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Hochwasser-Zerstörungen in Erftstadt-Blessem: Das Wasser ist in eine Kiesgrube geflossen und führt zu Erosion, die einen ganzen Ort bedroht.

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Hochwasser: Ist das noch Wetter oder schon Klimawandel?

Die Flutkatastrophe, die sich gerade in Deutschland abspielt, ist schon jetzt eines der schlimmsten Hochwasser, die sich je ereignet haben. Wie groß die Rolle des Klimawandels dabei ist, ist nicht einfach zu messen. Aber es gibt Hinweise.

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Von
  • Yvonne Maier

Im Westen Deutschlands hat sich in den letzten Tagen eine Hochwasserkatastrophe ereignet, mehr als 100 Tote sind zu beklagen und hunderte Menschen werden noch vermisst. Einige Politikerinnen und Politiker sagen nun: Der Klimawandel ist mit schuld. Was sagt die Wissenschaft?

Hier geht es zum Hochwasser-Ticker

Warum mehr Feuchtigkeit in der Luft ist

Es regnet, wenn genug Feuchtigkeit in der Atmosphäre ist. Und das wird durch die globale Erwärmung begünstigt, so Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung: "Schon vor über 30 Jahren haben Klimamodelle vorhergesagt, dass Extremniederschläge häufiger werden, während Tage mit schwachem Regen seltener werden. Das ist eine Folge der Physik: Pro Grad Erwärmung kann die Luft sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen und dann auch abregnen."

Wenn der Jetstream das Wetter bestimmt

Doch das allein reicht noch nicht aus. Das Wasser in der Atmosphäre muss sich auch abregnen, in großen Mengen und über einen längeren Zeitraum, dass es zu derartigen Hochwasserlagen kommen kann. Auch hier spielt der Klimawandel eine Rolle, denn er beeinflusst Höhenströmungen, die unser lokales Wetter bestimmen: den Jetstream.

"Meteorologisch führten verschiedene Faktoren zu den enormen Niederschlagsmengen. Eingebettet in eine stark ausgelenkte Höhenströmung und festgehalten von stationären Hochdruckgebieten über dem Atlantik und Nordosteuropa wurde Tief 'Bernd' in den letzten Tagen nahezu ortsfest über Mitteleuropa", so Christian Grams vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Weil sich die Landmassen und die Ozeane im Sommer auf der Nordhalbkugel nicht gleich schnell aufheizen, kann es dazu kommen, dass der Jetstream "feststeckt". Je nachdem, ob ein Hochdruckgebiet oder ein Tiefdruckgebiet hängen bleibt, kann das dann zu langanhaltender Hitze und Dürre führen, wie gerade in Nordamerika und in den letzten Jahren in Mitteleuropa, oder eben zu Dauerregen und Hochwasser.

Wenn Flächenversiegelung zu Überflutung führt

Nun müssen Starkregen und erhöhte Flusspegel noch nicht zu derartig katastrophalen Situationen führen, wie sie gerade im Westen des Landes auftreten.

Auch hier kommen wieder mehrere Faktoren zusammen, so Christian Grams: "Die Böden waren in Mitteleuropa aufgrund der Niederschläge in den letzten Wochen gesättigt. Das stark gegliederte Gelände der betroffenen Region mit teils tief eingeschnittenen Flusstälern verstärkte weiterhin den Oberflächenabfluss. All diese Faktoren führten zusammengenommen letztlich zur verheerenden Flutkatastrophe von Juli 2021."

Wenn Wasser keine Überflutungsflächen hat, bahnt es sich den Weg in Wohngebiete oder über Verkehrswege. Auch Friederike Otto von der Universität Oxford bestätigt das: "Dass derartige Starkregenfälle so dramatische Konsequenzen haben, liegt zu einem großen Teil an der Versiegelung der Böden."

Was ein Extremwetterereignis ausmacht

Die Wissenschaft ist sich einig: Auch in Zukunft wird es zu häufigeren und schweren Extremwetterereignissen kommen, seien es Dürren oder Starkregen, das ist eine Folge des Klimawandels. Ob ein einzelnes derartiges Ereignis auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, so Christian Grams vom KIT:

"Von Extremereignissen spricht man, wenn eine Kenngröße, wie zum Beispiel die Niederschlagsmenge, am Rande des Spektrums vergangener Messwerte liegt, zum Beispiel im oberen Prozent der je aufgetretenen Messwerte, oder bisher gemessene Werte sogar überschreitet. Das aktuelle Ereignis lag für viele Kenngrößen außerhalb jeglicher bisheriger Beobachtungen."

Wie Städte und Gemeinden reagieren können

Dass in einem Land wie Deutschland über 100 Menschen durch Hochwasser sterben, ist ungewöhnlich. Städte und Gemeinden werden sich auch in Zukunft nicht vollständig schützen können, sagt Boris Lehmann von der Technischen Universität Darmstadt: "Es ist fachlich, wirtschaftlich und lebenspraktisch gar nicht möglich, alle Elemente unserer Kulturlandschaften und Infrastrukturen wegen solcher Extremereignisse nun pauschal neu zu bemessen, umzubauen und damit abzusichern." Wo genau der nächste Starkregen heruntergeht, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit vorhersagen.

Darum muss die Infrastruktur insgesamt auf derartige Extremwettersituationen angepasst werden, so Christian Kuhlicke von der Universität Potsdam: "Eine Straße muss so gebaut sein, dass sie bei sommerlicher Hitze nicht schmilzt oder birst und bei starken Strömungen nicht unterspült wird. Strom- und Kommunikationsnetze, das Rückgrat unserer modernen Gesellschaft, müssen so konzipiert werden, dass sie auch in extremen Lagen funktionieren. Der Wiederaufbau nach der großen Zerstörung in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bietet die Möglichkeit, Infrastrukturen zukunftssicher wiederaufzubauen und damit neue Standards für die Zukunft zu setzen."

Zum BR24live: Was muss nach der Hochwasserkatastrophe passieren?

Wie sich Betroffene schützen können

Viele Menschen unterschätzen die Kraft eines Hochwassers nach Starkregen und das Tempo, in dem ein vormals kleiner Bach anschwellen kann. "In der Regel gibt es hier keine Vorwarnzeiten. In heftigen Fällen können ein Keller oder eine Tiefgarage binnen weniger Minuten vollgelaufen sein und für Bewohner, welche ihr Hab und Gut noch rasch ins Trockene bringen möchten, zur Todesfalle werden", sagt Boris Lehmann von der TU Darmstadt.

Aus Unwissenheit geraten Menschen schnell in lebensgefährliche Situationen, so Lehmann: "Gerade bei den Extremwetter-verursachten Sturzfluten sind nicht nur eine Menge Wasser, sondern mit dem Wasser auch viel Geröll, Müll und andere Sachen in Bewegung. Gerät man als Mensch dort hinein, besteht neben dem Ertrinken die Gefahr, dass man zerquetscht wird. Viele schlimme Verletzungen von aus solchen Fluten geretteten Personen bezeugen dies."

Wer hüfttief in fließendem Wasser steht, kommt schon bei moderater Strömung kaum gegen das Wasser an.

Darum rät der Ingenieur zu folgender Verhaltensregel: Weglaufen und sich in Sicherheit bringen. Und es ist wichtig, sich schon vor derartigen Situationen Gedanken darüber zu machen, wie man am besten reagieren sollte, sagt Christian Kuhlicke von der Universität Potsdam:

"Wesentliche Dokumente und Medikamente an einem Platz lagern, sodass sie schnell greifbar sind. Es kann um Minuten gehen. Es gilt, einen Treffpunkt festzulegen, an dem sich ein Haushalt im Falle einer Evakuierung trifft. Zu häufig brechen in Deutschland Kommunikations- und Stromnetze zusammen. Vor einem Hochwasser festlegen, welche Wertgegenstände in Sicherheit gebracht werden sollten. Jedes TV-Gerät ist ersetzbar, ein Familienfotoalbum ist für immer verloren. Sobald es ernst wird: Informieren Sie sich rechtzeitig und fortlaufend, handeln Sie schnell und umsichtig und vor allem bringen Sie sich rechtzeitig in Sicherheit. Verlassen Sie ihr Wohngebäude also frühzeitig."

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat für derartige und weitere Fälle Verhaltensregeln erarbeitet.

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