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Gesundheitsgefahr Palmöl? Was Verbraucher wissen müssen | BR24

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Backerbsensuppe, ein paar Kekse und Schokolade: Schon kann es für Kinder ungesund werden. Denn in vielen Lebensmitteln finden sich Palmölnebenprodukte, die möglicherweise krebserregend sind. Auch Babypulver ist betroffen.

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Gesundheitsgefahr Palmöl? Was Verbraucher wissen müssen

Müsliriegel, Kekse, Schokolade: In vielen industriellen Lebensmitteln steckt Palmöl. Wird das nicht sorgfältig verarbeitet, entstehen schädliche Substanzen. Kinder können davon schnell zu viel aufnehmen. Auch Babypulver ist betroffen.

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Es ist die Allzweckwaffe der Lebensmittelindustrie: Palmöl macht Brotaufstriche streichzart und cremig, Eis bei Kälte stabil, sorgt für die richtige Beschaffenheit und gleichzeitig für guten Geschmack. Hinzu kommt: Es kostet nicht viel. Deshalb steckt Palmöl in nahezu jedem zweiten verarbeiteten Lebensmittel - trotz seines schlechten Rufs.

Viele industrielle Lebensmittel enthalten Palmöl

In die Kritik geraten ist es vor allem, weil zugunsten von Palmölplantagen Regenwald abgeholzt wird. Was weniger bekannt ist: Wenn Palmöl verarbeitet wird, können sogenannte Fettsäureester entstehen, die giftig sind, warnt Kinderarzt Berthold Koletzko. Er leitet am Haunerschen Kinderspital in München die Abteilung Stoffwechsel und Ernährung.

"In Tieruntersuchungen hat man nachteilige Wirkungen gesehen. Man vermutet, dass sie Krebs auslösend sein können in hohen Konzentration", so Koletzko. "Man vermutet, dass sie Nierenschädigungen machen können. Im Sinn des vorbeugenden Gesundheitsschutzes möchten wir natürlich dann auch beim Menschen und gerade bei Kindern eine niedrige Zufuhr erreichen."

Einer dieser Fettsäureester ist Glycidol. Für diesen Stoff gibt es bereits einen EU-weiten Grenzwert für 3-MCPD, aus der selben Stoffgruppe dagegen nicht.

💡 Fettsäureester

Lebensmittel sollen sicher sein – darauf müssen sich Verbraucher verlassen können. Und doch gibt es immer wieder Entdeckungen, von denen man als Konsument am liebsten verschont bleiben würde. 2002 war das Acrylamid, wenige Jahre später kam eine neue Gruppe dazu, die sogenannten Fettsäureester.

Sie alle haben eines gemeinsam: Es sind sogenannte Prozesskontaminanten – unerwünschte Stoffe, die während der Herstellung entstehen. Fettsäureester stecken in verschiedenen pflanzlichen Speiseölen und -fetten. Besonders viele in Palmöl.

Alarmierende Ergebnisse im Tierversuch

Wenn das Öl bei der Produktion zu stark erhitzt wird, dann spalten sich die Fettmoleküle auf – so entsteht etwa 3-MCPD. Und das hält Mediziner Koletzko für gesundheitlich äußerst bedenklich. Im Tierversuch sei festgestellt worden, dass die Fruchtbarkeit von Ratten bei hohen Konzentrationen von 3-MCPD leide. Das könne man zwar nicht 1:1 auf Menschen übertragen, es sei jedoch trotzdem ein Warnsignal meint Koletzko: "Wenn man so etwas sieht bei Tieren, dann ist man natürlich erstmal vorsichtig und sagt, diese Substanzen wollen wir nicht in hohen Konzentrationen in unserer Nahrung haben."

Fettsäureester 3-MCPD möglicherweise krebserregend

Die Internationale Krebsforschungsagentur, die zur Weltgesundheitsorganisation gehört, stuft 3-MCPD als möglicherweise krebserregend ein. Ernsthafte Konsequenzen wurden bisher nicht gezogen.

Den Herstellern ist das Problem durchaus bewusst. Seit Jahren betreiben vor allem die Raffinations-Betriebe Begleitforschung mit dem Ziel, die unerwünschten Stoffe aus dem Öl herauszufiltern. Der Toxikologe Bertrand Matthäus vom Max Rubner-Institut forscht daran. Doch diese sogenannten Kontaminanten zu vermeiden, sei nicht so einfach. Wichtig ist vor allem die Temperatur.

Schonende Palmöl-Verarbeitung verteuert die Produktion

Die Palmfrucht muss erhitzt werden, um die Fremdgerüche loszuwerden, aber auch, um giftige Substanzen in der Frucht zu zerstören. "Wir müssen versuchen, während der Verarbeitung die Temperatur möglichst niedrig zu lassen," sagt Matthäus. "Und wenn man diese Temperatur statt bei 270 Grad vielleicht bei 250 oder möglichst noch niedriger durchführt, dann bilden sich auch deutlich weniger Ester in den Ölen."

Die Produktion wird dadurch allerdings aufwendiger und somit auch teurer.

Damit alle Hersteller auf die schonenderen Verfahren umstellen, bräuchte es europaweit verbindliche Regeln. Doch die gibt es bislang nicht.

Palmöl-Rückstände: Bisher kein Grenzwert in der EU

Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA empfiehlt für das ungesunde 3-MCPD lediglich eine sogenannte tolerierbare Aufnahmemenge pro Tag. Der Wert, den die Behörde als sicher für die Mehrzahl der Verbraucher einschätzt, liegt bei 2 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Der Wert ist allerdings auf Erwachsene ausgerichtet, wird aber auch bei Kindern angewandt – obwohl deren Organismus noch empfindlicher reagiert. Die EU-Lebensmittelbehörde räumt ein, dass es für Verbraucher in jüngeren Altersgruppen mit hoher Aufnahme potenzielle gesundheitliche Bedenken gibt.

Doch wie können sich Verbraucher schützen? Auf der Packung der Produkte ist gar nicht erkennbar, wie viel schädliche Palmöl-Rückstände die Lebensmittel enthalten. Nur Palmöl an sich muss deklariert werden.

Müsliriegel und Kekse: Bei Kindern wird es schnell ungesund

Die Verbraucherzentrale Bayern hat Hersteller gebeten, die Mengen an 3-MCPD zu nennen, die ihre Produkte enthalten. Aus den freiwilligen Angaben haben Daniela Krehl und ihr Team Modellrechnungen erstellt. "Wenn jetzt ein Kind zwischendrin mal Müsliriegel oder irgendwelche Kekse isst, haben wir festgestellt, dass das wahnsinnig schnell geht, dass Kinder über diese empfohlene Aufnahmemenge hinauskommen", so Krehl.

Dabei können Eltern hier noch bestimmen, was gegessen wird und was nicht. Viel brisanter wird es, wenn es zur Industrienahrung keine Alternative gibt. Etwa bei Müttern, die ihre Säuglinge nicht stillen können und deshalb künstliche Babymilch füttern.

Rückstände in Babypulver

Auch im Baby-Milchpulver ist Palmöl enthalten. Genau da gab es schon früher Beanstandungen wegen zu hoher 3-MCPD-Werte. Wir wollen wissen, ob das immer noch so ist und besorgen Milchpulver von drei verschiedenen Herstellern in drei verschiedenen Preisklassen.

Mit dabei ist auch ein Produkt, das der Stiftung Warentest vor drei Jahren aufgrund erhöhter 3-MCPD-Werte aufgefallen war. Von jedem Babypulver besorgen wir drei unterschiedliche Chargen, damit wir sicher sein können, keine Zufallsbefunde zu bekommen. Ein darauf spezialisiertes Labor untersucht das Milchpulver auf das gesundheitsschädliche 3-MCPD.

Stichprobe: Werte haben sich verbessert

Das erfreuliche Ergebnis: Im Vergleich zu den letzten Untersuchungen der Stiftung Warentest haben sich die Werte bei allen Produkten verbessert. Wir fahren nach Berlin zum Bundesinstitut für Risikobewertung und bitten den Biochemiker Alfonso Lampen, die Ergebnisse zu bewerten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat vor einigen Jahren selbst Babymilch getestet und damals deutlich erhöhte 3-MCPD-Werte gefunden. Alfonso Lampen sagt, es sei notwendig, dass sich hier einiges tut und verweist auf die Diskussion um einen Grenzwert in der EU für 3-MCPD-Ester. "Das heißt, die deutsche Industrie scheint hier schon aktiv zu sein", meint Lampen.

Haben die Hersteller also mit Blick auf den drohenden Grenzwert nachgebessert?

Babypulver knapp unterhalb der empfohlenen Tagesdosis

Selbst das günstigste Milchpulver in unserer Stichprobe, bei dem wir den höchsten 3-MCPD-Gehalt gemessen haben, würde sowohl den derzeit diskutierten Grenzwert knapp einhalten, als auch die Empfehlung der EU zur maximalen Tagesdosis. Ein Rechenbeispiel:

Für ein drei Monate altes Baby werden auf der Verpackung ca. 100 Gramm Milchpulver pro Tag empfohlen. Das Durchschnittsgewicht liegt in dem Alter bei sechs Kilogramm. Bei einer maximalen Aufnahmemenge von zwei Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht sollte ein Baby nicht mehr als 12 Mikrogramm pro Tag verzehren. Das billigste Babypulver hatte in unserer Untersuchung einen 3-MCPD-Wert von maximal 11,6 Mikrogramm.

Damit bliebe das Baby, das ausschließlich von diesem günstigen Babypulver ernährt wird, knapp unter dem kritischen Tageshöchstwert. Allerdings: Wenn ein Kind mehr Hunger hat, kann es die Menge leicht überschreiten.

Dazu kommt: Die Empfehlung orientiert sich an Erwachsenen. Babys aber haben einen anderen Grundumsatz und sollten nach Einschätzung der von uns befragten Experten pro Kilogramm Körpergewicht weniger aufnehmen.

Hersteller erklärt Belastung mit chargenweisen Schwankungen

Die von uns untersuchten teureren Vergleichsprodukte lieferten niedrigere Fettsäureester-Werte. Diese Unterschiede fallen auf. Wir bitten den Hersteller des stärker belasteten Babypulvers um eine Erklärung. Das Unternehmen schreibt uns, dass der 3-MCPD-Gehalt Schwankungen unterliege. "Allerdings verarbeitet unser Lieferant der Milchnahrung ausschließlich Fette, die einen Gehalt unterhalb des vorgeschlagenen Grenzwertes in der Fertigware garantieren", heißt es in der Stellungnahme.

Eine Erklärung für den Unterschied zu anderen getesteten Produkten ist das allerdings nicht. Der Toxikologe Bertrand Matthäus vom Max Rubner-Institut nennt noch einen möglichen Grund für die unterschiedlichen Werte: die Rohware. Sobald die Frucht vom Baum falle, müsse es schnell gehen. "Je schneller es gelingt, die Frucht vom Boden zur Weiterverarbeitung zu bringen, desto weniger von den 3-MCPD und Glycidyl wird man nachher bei der Weiterverarbeitung im Öl finden", sagt Matthäus.

Der von uns konfrontierte Hersteller des höher belasteten Babypulvers verweist auch explizit auf die Auswahl der Lieferanten. "Weiterverarbeiter der Fette und Öle haben außer durch Auswahl der Rohstoffchargen keinen Einfluss auf den Gehalt an 3-MCPD in Milchpulver", so die Stellungnahme des Herstellers. "Unser Lieferant arbeitet jedoch mit den Fettlieferanten eng zusammen, um den Gehalt an 3-MCPD weiter zu reduzieren. Hier sind allerdings der technischen Machbarkeit Grenzen gesetzt."

Etwas anders sieht man das offenbar bei anderen Produzenten.

Großer Aufwand nötig zur Reduzierung der Palmöl-Rückstände

In unserer Stichprobe liefert eine Babymilch die niedrigsten Belastungswerte, die noch nicht einmal die teuerste ist. Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen, wie es vorgeht, um 3-MCPD möglichst niedrig zu halten:

"Das Bio-Palmöl wird auf zertifizierten Plantagen speziell gesammelt und separat transportiert. Durch die Auswahl des richtigen Erntezeitpunktes, die Lagerung und den Transport in eigenen Containern anstelle von Tankschiffen können wir die genannten Schadsubstanzen gezielt steuern und reduzieren", erklärt der Hersteller des Bio-Babypulvers. "Das Bio-Palmöl wird zudem bei geringerer Temperatur raffiniert als es sonst üblich ist. Das wirkt sich ebenfalls positiv auf die Qualität aus."

Die Ergebnisse geben dem Hersteller recht. Auch unser drittes Produkt, ein Babypulver aus dem teuren Preissegment, das von einem großen Nahrungsmittelkonzern angeboten wird, liefert niedrigere Werte als das günstigste untersuchte Produkt.

Für den Toxikologen Bertrand Matthäus vom staatlichen Max Rubner-Institut ist klar, dass die Hersteller es selbst in der Hand haben, wie sie ihrer großen Verantwortung gerecht werden. Steuerungsmöglichkeiten gebe es über die Lieferanten, die Rohware, die Verarbeitung. "Aber das bedarf natürlich direkter Absprachen. Und da besteht vielleicht noch etwas Nachbesserungsbedarf", meint Matthäus.

Für die Verbraucher allerdings bleibt ein Problem: Sie können am Produkt nicht erkennen, ob das Palmöl sorgfältig oder schlecht verarbeitet wurde. Denn auf der Verpackung steht davon nichts.

Verbraucherschützer fordern Grenzwert für 3-MCPD

Für Verbraucherschützerin Daniela Krehl ist deshalb klar: Die Politik muss Druck machen, damit es bald einen Grenzwert für die unerwünschten Stoffe im Palmöl gibt: "Und zwar am besten über die europäische Ebene, um hier einfach für den Hersteller eine Orientierung zu haben und für die Lebensmittelkontrolleure, damit Lebensmittel herauskristallisiert werden, die diese Grenzwerte nicht einhalten."

Aus dem Büro des zuständigen EU-Kommissars für Lebensmittelsicherheit erfahren wir, dass für Anfang nächsten Jahres mit verbindlichen 3-MCPD-Grenzwerten zu rechnen ist. Das müsse aber noch innerhalb der Kommission abgestimmt werden, außerdem mit dem Europäischen Rat, dem EU-Parlament und auch der Weltgesundheitsorganisation.

Bundeslandwirtschaftsministerium sieht Hersteller in der Pflicht

Ein langwieriger Prozess, in den auch das Bundeslandwirtschaftsministerium eingebunden ist. Dem BR erklärt das Ministerium, dass man verbindliche Höchstwerte unterstütze. Den Schwarzen Peter gibt man allerdings an die Hersteller weiter. "Letztlich sind die Lebensmittelunternehmer für die Einhaltung eines geringstmöglichen Anteiles von 3-MCPD-Estern in Ihren Produkten verantwortlich", so die Stellungnahme des Ministeriums.

In der EU haben die Mitgliedsländer ganz eigene Wege gefunden, mit Palmöl und den damit verbundenen Gesundheitsrisiken umzugehen: In Italien etwa werben Hersteller offensiv damit, wenn sie in ihren Produkten auf Palmöl verzichten. Frankreich plant schon, die Palmöl-Importe zu reduzieren.

All das nützt den Verbrauchern hierzulande aber nichts. Ihnen bleibt: Inhaltsstoffe sorgfältig lesen, zwar sind 3-MCPD bisher nicht deklariert, aber immerhin Palmöl ist als Inhaltsstoff ausgewiesen.

Mehr zum Thema "Palmöl - verstecktes Risiko in Lebensmitteln" sehen Sie heute um 21.45 Uhr in der Sendung plusminus im Ersten.