sagte Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). "Schocktherapie ist vielleicht mal ganz gut."

    Sanktionen für Gaffer: Bußgelder und Freiheitsstrafen

    In der Verkehrspsychologie fängt Gaffen da an, wo die Rechte der Betroffenen verletzt werden. Zwar ist Gaffen an sich nicht strafbar. Es drohen aber Bußgelder bis zu 1.000 Euro und ein Punkt in Flensburg, wenn das Handy beim Fahren gezückt wird.

    Seit 2017 gilt es als Straftat, vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern. Schaulustigen, die Verletzte und verunglückte Autos fotografieren oder filmen, drohen sogar Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren.

    Dennoch zücken immer wieder Schaulustige ihre Handys, um Schwerverletzte oder auch Tote zu fotografieren. "Man sieht, dass die Leute sich weder von Bußgeldern noch von Strafandrohungen von diesem Verhalten abbringen lassen", so Wendt.

    Der Bundesrat will deswegen Gaffer, die Rettungseinsätze stören, noch härter bestrafen und forderte den Bundestag auf, strengere Gesetzte gegen Schaulustige einzuführen.