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Insektensterben nimmt stark zu
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Marlene Riederer
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Insektensterben nimmt stark zu

Von den circa 48.000 Tierarten in Deutschland zählen mehr als 33.000 Arten zu den Insekten. Das sind 70 Prozent. Der Entomologische Verein Krefeld (EVK) hat verschiedene Insektengruppen untersucht - von Hautflüglern, Fliegen, Käfern bis hin zu Schmetterlingen. Das Ergebnis: In den untersuchten Naturschutzgebieten gibt es immer weniger Insekten. "Früher schon seltene Arten sind teilweise noch vorhanden, teilweise fehlen Nachweise in den neueren Proben ganz. Häufige Arten sind meist noch nachweisbar, allerdings überwiegend in deutlich geringeren Anzahlen …" Dr. Martin Sorg, Vorstandsmitglied des Entomologischen Vereins Krefeld

Gewinner und Verlierer

96 Prozent der Köcherfliegenarten seien rückläufig. Bei Wildbienen nähmen die Bestände bei 52 Prozent aller Arten ab. "Auch bei den Laufkäfern und bei den Ameisen haben wir sehr hohe Gefährdungsgrade und Rückgänge zu verzeichnen." Neben vielen Verlierern gebe es auch einige Gewinner wie bestimmte Libellenarten. Sie profitierten möglicherweise von der Renaturierung von Gewässern oder auch vom Klimawandel. Die Verliererarten seien allerdings deutlich in der Überzahl, so Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.

Insektenarten sterben regional unterschiedlich

Dabei stellt der Verein erstmals eine detaillierte Auswertung vor, bei der einzelne Insektenarten analysiert wurden. Die Auswertung der Daten spricht dafür, dass der Bestand bestimmter Arten regional stark abnimmt. An günstigen Standorten, wie zum Beispiel solchen, die durch Wald abgeschirmt sind, ist der Rückgang – was die Artenvielfalt und Anzahl angeht - deutlich geringer.

Insekten-Bestände um 76 Prozent dezimiert

Der Entomologische Verein Krefeld (EVK), der seit 1989 Insektenbestände misst, hatte bereits zuvor ermittelt, dass die Gesamtmasse flugfähiger Insekten an untersuchten Standorten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg in den vergangenen drei Jahrzehnten im Mittel um mehr als 75 Prozent abgenommen hat. Das Besondere daran: Zum ersten Mal wurde dieser enorme Rückgang für überwiegend Naturschutzgebiete und Natura 2000-Flächen belegt. Es sei vor allem der massive Rückgang der gesamten Biomasse, der beunruhige, sagte EVK-Vorstandsmitglied Martin Sorg in Bonn. Anschaulich könne man das als Normalbürger am "Windschutzscheibeneffekt" sehen: Anders als vor 20 oder 30 Jahren kleben nach einer längeren Autofahrt kaum noch Mücken und Fliegen auf der Scheibe. Das sei natürlich noch kein wissenschaftlicher Beweis, aber anschaulich für jedermann.

Insekten-Monitoring

Im weiteren Verlauf des Forschungsprojekts sollen die erhobenen Daten noch detaillierter und vollständiger ausgewertet werden, um dem Verlust der Artenvielfalt entgegenzuwirken und die Naturschutzgebiete besser zu schützen und zu sichern. Erkenntnisse aus den Studien können auch in die Entwicklung eines bundesweiten Insekten-Monitorings mit einfließen.

"Wenn selbst Naturschutzgebiete und europäische Natura 2000-Flächen nicht mehr in der Lage sind, als Rückzugsräume die Defizite der Artenvielfalt in der 'normalen' Landschaft auszugleichen, ist eine dringende Umsteuerung in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik geboten." Professorin Beate Jessel, BfN-Präsidentin

Insektensterben als Folge intensiver Landwirtschaft

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze mahnte einen Wandel beim Umgang mit Pestiziden an. "Die intensive Landwirtschaft ist hauptverantwortlich für den dramatischen Rückgang im Bestand von Bienen, Fliegen, Käfern, Schmetterlingen", sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Der natürliche Lebensraum der Insekten schwinde "beängstigend schnell".

Lichtverschmutzung lässt Insekten sterben

Als eine weitere Ursache für den Insektenrückgang nannte Jessel Lichtverschmutzung. "Schon eine einzige Straßenlampe in der Nähe eines Gewässers entfaltet einen sogenannten Staubsaugereffekt." Sie ziehe in einer Nacht so viele Köcherfliegen an, wie in einem Gewässerstreifen von 200 Metern Breite schlüpften. Die Tiere schwirren dann um die Lichtquelle herum, bis sie schließlich erschöpft zu Boden fallen oder zur leichten Beute für Fledermäuse werden.

Folgen des Insektensterbens auf die Umwelt

Durch das Krefelder Projekt sollen zukünftig auch Aussagen zu Veränderungen in verschiedenen Ökosystemleistungen möglich werden. Denn Insekten haben wichtige Funktionen: Sie sichern die Blütenbestäubung, sind an Bodenbildung und Gewässerreinigung beteiligt und sind wichtige Regulatoren in Ökosystemen. Nicht zuletzt sichern sie wesentliche Teile der Welternährung ab und sorgen für eine gesunde, lebenswerte Umwelt.

Weiteres Ziel des Projektes ist es auch, eine umfangreichere Übersicht über verschiedene Standorte zu bekommen. Denn die Ergebnisse einer Region lassen sich nicht auf eine andere Region übertragen.