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Die Bucht von Kimmeridge im englischen Dorset ist ein Meeresschutzgebiet.
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Die Bucht von Kimmeridge im englischen Dorset ist ein Meeresschutzgebiet.

Es klingt unglaublich, aber in europäischen Meeresschutzgebieten wird scheinbar intensiver gefischt als in den Regionen, die keinen besonderen Schutzstatus genießen. Das schreiben Forscher in der Fachzeitschrift "Science".

Dazu haben Manuel Dureuil von der Universität Halifax in Kanada und sein Team Daten aus den 727 Meereschutzgebieten Europas untersucht. Sie haben den Rückgang von Haien und Rochen gezählt - ausgehend von diesen Zahlen kann man auch auf andere Tierarten schließen. Ihr Ergebnis: In besonders stark befischten Gebieten ging im Jahr 2017 die Zahl dieser sogenannten "Indikator-Arten" um bis zu 69 Prozent zurück.

Schleppnetzfischerei auch in Schutzgebieten

In nur 295 der Schutzgebiete werde nicht mit Schleppnetzen gefischt, eine Methode, die den Meeresboden besonders schädigt und viel Beifang produziert.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein großer Teil der beeindruckenden EU-Schutzgebiete durch den kommerziellen Fischfang stärker betroffen sind als ungeschützte Gebiete und so ein falsches Gefühl darüber vermitteln, wie erfolgreich die Schutzbemühungen wirklich sind", schreibt Dr. Manuel Dureuil. Schon länger ist bekannt, dass auch in der Nord- und Ostsee ein Drittel der Meeresbewohner bedroht ist.

Umweltschutzzonen nur auf dem Papier?

Dr. Vanessa Stelzenmüller vom Thünen-Institut für Seefischerei fordert, die Fischerei in diesen Gebieten stärker zu regulieren: "Eine der Hauptaussagen der Studie ist die Tatsache, dass Schutzgebiete implementiert werden, jedoch nur als sogenannte 'paper parks' (Umweltschutzzonen, die nur auf dem Papier existieren; Anm. d. Red.) und keinerlei Regulierung des Fischereiaufwandes stattfindet. Das ist global gesehen ein bekanntes Problem."

Paradoxerweise macht gerade der Meeresschutz ein bestimmtes Gebiet für die Fischerei besonders attraktiv, sagt Dr. Sebastian Ferse von der Universität Bremen, der an der Studie nicht beteiligt war: "Dass sich die Fischereiaktivitäten dann auf Schutzgebiete konzentrieren, ist insofern nicht erstaunlich, da dort durch die Schutzfunktion entweder tatsächlich oder zumindest in der öffentlichen Erwartung höhere Fischbestände anzutreffen sind, die dann wiederum Fischer anziehen." Er merkt an, dass die Studie vor allem zeige, dass sich die Meereschutzgebiete vor allem in ihrer Schutzwirkung unterscheiden.

Meeresschutzgebiete in nationalen Gewässern

Bringt es also überhaupt etwas, Meeresschutzgebiete auszuweisen? Prof. Thomas Brey vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremen hat durchaus Hoffnung: "Zwei Faktoren müssen stimmen: Das Meeresschutzgebiet-Design – also etwa geografische Lage, Zeithorizont – und die Schutzmaßnahmen müssen zu den Schutzzielen passen. Außerdem müssen die Schutzmaßnahmen konsequent durchgesetzt werden. Letzteres ist machbar, wenn das Meeresschutzgebiet in nationalen Hoheitsgewässern liegt, weiter draußen auf den Meeren wird es schwieriger."