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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Federico Gambarini

Endlich wieder die Familie treffen, ausgehen, in Urlaub fahren: Die Impfung gegen das Virus soll das Licht am Ende des Corona-Tunnels sein. Doch wie schnell Menschen in Bayern geimpft werden, scheint ein Glücksspiel.

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Glücksspiel Corona-Impfung? Zu wenig, zu langsam, zu kompliziert

Die Familie treffen, ausgehen, in den Urlaub fahren: Die Impfung soll das Licht am Ende des Corona-Tunnels sein. Doch lange stockte die Impf-Kampagne, erst seit Kurzem gewinnt sie langsam an Fahrt. Was waren die Probleme und hat die Politik gelernt?

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Von
  • Claudia Erl

Viele Menschen in Deutschland gucken neidisch auf andere Länder: In Israel ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung komplett geimpft, in den USA ist es knapp jeder Dritte. Hierzulande hat die Zahl derer, die einen kompletten Impfschutz haben, dagegen gerade mal die 8-Prozent-Marke geknackt.

Inzwischen wurde das Tempo erhöht, was vor allem mit mehr verfügbarem Impfstoff zu tun hat. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek kündigte jüngst höhere Lieferzahlen für Mai und Juni an. "Im Juni geht nochmal richtig die Post ab", so Holetschek. Die Aufhebung der Impfpriorisierung im selben Monat könnte die Geschwindigkeit ebenfalls weiter erhöhen.

Dennoch herrscht bei vielen Unverständnis: In Deutschland wurde in Rekordzeit ein Impfstoff entwickelt. Trotzdem stockte die Impfkampagne hier schon seit Beginn des Jahres. Es wurden Fehler gemacht, einige davon konnten ausgebügelt, andere mussten schlichtweg eingeräumt werden. Ein Überblick.

Fehlender Impfstoff

Anfang 2021 stehen die Impfzentren in Bayern in den Startlöchern. Doch es fehlt Impfstoff. Einige Hersteller wie Biontech/Pfizer können die gewünschten Impfstoffmengen nicht liefern. Die Beschaffung des Impfstoffes übernimmt die EU für alle 27 Mitgliedsstaaten. So steht es auch in den Pandemieplänen. Für Deutschland sind zunächst 136 Millionen Dosen der beiden bis Januar zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna bestellt. Doch die Lieferungen geraten wegen Produktionsproblemen immer wieder ins Stocken.

Was die EU-Kommission mit den Impfstoff-Herstellern genau verhandelt hat, bleibt zunächst unklar. Selbst für Mitglieder des EU-Parlaments gibt es offenbar keine echte Offenlegung, was die Vizepräsidentin des EU-Parlaments Katarina Barley kritisiert.

Fehler bei der Bestellung

Das Ergebnis ist umso offensichtlicher. Die EU erhält weniger Impfstoff als geordert und muss schließlich Fehler bei der Bestellung einräumen: Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, erklärt, man sei spät dran gewesen bei der Zulassung, zu optimistisch bei der Massenproduktion und zu sicher, "dass das Bestellte tatsächlich pünktlich geliefert wird".

Der Epidemiologe Alexander Kekulé kritisiert eine "Art Shopping-Mentalität", mit der die EU unterwegs gewesen sei: "Wer bietet was an, wie sind die Preise? Wo kann ich etwas kaufen? […]. Eine ähnliche Situation hatten wir bei den Schnelltests ja auch. Dann ist es einfach so, dass das so langsam geht, wie die Hersteller das eben machen", betont der Virologe.

Albrecht Broemme, Katastrophenschützer und ehemaliger Präsident des THW, sieht zudem Versäumnisse auf der Fachebene: Man hätte klar sagen müssen, welche Liefermengen weltweit zu erwarten gewesen wären. "Dann sind wir auch beim Thema Lieferketten - ich glaube, das haben sich viele Leute nicht genau genug überlegt", sagt er.

Zu wenig investiert

Ebenfalls in der Kritik: die geringen Investitionen der EU in die eigene Impfstoffproduktion. Sich den vorhandenen Impfstoff nun gegenseitig wegzukaufen, sei "am Ende nur ein Verschiebebahnhof", sagt Katarina Barley. "Da hat die EU knapp drei Milliarden Euro investiert, um Produktionskapazitäten aufzubauen. Die USA haben 18 Milliarden investiert, um Produktion zu gewährleisten und die USA sind ja auch jetzt deutlich schneller dran", kritisiert sie.

Risikoanalyse von 2012

All das ist passiert, obwohl schon in der Risikoanalyse zum Bevölkerungsschutz von 2012 eines ganz klar formuliert wurde: Nur eine Impfung führt aus einer Pandemie heraus. An der Analyse war auch das Robert-Koch-Institut beteiligt – und sie lag dem Bundestag vor. Dass ein Coronavirus laut dem Epidemiologen Alexander Kekulé "ein heißer Kandidat" für eine Pandemie ist, ist seiner Ansicht nach klar, seit Sars 2003 aufgetreten ist. Doch warum haben die Verantwortlichen die Zeit nicht genutzt? Tatsache ist: Die entscheidenden Weichen für das Impfen werden erst im Sommer 2020 gestellt.

Probleme bei der Registrierung

Doch nicht nur die Impfstoffmenge macht Probleme. Auch die Registrierung der Impfwilligen hat ihre Tücken. In Bayern wurde extra eine zentrale Software zur Registrierung der Impfwilligen eingesetzt. Doch gerade viele der Menschen mit der höchsten Priorität haben damit große Probleme: Tausende über 80-Jährige stecken im Online-Dschungel fest, eine E-Mail-Adresse und Handynummer sind Voraussetzung für die Registrierung im staatlichen Portal, die Hotlines sind dauer belegt - Barrieren ausgerechnet für die, die sofort geimpft werden müssten.

Eine zentrale, praktikable Strategie, wie man die Älteren schnell in die Impfzentren bekommt, gibt es aber ein Jahr nach Beginn der Pandemie offenbar nicht. Manche Landkreise nehmen die Registrierung ihrer ältesten Bürgerinnen und Bürger deshalb selbst in die Hand: Es werden Briefe mit allen Unterlagen an die über-80-Jährigen verschickt, die Impfzentren rufen dann die Risikogruppen zur Terminvereinbarung an. Tatsächlich geht dieser Plan mancherorts auf und die ältere Generation hat hier schneller einen Impftermin.

Unterschiedliche Altersstrukturen in Landkreisen

Aber auch andere Faktoren sind dafür verantwortlich, dass es in manchen Landkreisen länger dauert, bis die Menschen mit hohem Risiko einen Termin bekommen: Auch wenn Regionen mit ähnlich vielen Einwohnern vergleichbar viel Impfstoff bekamen, so wurde jedoch übersehen, dass der Anteil der Menschen mit Priorität 1 in manchen Landkreisen deutlich höher ist als in anderen. Das wurde später durch zusätzliche Lieferungen etwas aufgefangen.

Der Rückstand beim Impffortschritt ist teilweise bis heute spürbar. Vergessen wurden zunächst auch die Pflegebedürftigen, die nicht in Heimen, sondern ambulant zu Hause versorgt werden. Dabei haben gerade sie ein hohes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Probleme mit Astrazeneca

Eine Bremse erfuhr die Impfkampagne auch durch die Probleme mit dem Vakzin von Astrazeneca: Zunächst ist es nur für unter-65-Jährige zugelassen, Lieferzusagen werden nicht eingehalten, dann kommt ein Impfstopp wegen seltener, gefährlicher Thrombosen und schließlich die Zulassung nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Der Impfstoff bleibt liegen, das Vertrauen der Bevölkerung ist schwer angeschlagen.

Zu viel Bürokratie

Ein weiteres Problem wird nun, da Impfstoffe in größeren Mengen vorhanden sind, immer deutlicher: die Bürokratie. Ärzte sind verpflichtet, jede einzelne Impfung mehrfach zu dokumentieren. Sieben Unterschriften sind pro Impfung zu leisten in einer dreifachen Dokumentation. Das kostet wertvolle Zeit. Laut einigen Ärzten an den Impfzentren wären theoretisch doppelt so viele Impfungen möglich, wenn diese ausgiebige Dokumentation wegfallen würde – vorausgesetzt, es gibt genügend Impfstoff.

Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek teilt den Wunsch nach weniger Bürokratie: "[…] Ich wünsche mir, dass wir auch mal mutiger sind. Bei manchen Entschlüssen und dass wir Bürokratie zurückdrängen. Das ist absolut notwendig." Zudem wünschen sich Hausarztpraxen mehr Impfstoff, damit sie auch ihren potenziell großen Beitrag zur Impfkampagne leisten können.

Intensivstationen voll, viele Tote

Die Stationen liefen die letzten Wochen wieder voll, das Personal ist seit Monaten überlastet. Auch in der dritten Welle gibt es viele Tote – trotz Impfungen. Die Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf werden deutlich jünger. "Der Altersgipfel liegt jetzt zwischen 40 und 60 Jahren. […]. Was derzeit passiert, ist nur schwer zu ertragen für uns", betont Dr. Thomas Marx von der Freisinger Intensivstation. Bis zum 30. April sind in Deutschland bereits 82.850 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Für Alexander Kekulé ist klar, dass man viel zu langsam reagiert hatte und viele der Toten vermeidbar gewesen wären.

Hat die Politik gelernt?

Ein Versprechen steht dabei immer im Raum: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat versprochen, dass bis zum Ende des Sommers alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben sollen. "Die Pandemie wird nicht zu Ende sein", betont Epidemiologe Kekulé.

"Das wird so sein, dass das Virus kam, um zu bleiben. Und das wird so sein, dass das Virus für uns harmloser wird. Es wird neue Varianten geben, und unser Immunsystem wird sich daran gewöhnen. Aber das wird letztlich ein über viele Jahre dauernder Dauerzustand sein." Alexander Kekulé, Epidemiologe.

Die Frage bleibt: Haben die politisch Verantwortlichen über einem Jahr Corona-Pandemie und mehr als 80.000 Toten allein in Deutschland für die Zukunft genug gelernt? Das wird sich wohl bald zeigen – denn im Moment ist davon auszugehen, dass es eine jährliche Auffrischung der Impfung geben muss.

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