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Bildrechte: dpa/ Winfried Rothermel

Studien belegen: Krankenhausessen ist oft nährstoffarm und mangelhaft. Das gefährdet die Genesung. Besonders leiden Patienten mit Lebensmittelunverträglichkeiten. Auf ihre speziellen Bedürfnisse kann wenig eingegangen werden. Das hat Folgen.

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Billig und kaum Vitamine: Ist Krankenhausessen ungesund?

Studien belegen: Krankenhausessen ist oft nährstoffarm und mangelhaft. Das gefährdet die Genesung. Besonders leiden Patienten mit Lebensmittelunverträglichkeiten. Auf ihre speziellen Bedürfnisse kann wenig eingegangen werden. Das hat Folgen.

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Von
  • Julia Smilga

Marianne Schnitzer leidet an Fruktoseintoleranz, sie verträgt keinen Fruchtzucker, besonders keine Tomaten und Karotten. Als sie im Februar am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München für eine Augenoperation aufgenommen wird, bittet die 80-Jährige darum, das zu berücksichtigen.

Zum Essen bekommt sie anfangs aber genau das, was sie nicht verträgt. Am ersten Tag Karottengemüse mit Kartoffeln. Am nächsten Tag Spaghetti mit Tomatensoße, erzählt Marianne Schnitzer: "Das konnte ich dann wirklich überhaupt nicht nehmen, weil da eben die Wirkung verheerend ist."

Falsches Essen: Krankenhauspatientin verliert Gewicht

Das Krankenhaus schickt eine Ernährungsberaterin zu der 80-Jährigen - auf Rechnung. Diese bestätigt der Patientin, was sie ohnehin schon wusste: eine Fruktoseintoleranz. Die Beraterin empfiehlt eine spezielle Diät. Tatsächlich bekommt Marianne Schnitzer nach diesem Besuch Speisen, die sie auch verträgt. Und eine Rechnung von über 43 Euro für einen besonderen Beratungsaufwand.

Marianne Schnitzer kehrt dennoch geschwächt nach Hause zurück: vor der Augen-Operation wog die 80-jährige Patientin etwas über 54 Kilo, nach der Woche im Krankenhaus seien es nur noch 52 gewesen, erzählt sie.

Patientin: Ein Diätplan ist keine Laune

Das LMU-Klinikum bedauert auf Anfrage des BR die Unzufriedenheit der Patientin mit dem Essen und erstattet aus Kulanzgründen die Kosten der Ernährungsberaterin in Höhe von 43 Euro zurück. Das freut Marianne Schnitzer. Ihr Fazit ist dennoch:

"Ich würde mir ganz einfach wünschen, dass Patienten ernst genommen werden und man das nicht aus Laune abtut oder als heikle Personen, wenn sie da besondere Wünsche äußern, weil sie einen Diätplan einhalten müssen." Marianne Schnitzer, Patientin

Sind Fälle wie der von Marianne Schnitter ein Einzelfall? Eher nicht. Experten bestätigen: In vielen Krankenhäusern krankt es am Essen. Zu wenig Vitamine und andere Nährstoffe, zu viel Salz.

Studie: Gutes Essen beschleunigt die Genesung

Dabei kann nährstoffreiches Essen im Krankenhaus die Genesung extrem unterstützen. Das belegt die 2019 erschienene "Effort-Studie" aus der Schweiz. An der bisher größten Studie zum Thema Essen und Genesung haben 2000 Patienten teilgenommen, bei denen ein Risiko für Mangelernährung bestand. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt.

Eine Gruppe bekam das übliche Krankenhausessen, die andere spezielle Kalorien- und vitaminreiche Kost. Studienfazit: in der zweiten, besser ernährten Gruppe gab es 15 Prozent weniger Komplikationen und 27 Prozent weniger Todesfälle.

Kritik: Ernährung wird als Kostenfaktor gesehen

Sind diese Erkenntnisse in den deutschen Krankenhäusern bekannt? Professor Hans Hauner, Inhaber des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin an der TU München stellt ernüchtert fest: Ernährungstherapie findet in Deutschland bisher fast nicht statt.

2019 verfasste Hauner zusammen mit seinen Kollegen den sogenannten "Leitfaden für Ernährungstherapien in Klinik und Praxis". Darin wird genau aufgezeigt, welche Krankheiten welcher Ernährung bedürfen und ausdrücklich darauf hingewiesen, dass vollwertige Ernährung ein Teil des Heilungsprozesses ist. So die Theorie. Und die Praxis?

"Die Empfehlungen, die wir geben für die Ernährungstherapie in Krankenhäusern wird de facto nicht erfüllt, weil dort Ernährung eher als Kostenfaktor gesehen wird. Und es darf nicht viel kosten. Wir wissen, dass Krankenhäuser pro Kopf und Tag vielleicht vier bis fünf Euro ausgeben für die Ernährung eines Patienten. Da eine gesunde Ernährung komplett anzubieten ist natürlich unmöglich." Hans Hauner, Inhaber des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin an der TUM

Die Zahlen, die Hauner nennt, stammen aus der Studie zur Patientenverpflegung des Deutschen Krankenhausinstituts 2019.

Gesunde Ernährung hat offenbar keine Priorität

Die Studiendaten bestätigen: Die Verpflegung steht in deutschen Kliniken weit unten auf der Prioritätenliste. Die Ausgaben für die Patientenverpflegung – da sind unter anderem auch Personalkosten eingerechnet - sind von knapp 13 Euro im Jahr 2005 auf etwas über 14 Euro im Jahr 2018 nur minimal gestiegen. Das Gleiche gilt für die reinen Lebensmittelkosten: inflationsbereinigt steht damit eher weniger Geld zur Verfügung als noch vor ein paar Jahren.

Auch der Ernährungsprofessor Hans Hauner räumt ein, dass er nicht einmal in seinem eigenen Krankenhaus, dem Klinikum Rechts der Isar in München, alle gewünschten Verpflegungsstandards durchsetzen kann, weil auch hier der Kostendruck hoch sei.

Bayerische Krankenhausgesellschaft ohne Erkenntnisse

Wie sieht die Verpflegungssituation generell in den Bayerischen Krankenhäusern aus? Wie schaffen die Kliniken den Spagat zwischen dem täglichen Kostendruck und einem gesunden Essensangebot?

Auf BR-Anfrage antwortet die Bayerische Krankenhausgesellschaft mit einem Schreiben der Pressestelle: "Leider liegen uns hier in der Krankenhausgesellschaft als Verband der Krankenhausträger zu Ihren Fragen keinerlei Erkenntnisse oder Informationen bzw. Datenmaterial vor." Patientenernährung scheint dort kein relevantes Thema zu sein.

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