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Israel, USA & Co.: Was andere Länder beim Impfen besser machen

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Israel, USA & Co.: Was andere Länder beim Impfen besser machen

Die Unzufriedenheit über die deutsche Corona-Impfkampagne ist groß. Andere Nationen wie Israel, Großbritannien und die USA sind im internationalen Impfrennen schon deutlich weiter. Doch was machen diese Länder anders oder sogar besser? Eine Analyse.

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Von
  • Adrian Dittrich
  • Dominic Possoch

Das Tabellenbild im internationalen Impf-Rennen ist eindeutig: Mit nach wie vor großem Vorsprung auf Platz eins liegt Israel. Dort haben nach Daten der Oxford Universität von 100 Menschen bereits mehr als 60 eine Impfdosis erhalten. Den zweiten Platz belegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Die hohe Impfgeschwindigkeit des Golfstaats lässt sich vor allem damit erklären, dass man dort bereits früh mit den chinesischen Impfstoff-Herstellern "Sinovac" und "Sinopharm" kooperiert und rechtzeitig genügend Impfdosen vorbestellt hat. In den Emiraten werden sogar schon touristische Impfreisen im Wert von 40.000 Euro angeboten.

Platz drei belegen aktuell die Seychellen, wo jedoch aufgrund der geringen Bevölkerungszahl nicht vergleichbare Bedingungen herrschen. Anders ist es bei Großbritannien. Dort haben bereits mehr als neun Millionen Menschen, also 18 Prozent der 53 Millionen Erwachsenen, die geimpft werden sollen, eine erste Impfung erhalten. Und auch die USA impfen im Eiltempo. Letzter Stand: Mehr als zehn von 100 Einwohnern sind bereits geimpft.

Corona-Impfweltmeister Israel

Seit dem 19. Dezember 2020 wird in Israel gegen Corona geimpft – im Rekordtempo. Zuletzt konnte man sogar schon damit beginnen, Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren zu impfen. Dadurch soll den Teenagern ermöglicht werden, wieder zeitnah am Präsenzunterricht teilzunehmen und ihr Abitur ohne Nachteile schreiben zu können. Denn Alten- und Pflegeheime sind bereits durchgeimpft sowie ein großer Teil der über 60-Jährigen.

Die Gründe für den Impferfolg sind dabei vielfältig. Zunächst einmal leben in Israel nur knapp neun Millionen Menschen, weshalb der Staat insgesamt weniger Impfdosen benötigt und bei Verteilung und Transport weniger Menschen auf geringerer Fläche bedienen muss. Allerdings verfügt Israel auch über ein umfassend digitalisiertes Gesundheitssystem. Sämtliche Krankenakten sind digital und zentral gesammelt und können per KI-Systemen analysiert werden. Für die landesweiten Impfaktionen bietet das vor allem bei der Terminvergabe Vorteile.

Kein Impfstoff-Mangel in Israel

Einen frühzeitigen Zuschlag für die Impfdosen erhielt Israel vor allem deswegen, weil der Staat doppelt so viel pro Impfstoff-Dose zahlt, nämlich 23 Euro. Die EU hingegen zahlt lediglich 12 Euro pro Impfdose. Zudem hat Israel ein besonderes Abkommen mit dem Impfstoff-Hersteller Biontech/Pfizer abgeschlossen, um priorisiert Impfstoff-Lieferungen zu erhalten. Der Preis für den Deal: Israel übermittelt seine zentral gesammelten Impfdaten direkt an Pfizer und übernimmt die Haftung für das Impfprodukt.

"Der entscheidendste Faktor ist, dass Israel sich sehr viel Impfstoff hat sichern können. Hier lagert sehr viel Impfstoff. Israel hat im Sommer bei Moderna entschlossen bestellt und dann im Herbst auch bei Biontech/Pfizer. Viele sagen, entschlossener als die EU." Benjamin Hammer, BR24-Korrespondent in Tel Aviv.
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Israel lockert Corona-Maßnahmen trotz hoher Infektionszahlen. Ein Beitrag von BR24-Korrespondent Benjamin Hammer

Großbritannien als Impf-Vorreiter

Vor Ende 2020 stand Großbritannien noch mit Rekord-Inzidenzwerten und einer zwischenzeitlich unkontrollierbaren Corona-Mutation in den Schlagzeilen. Notgedrungen war der Inselstaat deshalb die erste Nation, die per Notfallzulassung anfing, seine Bevölkerung gegen Corona zu impfen. Ein zeitlicher Vorsprung, der aktuell sicherlich noch immer ins Gewicht fällt. Doch auch der Fakt, dass weiterhin täglich zwischen 300.000 und 600.000 Britinnen und Briten geimpft werden können, trägt zu der hohen Impfquote bei. Mit diesem Impfrhythmus will man bis Mitte Februar alle über 70-Jährigen sowie Arbeitskräfte aus Krankenhäusern und Pflegeheimen durchgeimpft haben. All das gelingt auch wegen einer 230 Millionen Pfund schweren Ausweitung der landeseigenen Impfstoffproduktion und dem fortschrittlichen und zentralisierten britischen Gesundheitssystem.

"Da gibt es eine Logistik, die für die Verbreitung der Ampullen sorgt. Da gibt es fachkundiges Personal, das das Know-How hat, wie man so eine Impfung setzt. All das ist eingespielt. Und nicht zuletzt ist die Impfbereitschaft ziemlich hoch, seit einigen Wochen ist sie schon stabil bei über 80 Prozent." Thomas Spickhofen, ARD-Korrespondent in London

Andere Voraussetzungen wegen Astrazeneca

Ein weiterer Grund, der den Impfvorsprung Großbritanniens erklärt, ist der in Oxford entwickelte Impfstoff von Astrazeneca. Dieser wird im Vereinigten Königreich bereits seit Anfang des Jahres per Notfallzulassung verimpft und bietet einige Vorteile. So ist der Impfstoff deutlich günstiger als der anderer Hersteller. Zudem ist die Handhabung einfacher, denn der Impfstoff muss nicht bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert und ausschließlich in Impfzentren mit entsprechendem Kühlsystem ausgegeben werden. Daher ist es für die Briten bereits möglich, sich beim Hausarzt oder in Apotheken gegen Corona impfen zu lassen.

Allein das reichte der britischen Regierung jedoch nicht aus. Aufgrund des dramatischen Pandemiegeschehens entschloss man sich jüngst, den Impfplan zu ändern und zunächst einmal so viele Menschen wie möglich mit einer ersten Impfdosis zu versorgen. Die zweite Dosis soll statt im ursprünglich empfohlenen Zeitfenster von drei Wochen nun erst nach drei Monaten geimpft werden. Eine durchaus umstrittene Strategie, die jedoch zuletzt mit einer neuen Studie aus Oxford Unterstützung erhielt. Denn laut der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis, bietet bereits die erste Impfdosis von Astrazeneca zwölf Wochen Schutz und verringert die Übertragung des Virus um zwei Drittel.

USA mit "Warp Speed" zur Immunität

Wie in Großbritannien drängt auch in den USA ein dramatisches Pandemie-Geschehen die Regierung zum Handeln. Doch auch das Wahljahr 2020 spielte eine entscheidende Rolle für den jetzigen Impfvorsprung. Denn der ehemalige US-Präsident Donald Trump bemühte sich bereits im Mai mit seiner "Operation Warp Speed" – angelehnt an die Lichtgeschwindigkeit aus dem Star-Trek-Universum – um ein effektives Impfprogramm. Zehn Milliarden US-Dollar hatte der damalige US-Präsident in unterschiedliche Firmen und Pharma-Konzerne investiert, um das finanzielle Risiko der Impfstoffentwicklung für Forschung und Unternehmen zu minimieren. Zudem hatte Trump bereits im Juli einen Vertrag mit dem Impfstoff-Hersteller Pfizer geschlossen – die EU zum Vergleich erst im November. Das Ergebnis: Am 14. Dezember konnte per Notfallzulassung die größte Impfkampagne in der US-Geschichte starten – eine Woche später als in Großbritannien. Zufrieden ist man aktuell trotzdem nicht.

"Das Problem ist die Verteilung, da hakt es. Die Bundesstaaten klagen darüber, dass sie viel zu kurzfristig erfahren, wie viele Dosen ankommen. Erst am Montag für die laufende Woche. Das ist viel zu kurzfristig, um dann alles in die Fläche zu bringen, weil das ja sehr große logistische Herausforderungen sind." Jule Käppel, ARD Studio-Washington, D.C.

US-Präsident Joe Biden erklärt Corona den Krieg

Um die Verteilung des vorhandenen Impfstoffes zu verbessern, hat der neue US-Präsident Joe Biden das Impfen zur Chefsache erklärt. Die US-Bundesstaaten sollen schon drei Wochen im Vorlauf über neue Impfstoff-Lieferungen benachrichtigt werden, um das Timing zwischen Impfdosis eins und zwei besser abstimmen zu können. Außerdem soll die Verteilung gerechter werden. Denn bisher wurden Schwarze und Latinas in Amerika nach Recherchen von CNN beim Impfen vernachlässigt, obwohl diese Bevölkerungsgruppen doppelt so häufig von Covid-19 betroffen sind.

Und auch an der Impfschnelligkeit will Biden schrauben. Mit Rückgriff auf das Rüstungsgesetz sollen Firmen ausfindig gemacht werden, die die Impfstoffproduktion oder die Herstellung von Spritzen und Nadeln übernehmen. Zudem sollen Impfzentren weiter ausgebaut und mobile Impfstationen in entlegene Gegenden geschickt werden. Nicht zuletzt liegen viele Impfdosen in den USA ungenutzt in den Kühlschränken. Deshalb plädiert der US-Präsident dafür, ungenutzte Impfstoffdosen auch an bisher nicht priorisierte Personengruppen zu verteilen. Das Ziel: Bis zum Sommer sollen alle Amerikanerinnen und Amerikaner gegen Corona geimpft sein.

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