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Gentechnik: Schweine als "Ersatzteillager" für Menschen | BR24

© BR/Fabian Mader

Münchner Forscher planen eine medizinische Revolution: Sie wollen Schweineherzen in Menschen transplantieren und damit Leben retten. Damit das überhaupt möglich ist, stellen sie genmanipulierte Schweine her.

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Gentechnik: Schweine als "Ersatzteillager" für Menschen

Münchner Forscher planen eine medizinische Revolution: Sie wollen Schweineherzen in Menschen transplantieren und damit Leben retten. Damit das überhaupt möglich ist, stellen sie genmanipulierte Schweine her.

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Andreas Mittermaier hat sein Herz immer bei sich. Er zieht einen kleinen Rollkoffer mit zwei Kammern neben sich her, sie sind mit Schläuchen verbunden. Durch sie fließt sein Blut aus seinem Körper und wieder zurück.

Sein Leben hängt derzeit an diesem Kunstherz. Denn sein eigenes schlägt nicht mehr schnell genug. Seine Rettung wäre ein Spenderorgan, darauf wartet er seit Monaten. Das kann dauern. Er könne es nicht erzwingen, sagt Mittermaier. "Man muss halt hoffen, dass bald eins kommt."

Bis dahin kann er nur wenige Schritte tun und sitzt auf der Station der Herzchirurgie des Uniklinikums München-Großhadern fest.

Ein Team des ARD-Politmagazins report München begleitet ihn dabei, wie er auf ein Spenderherz wartet. Jeden Tag kann es soweit sein, es können aber auch Monate oder Jahre vergehen. Andreas Mittermaier hofft, dass sein Körper das Kunstherz so lange akzeptiert.

Drei Patienten auf der Warteliste sterben jeden Tag

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Patienten, die auf ein Herz oder ein anderes Organ warten - und nicht mehr rechtzeitig versorgt werden.

Münchner Genforscher wollen solche Todesfälle überflüssig machen. Auf einem Bauernhof in Oberbayern planen sie nichts weniger als eine medizinische Revolution. Von außen sieht ihr Labor aus wie eine Kulisse aus einer Vorabendserie. Ein Landgut, mit einem kleinen Kuhstall, in dem Kühe Heu fressen. Auf genetische Experimente deutet hier nichts hin.

Aber Professor Eckart Wolf und sein Team von der LMU in München klonen auf diesem Bauernhof Schweine, deren Gene sie manipulieren. Schweineherzen sollen sich so bald in Menschen transplantieren lassen und Patienten das Leben retten.

Es geht "um das Leben von Menschen"

Für den Genforscher geht es "um das Leben von Menschen". Die Transplantation käme nur für Menschen in Frage, für die es keine andere Möglichkeit zum Überleben gäbe - und "das sind bedauerlicher Weise sehr viele Patienten". Bislang war eine solche Transplantation undenkbar. Für das Immunsystem ist das Schweineherz ein Fremdkörper. Wolf hat mit seinem Team daher einen Trick angewandt.

Die Forscher haben die DNA der Schweine so verändert, dass die Herzen zum Körper von Menschen passen. Dazu musste das Team um Wolf "ein Gen tatsächlich inaktiv machen, dass es nicht mehr funktioniert, dann haben wir zwei menschliche Gerne einfügt in die DNA der Schweine." Das menschliche Immunsystem soll so im Idealfall gar nicht mehr merken, dass es sich um das Organ von einem Tier handelt.

Wolf arbeitet mit einem legendären Chirurgen der LMU in München zusammen. Professor Bruno Reichart hat 1983 die erste Herz-Lungen-Transplantation in Deutschland geschafft. Jetzt, mit 76 Jahren, ist ihm erneut ein Durchbruch gelungen. Vor wenigen Monaten hat er Pavianen die genveränderten Schweineherzen eingesetzt. Zwei Tiere haben rund sechs Monate überlebt. Eine weltweite Sensation.

Angebote aus China

Reichart will schon in drei Jahren das erste Schweineherz einem Menschen einsetzen. Noch ist er Forschern in den USA und China um zwei Jahre voraus. Aber dort fließt nun viel Geld in die Forschung. Reichart sagt, er habe mehrere Einladungen bekommen, seine Operationen doch in China zu machen - dort gebe es keine Probleme. Aber das will er nicht, sagt er, "ich möchte es in Deutschland machen".

Gentechnik ist hierzulande aber umstritten. Erst recht, wenn es um das Erbgut von Lebewesen geht. Kritik kommt vor allem von Tierschützern wie "Ärzte gegen Tierversuche". Schweine für menschliche Zwecke zu klonen, das gehe gar nicht, sagt Dr. Gaby Neumann gegenüber report München.

"Sie werden als Ersatzteillager missbraucht. Das Ende ist, dass sie getötet werden, für eine fragwürdige Wissenschaft, Organe zur Verfügung zu stellen. Die Frage ist: darf man alles machen, was möglich ist?" Dr. Gaby Neumann

50 Millionen Schweine pro Jahr landen auf dem Teller

Man müsse auch den Wert der Tiere sehen. Eckart Wolf kennt diese Kritik. Er kontert: "Wie Sie vielleicht wissen, essen wir 50 Millionen Schweine pro Jahr." Da sollte es doch möglich sein, mit einigen Dutzend oder Hundert Transplantaten Leben zu retten.

"Ärzte gegen Tierversuche" halten es auch medizinisch für ausgeschlossen, dass die Transplantationen funktionieren. Allerdings sind internationale Experten überzeugt: Bruno Reichart und Eckart Wolf ist ein entscheidender Durchbruch gelungen.

Für Herzpatient Andreas Mittermeier geht es um mehr als um eine ethische Debatte. Wenn es die Möglichkeit schon jetzt gäbe, ein Schweineherz zu bekommen - und die Methode ausreichend erforscht wäre - er hätte es gern.