Corona-Test mit positivem Ergebnis

Corona-Test mit positivem Ergebnis

Bildrechte: pa / dpa / Damian Klamka
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    Ist die Corona-Pandemie vorbei, wenn alle Antikörper haben?

    Ist die Corona-Pandemie vorbei, wenn alle Antikörper haben?

    Im dritten Corona-Jahr stellt sich die Frage: Wann ist die Pandemie vorbei? Ein Maßstab könnte sein, wie viele Menschen Antikörper gegen das Virus haben, doch solche Daten fehlen noch - und liefern wohl auch nicht die wichtigsten Antworten.

    Wir sind im dritten Jahr der Corona-Pandemie. Seit sich das Virus über die Welt ausgebreitet hat, wurde schon viel erreicht im Kampf gegen die Krankheit. Es gibt Medikamente, Impfungen, und viele Menschen hatten bereits Corona, sind genesen. Aber ab wann ist der Punkt erreicht, an dem wir endlich sagen können: Wir haben es geschafft, die Pandemie ist vorbei?

    Fast alle Briten haben Antikörper

    Die Briten sind generell etwas liberaler als Deutschland im Umgang mit der Pandemie. Dort hat vor wenigen Wochen die staatliche Gesundheitsbehörde eine repräsentative Studie veröffentlicht.

    Das Ergebnis: Mehr als 99 Prozent der Briten haben bereits Antikörper, durch Impfung, Infektion, oder beides. Die Schlussfolgerung: Die Bevölkerung ist mittlerweile geschützt - der Anfang vom Ende der Pandemie.

    Deutschland fühlt sich befreit - auch ohne Zahlen

    Könnte das in Deutschland nicht auch so sein? Wir wissen es nicht genau – hier gibt es keine solchen großen, bundesweiten und repräsentativen Studienergebnisse, die uns das sagen könnten. Noch nicht. Ende des Monats sollen sie kommen. Aber: Würde das wirklich weiterhelfen? Und können wir dann endlich die Pandemie beenden und im Normalmodus in den Herbst und Winter gehen?

    Auf jeden Fall stelle sich auch in Deutschland immer mehr das Gefühl ein, dass die Pandemie allmählich zu Ende gehe, bemerkt der Intensivmediziner Christian Karagiannidis, Mitglied im Expertenrat der Bundesregierung: "Dadurch, dass wir einen relativ hohen Immunisierungsgrad in der Bevölkerung haben durch Impfung und auch durch durchgemachte Infektionen", so Karagiannidis, merke "die Gesellschaft auch, dass sie mit der Infektion jetzt anders zurechtkommt als in den vergangenen beiden Jahren".

    Krankenkassen-Daten "nie repräsentativ"

    Nur, wie hoch der Immunisierungsgrad in Deutschland genau ist, kann nicht sicher beantwortet werden. Die Briten dagegen können es präzise sagen. "Die Engländer haben mit ihrem National Health Service, dem NHS, einfach ein Tool, mit dem sie alle Daten zusammenbringen. Das haben wir hier in Deutschland nicht", sagt Ulrike Protzer, Virologin an der Technischen Universität und am Helmholtz Zentrum München.

    In Deutschland könne man "zwar Krankenkassen-Daten aufarbeiten, die sind aber nie repräsentativ, gleichverteilt über die Bevölkerung, ähnlich wie man das bei einer Wahlumfrage erwarten würde."

    Das RKI rechnet vorerst mit 93 Prozent Antikörper-Quote

    Eine solche repräsentative Studie ist in Deutschland gerade in Arbeit – Ergebnisse werden aber erst Ende Juni veröffentlicht, heißt es beim Robert Koch-Institut. Das RKI hat zusammen mit Forschenden an der Berliner Humboldt-Universität auch in einer Modellierungsstudie errechnet: Etwa 93 Prozent der Deutschen hatten im April Antikörper gegen Corona.

    Jetzt, nach den vergangenen Monaten mit Omikron, sind es wahrscheinlich noch mehr. Viele Untersuchungen, regional an zahlreichen Orten in Deutschland, kämen zu ähnlichen Ergebnissen, erklärt Florian Krammer, Mikrobiologe an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Man könne "annehmen, dass im europäischen Raum die Daten recht gleich ausschauen werden. Natürlich hat Großbritannien früher aufgemacht, ich glaube aber nicht, dass es da viele Unterschiede zwischen den Ländern geben wird."

    Wie viele Menschen erkranken noch?

    Nur, wenn schon so viele Menschen Antikörper gegen Corona haben – ist dann die Pandemie wirklich vorbei? "Die Frage, die wir uns stellen – wann ist die Pandemie vorbei – ist ja die Frage, wann ist der Punkt vorbei, wo diese Infektionen unser tägliches Leben beeinflussen", sagt Ulrike Protzer. "Und das ist natürlich etwas, was jedes Land für sich entscheiden muss, und das hängt wieder davon ab: Wie gut ist die Bevölkerung geschützt? Wie gut ist das Immunsystem vorbereitet? Und werden noch Menschen in großer Zahl krank oder nicht?"

    Neue Virus-Varianten könnten die Immunität durchbrechen

    Heißt: Auch wenn immer mehr Menschen Kontakt mit dem Virus hatten, deren Immunsystem besser damit umgehen kann, sterben immer noch jeden Tag Menschen, viele Betroffene kämpfen mit Langzeitfolgen. Und: Das Virus mutiert weiter, gerade breitet sich schon die neue Omikron-Variante BA.5 in Deutschland aus.

    Es sei "gut und schön", wenn "viel Immunität in der Bevölkerung vorhanden ist", sagt Florian Krammer, diese Immunität könne aber "großteils leider diese neuen Varianten nicht neutralisieren". Immunität heiße also "nicht, dass jetzt jeder vor den neuen Varianten geschützt ist, weil die eben wirklich die Immunantwort, die neutralisierenden Antikörper, umgehen können. Und dann kommt’s zu Durchbruchsinfektionen."

    Die Hospitalisierungsquote wäre wichtiger...

    Selbst wenn die Menschen also weniger krank werden, weil ihr Immunsystem das Virus besser bekämpfen kann – infizieren können sie sich weiter, mit neuen Varianten. Es kann wieder neue Wellen geben, sogar im Sommer, wie jetzt schon in Portugal mit der Variante BA.5. Die Frage, wie viele Menschen schon Antikörper haben, hilft also nicht bei der Beantwortung der Frage, wann die Pandemie endlich vorbei ist - oder wann wir mit Corona genauso gut leben und umgehen können wie mit anderen Krankheiten auch.

    "Da sind andere Parameter viel besser geeignet", meint Ulrike Protzer. "Wenn Sie schauen: Wie viele Menschen kommen ins Krankenhaus wegen einer Corona-Infektion? Dann wissen Sie, wie viele Menschen haben eine schwere Infektion, die krankenhausbedürftig ist." Wenn man diese Daten erhebe und analysiere, erhalte man "das deutlich exaktere Bild über das Infektionsgeschehen und dessen Einfluss auch auf unser Gesundheitssystem".

    ... aber auch hier "sind wir im Blindflug"

    Genau das hat der Expertenrat der Bundesregierung jetzt auch gefordert. Es gibt nämlich zwar das DIVI-Intensivregister, das angibt, wie viele Intensivbetten in Deutschlands Kliniken zur Verfügung stehen. Aber es brauche noch viel mehr Daten, bundesweit, digital, in Echtzeit, sagt der Intensivmediziner Christian Karagiannidis: "Wir müssen wissen: Wie viele Betten haben wir eigentlich in Deutschland zur Verfügung? Wie viele sind davon belegt? Wie viele Pflegekräfte stehen auch tagtäglich am Bett? Da sind wir im Blindflug unterwegs in Deutschland. Das ist etwas, das wir bis zum Herbst, Winter, glaube ich, lösen müssen."

    Lauterbach verspricht Besserung - Corona noch nicht vorbei

    Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kündigte denn auch direkt nach der Stellungnahme des Expertenrats letzte Woche an, derzeit werde "die Erfassung der Daten in den Krankenhäusern" vorbereitet: "Der Vorschlag, den der Expertenrat hier macht, dieses Instrument DEMIS hier zu nutzen, was die Daten aus den Krankenhäusern direkt ans Robert Koch-Institut senden würde und an die Landesgesundheitsämter, genau dieser Vorschlag wird seit einigen Monaten auch bei mir im Haus vorbereitet." Die technischen Vorbereitungen liefen "auf Hochtouren".

    Mit guten Echtzeitdaten, wie viele Menschen wirklich krank werden, und wie viele Ärztinnen und Pfleger für sie tatsächlich zur Verfügung stehen – damit könnte die Pandemie viel besser gemanagt werden.

    Sollte dann festgestellt werden, dass immer weniger Menschen schwer krank werden, kommt der Punkt, an dem gesagt werden könne: Die Pandemie ist langsam vorbei. Jetzt – und in der nächsten Welle, die sehr wahrscheinlich spätestens im Herbst und Winter kommen wird – ist dieser Punkt aber noch nicht erreicht.

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