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Homöopathie auf der Intensivstation einer Uniklinik? | BR24

© picture alliance/chromorange

Sind homöopathische Globuli das richtige Behandlungsmittel auf einer Intensivstation?

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    Homöopathie auf der Intensivstation einer Uniklinik?

    Am Haunerschen Kinderspital, der Universitäts-Kinderklinik der LMU in München, wird in zahlreichen Abteilungen auch homöopathisch behandelt. Doch ist eine Intensivstation für Frühchen der richtige Ort für eine Therapieform mit fraglicher Wirksamkeit?

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    Was klingt wie ein Streit zwischen zwei Medizinern ist eigentlich eine Grundsatzdebatte im Bereich Homöopathie. Seinen Anfang nimmt alles mit einem Vortrag des homöopathiekritischen HNO-Arztes Dr. Christian Lübbers aus Weilheim. Dabei traf er offenbar auf die Leiterin des Bereichs Homöopathie am Haunscherschen Kinderspital der Universität München, Dr. Sigrid Kruse. Im Jahr 1995 hat sie dort den Fachbereich aufgebaut.

    Auf Twitter begann schnell eine Debatte über den Sinn und Unsinn von homöopathischer Behandlung auf einer neonatologischen Intensivstation.

    Lobbyarbeit für die Homöopathie an einer Universität?

    Schon länger muss sich das Haunersche Kinderspital grundsätzlich vorwerfen lassen, Lobbyarbeit für die Homöopathie zu betreiben. Die Stelle von Dr. Kruse wurde ursprünglich durch die Carstens-Stiftung finanziert, mittlerweile aus dem normalen Klinik-Etat. Die Stiftung, die vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens und seiner Frau Veronica Carstens gestiftet wurde, setzt sich seit Jahrzehnten für die "Förderung der wissenschaftlichen Durchdringung von Naturheilkunde und Homöopathie sowie unkonventioneller Methoden in der Medizin" ein und ist eine der wichtigsten und finanzstärksten Lobbyorganisationen für Homöopathie im deutschsprachigen Raum. Das wiederum macht Sigrid Kruse zu einer einflussreichen Lobbyfigur für Homöopathie im Hochschulbereich.

    Homöopathie lässt sich durch Placeboeffekt erklären

    Mit mehreren Millionen Euro fördert die Stiftung seit den 1980er-Jahren Homöopathie an deutschen Universitäten, setzt sich auch für die Homöopathie als Wahlpflichtfach im Medizinstudium ein. Das Problem dabei: Die Homöopathie gilt wissenschaftlich als widerlegt, ihre Wirkung kann nur über den Placeboeffekt erklärt werden.

    Dr. Christian Weymayr ist Biologe und Mitglied im "Münsteraner Kreis", einer Gruppe interdisziplinärer Experten, die sich kritisch mit Pseudowissenschaften auseinandersetzt, und sagt im BR-Interview: "Die Carstens-Stiftung will die Homöopathie in der Hochschulmedizin verankern, indem sie Universitäten Stiftungsprofessuren schenkt, wie zum Beispiel an der Berliner Charité auch. Das wäre, als ob die Vereinigung der Astrologieratgeber-Schreiber einen Astrologie-Lehrstuhl an einem astrophysikalischen Institut einrichten würde."

    Medizinische und homöopathische Behandlung zeitgleich

    In München jedenfalls klappt dieses Konzept seit über zwanzig Jahren. Dr. Kruse behandelt nach eigenen Angaben 1.000 Kinder pro Jahr, 500 davon ambulant, "in Ausnahmefällen" auch auf der neonatologischen Intensivstation. In diesem Bereich hat sie auch schon eine Untersuchung veröffentlicht, die zum Beispiel zeigen soll, dass die begleitende Behandlung mit homöopathischen Mitteln bei Hirnblutungen hilfreich sei. Doch die Studie hatte große Mängel, schreibt Dr. Norbert Aust, Initiator des homöopathiekritischen Netzwerks INH: Alle Patienten wurden zeitgleich auch intensivmedizinisch behandelt und die Fallzahlen der Studie waren sehr gering. Es sei auch fraglich, wie ein homöopathisches Medikament, in dem kein Wirkstoff enthalten ist, eine spezifische Wirkung entfalten soll. Das ist übrigens ein häufig genannter Kritikpunkt bei der Homöopathie.

    Uniklinik nennt Homöopathie selbst "umstritten"

    Übrigens bezeichnet die Uniklinik selbst auf ihrer Website die Homöopathie als "eine höchst umstrittene komplementärmedizinische Methode" und unterstützt die Haltung der Vereinigung der Wissenschaftsakademien der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EASAC), die besagt, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für die Wirksamkeit homöopathischer Medikamente gibt.

    Homöopathische Behandlung auf der Intensivstation nur begleitend

    Muss man sich also Sorgen machen, wenn man mit seinem Kind auf die Intensivstation des Haunerschen Kinderspitals kommt? Vermutlich nicht. Denn alle Kinder werden dort konventionell medizinisch betreut. Wenn überhaupt, kommt die Homöopathie nur begleitend hinzu und auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern. Das bestätigt auch die Pressestelle des Uniklinikums auf BR-Anfrage. "Die Homöopathie kann auf Wunsch der Eltern in der gesamten Kinderheilkunde eingesetzt werden, sofern diese nicht zu einem Verzicht auf indizierte Therapien oder zu Nebenwirkungen führt."

    Darüber hinaus betont die Pressestelle: "Diejenigen Familien, welche eine homöopatische Begleitmedikation wünschen, schätzen dieses Angebot. Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Evidenz einer Wirksamkeit." Darüber hinaus ist Sigrid Kruse Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, sollte sich mit den typischen Krankheitsbildern und Behandlungsmethoden also grundsätzlich auskennen.

    Kritiker: Forschung zu Homöopathie findet nicht statt

    Natalie Grams ist ehemalige homöopathische Ärztin und Leiterin des INH. Sie sieht die Arbeit von Sigrid Kruse im BR-Interview kritisch: "Dass es der Station hilft, auf der Frau Kruse arbeitet, mag sein. Denn es ist eine Stelle mehr und wenn sie sich durch die Homöopathie mehr Zeit für manches Kind und seine Eltern nehmen kann, dann ist das Entlastung. Dass jedoch durch die Gabe und das Vertreten von Homöopathie an einer Uni der Eindruck entsteht, es handle sich um ein wirksames medizinisches, komplementäres Verfahren, ist ein klarer Schaden und nicht vertretbar."

    Darüber hinaus zweifelt sie auch die Forschungsleistung von Sigrid Kruse an, deren Stelle ursprünglich mit einem Forschungsansatz geplant war: "In über zwanzig Jahren hat Frau Kruse keine nennenswerte Forschung gemacht. Auf PubMed (einer medizinischen Studiendatenbank) gibt es nur marginale vier Einträge zu ihr, davon seit 1997 keine Studie zur Homöopathie. Forschung kann man also nicht nennen, was sie an der LMU betreibt."

    Kritiker: Uni München macht Homöopathie salonfähig

    Der Biologe Christian Weymayr geht die homöopathische Behandlung an einer Uniklinik ebenfalls zu weit. Denn langfristig werde hier ein Glaubensgebäude salonfähig, das der evidenzbasierten Wissenschaft völlig widerspreche.

    In diesem Zusammenhang kann man auch den von Homöopathen viel zitierten Satz "Wer heilt, hat Recht" einordnen. Es ist im Verlauf einer Krankheit nicht ganz einfach zu erkennen, wer oder was wirklich geheilt hat. So werden viele Beschwerden natürlicherweise innerhalb eines Zeitraums besser, Symptome wie Schmerz werden nach einiger Zeit vielleicht weniger deutlich wahrgenommen oder es wirkt ein Placeboeffekt. Doch so eine Verbesserung der Beschwerden kann auch der Homöopathie zugeschrieben werden, einfach indem die Gabe von Globuli zeitlich mit der Verbesserung zusammenfällt. Der Placeboeffekt wirkt übrigens auch bei Tieren und kleinen Kindern, das wird "placebo-by-proxy" genannt. "Man wird von alleine gesund und bis es soweit ist, hält man sich für weniger krank", sagt Christian Weymayr.

    Dieses Unwissen über die Wirkweise der Homöopathie hat Folgen auch für die Patienten, sagt der HNO-Arzt Christian Lübbers dem BR: "Täglich sehe ich Kinder mit Ohrenschmerzen in meiner Praxis. Durch das Fehlwissen über die Homöopathie bekommen viele Kinder in der Nacht nur Globuli oder andere Homöopathika und müssen so die Schmerzen bis zum nächsten Morgen aushalten. Wenn Eltern wüssten, dass Homöopathie nur eine Scheintherapie ist, würde niemand sein Kind mehr in der Nacht mit Scheinmedikamenten leiden lassen." Er wünscht sich, dass die wissenschaftlich basierte Medizin die Chancen, aber auch die Grenzen des Placebo-Effektes offen diskutiert und er als niedergelassener Arzt mehr Zeit für seine Patienten bekommt.

    CSU-Fraktion will Professur für Naturheilkunde

    Die Lobbyarbeit von Sigrid Kruse hat sich in den letzten Jahren schon bemerkbar gemacht. So veranstaltete sie eine Ringvorlesung Homöopathie an der LMU und setzt sich gemeinsam mit der Hahnemann-Gesellschaft, der Arbeitsgemeinschaft klassisch-homöopathisch behandelnder Ärzte, bei der Landtags-CSU für eine wissenschaftliche Professur für Naturheilkunde ein. "Wir meinen, dass die Patientinnen und Patienten bei einem verbesserten Miteinander und Zusammenspiel von Komplementär- und Schulmedizin – was dann landläufig als Integrative Medizin bezeichnet wird – profitieren werden", so Bernhard Seidenath, der gesundheitspolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion in einer Pressemitteilung im Dezember. Die Fraktion habe die Staatsregierung dazu aufgefordert, dass bei den Bayerischen Universitäten angeregt wird, eine Professur für Naturheilkunde einzurichten.

    Für die Homöopathen bedeutet das eine massive Aufwertung ihrer Medizinlehre, sagt INH-Gründer Norbert Aust im BR-Interview: "Das Problem ist demnach weniger, dass ihre Patienten dadurch Schaden erleiden könnten oder auch nicht. Alle Argumente der Kritiker, dass die Homöopathie über kein auch nur halbwegs plausibles Wirkmodell verfügt, dass die Evidenzlage keine Wirksamkeit belegt und dass wahrgenommene Wirkungen im Sinne von 'Mir hat es aber geholfen' auf Irrtümern beruhen (zeitliche Abfolge ist nicht notwendigerweise Kausalität) , kann dadurch ausgehebelt werden: 'Aber die Homöopathie wird doch auch in der Uni angewandt.'"

    Glaubwürdigkeit der Universität leidet unter Homöopathie

    Fazit: Den einzelnen Patienten schadet die homöopathische Behandlung auf der Intensivstation wahrscheinlich nicht. Der Glaubwürdigkeit einer Universitätsklinik und der wissenschaftlichen Medizin aber vielleicht schon.

    Reaktion: In einer Stellungnahme gegenüber dem BR weist die Carstens-Stiftung darauf hin, dass die Förderung an der Berliner Charité in den Jahren 2008 bis 2013 als Basisfinanzierung ausgelegt war, „d.h. mit den Förderbeiträgen wurde lediglich die Besoldung der Stiftungsprofessorin Claudia Witt und ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter abgedeckt – ohne Vorgaben oder Bedingungen. Dies garantierte größtmögliche Unabhängigkeit und Neutralität in Bezug auf die Forschungsergebnisse.“

    Von
    • BR24 Redaktion
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