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Bildrechte: BR/Johanna Schlüter

Ein Mädchen mit Kopfhörern schaut aus dem Fenster.

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    Homeschooling: Benachteiligte Kinder werden abgehängt

    Eltern, die viel arbeiten, alleinerziehend sind oder die deutsche Sprache nicht beherrschen, können ihre Kinder oft nicht ausreichend beim Homeschooling unterstützen. Das hat besonders bei jüngeren Grundschulkindern meist fatale Folgen.

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    Von
    • Anna Giordano

    Es ist gewissermaßen ihr neuer Schulweg: Jeden morgen werden Haidar, Omar und Lavant zum etwa eineinhalb Kilometer entfernten Haus von Familie Kroes gebracht. Die Eltern der drei Jungen sind 2015 aus Syrien geflohen und leben jetzt im oberbayerischen Dorfen. Aber sie sprechen kaum Deutsch. Schon zu Beginn des Schuljahres hatten sie daher Schwierigkeiten mit dem neuen Onlinesystem der Grundschule.

    Susanne Kroes, die selbst zwei Kinder auf der Schule hat, ist das aufgefallen: "Ich habe mitbekommen, dass einige Eltern sich nicht angemeldet haben, weil sie einfach Sprachbarrieren hatten. Und dann war mir klar, dass diese Eltern auch das Homeschooling nicht stemmen können." Sie bot der syrischen Familie ihre Hilfe an, ehrenamtlich, als eine Art Freundschaftsdienst.

    Homeschooling mit syrischen Gastkindern

    Jeden Tag managt die Dorfnerin nun die Videokonferenzen von fünf Grundschulkindern im Alter von sechs und neun Jahren. Dafür stehen ihr drei Laptops zur Verfügung: Zwei Laptops sind aus ihrem eigenen Haushalt, ein Leihgerät der Schule bringen die Jungen mit. Zwischen den Onlinesitzungen hilft sie bei den Hausaufgaben: Liest mit den syrischen Jungen, erklärt ihnen, was ein Reim ist, korrigiert Rechtschreibfehler. Eine ziemliche Sisyphusarbeit: "Manchmal erkläre ich fünfmal am Tag, dass es 'der Apfel' und nicht 'das Apfel' heißt. Und am nächsten Tag sagen sie es wieder falsch."

    Lernrückstände werden nur abgemildert

    Deshalb hat Susanne Kroes nun das Lerntempo gedrosselt. Auch, weil den Kindern Grundlagen aus dem letzten Schuljahr fehlen, wegen des ersten Lockdowns. Täglich spricht sie sich mit den Lehrern der drei Gastkinder ab. "Wir hinken der restlichen Klasse mit dem Stoff hinterher", gibt sie zu. "Normalerweise nimmt die 3. Klasse jetzt die Vergangenheitsbildung durch, aber da sind wir raus. Weil ich festgestellt habe: Wir finden noch nicht das Verb in einem Satz, dann kann ich erst recht nicht die Vergangenheit davon bilden.“ Trotzdem haben Haidar, Omar und Lavant in gewisser Weise Glück: Weil täglich jemand mit ihnen Deutsch spricht, weil ihnen überhaupt jemand hilft.

    Schulleiter: Einige Kinder haben das Lesen wieder verlernt

    Der Schulleiter der Grundschule Berg am Laim in München, Michael Hoderlein, beobachtet, dass an seiner Schule viele Kinder beim Homeschooling ganz auf sich allein gestellt sind: Weil die alleinerziehende Mutter sich zum Beispiel mit zwei Jobs durchschlagen muss oder weil die Eltern der Kinder kein Deutsch sprechen. Zwar kommen mittlerweile viele Kinder der Schule täglich in die Notbetreuung, in der auch Schulstoff durchgenommen wird - aber das reiche nicht aus, könne den regulären Präsenzunterricht nicht ersetzen:

    "Wir haben Kinder im ersten Schuljahr, die können immer noch nicht lesen. Und wir haben Kinder im zweiten Schuljahr, die haben das Lesen schlichtweg wieder verlernt." Michael Hoderlein, Schulleiter der Grundschule Berg am Laim in München

    Er sei sich nicht sicher, ob er das Wort "Bildungskatastrophe" benutzen solle: "Aber es geht schon in die Richtung."

    Bewusstsein und Hilfsangebote entwickeln sich langsam

    Mittlerweile entwickelt sich ein gesellschaftliches Bewusstsein für die drastischen Zustände an einigen Grundschulen. So hat der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband Ende Januar mit dem Aufruf "Kinder in Not" konkrete Forderungen zur Unterstützung von Kindern, die durch den Distanzunterricht benachteiligt werden, an Politik und Gesellschaft gestellt. Und unter www.bildungdahoam.de ist Anfang Februar eine neue kostenlose Nachhilfeplattform online gegangen, die hilfsbedürftige Kinder mit Menschen, die ehrenamtlich helfen können, vernetzen möchte.

    Auch Michael Hoderlein sagt: "Wir tun alles, was wir können, um den Schaden abzumildern." Trotzdem bleibe die Lage kritisch. "Die Begriffe ‚digital‘ und ‚Unterricht‘ passen nach unserem Dafürhalten nicht zusammen. Präsenzunterricht ist nicht ersetzbar durch irgendein anderes Verfahren", so der Grundschul-Leiter.

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