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Genitalverstümmelung: Kampf gegen eine lebenslange Qual | BR24

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Genitalverstümmelungen sind auch in Deutschland ein Thema

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Genitalverstümmelung: Kampf gegen eine lebenslange Qual

Weltweit sind geschätzt 200 Millionen Mädchen verstümmelt und beschnitten, manche zudem einfach zugenäht worden - auch in Deutschland. Der Internationale Tag gegen Genitalverstümmelung am 6. Februar will über diese grausame Tradition aufklären.

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Von
  • Marlene Riederer

In etwa 30 Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens sind mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung, der Female Genital Mutilation (FGM), betroffen, so die Weltgesundheitsorganisation WHO. Jedes Jahr laufen allein in Afrika 3 Millionen Mädchen Gefahr, Opfer von einer Genitalverstümmelung zu werden, so die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW).

Die chirurgischen Eingriffe werden oft mit Scherben, stumpfen Rasiermessern und abgewetzten Metallschneiden durchgeführt. Doch nicht nur die Ausrüstung, sondern auch der Ablauf weiblicher Beschneidungen ist primitiv: Ohne Betäubung und Desinfektionsmittel werden die jungen Mädchen beschnitten. Sie sind zu diesem Zeitpunkt in der Regel zwischen 6 und 13 Jahre alt, aber sie können auch deutlich jünger oder älter sein. Eine Schande für die Familie ist es, wenn die Mädchen beim Eingriff schreien.

Was passiert bei einer Genitalbeschneidung?

Bei einer Beschneidung werden die Klitoris oder die Klitoris und die inneren und äußeren Schamlippen komplett entfernt. Im Extremfall wird die Vagina anschließend bis auf ein kleines Loch für Urin und Menstruationsblut zugenäht. Danach werden die Beine tagelang zusammengebunden, damit die Wunde besser heilen kann. Nach der Beschneidung gelten die Mädchen als erwachsen und heiratsfähig.

Beschneidungsarten

  • Sunna: eher selten, mit der männlichen Beschneidung vergleichbarer Eingriff. Die Vorhaut der Klitoris wird eingestochen oder entfernt.
  • Exzision: häufigste Form der Genitalverstümmelung. Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris sowie teilweise oder komplette Entfernung der Schamlippen.
  • Infibulation oder pharaonische Beschneidung: diese extremste Form der Beschneidung wird bei etwa 15 Prozent der Eingriffe vorgenommen. Dabei werden die gesamten äußeren Genitalien entfernt und die Vagina bis auf eine maiskorngroße Öffnung mit Dornen, Nadeln oder Fäden zugenäht. Weil Urin und Menstruationsblut nur langsam abfließen können, kommt es häufig zu chronischen Entzündungen.
© picture-alliance/dpa, Ursula Düren
Bildrechte: picture-alliance/dpa, Ursula Düren

Zur Beschneidung werden Scherben sowie stumpfe Rasiermesser oder abgewetzte Metallschneiden benutzt.

Folgen der Verstümmelung: Infektionen und Angstzustände

Zu den Folgen einer Genitalverstümmelung zählen schwere Blutungen, Verwachsungen, Infektionen, chronische Entzündungen, Harnwegsinfekte, lebensgefährliche Komplikationen bei Geburten, Unfruchtbarkeit, starke Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und ein vermindertes sexuelles Empfinden. Aufgrund des traumatischen Eingriffs leiden viele Frauen nach der Beschneidung an Depressionen und Angstzuständen. 25 Prozent der verstümmelten Frauen sterben sogar an den unmittelbaren und langfristigen Folgen, so die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Das Bewusstsein ändert sich nur langsam

Nach Angaben von Plan International sind 30 Millionen Mädchen potenziell gefährdet, vor ihrem 15. Geburtstag beschnitten zu werden, wenn sich die Situation nicht ändern sollte. In den Ländern, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird, sind immer mehr Mädchen und Frauen dafür, sie abzuschaffen. Doch trotzdem ändert sich das Bewusstsein in der Gesellschaft dafür nur langsam. Das gilt auch für Einwandererfamilien in Deutschland.

Die Situation in Deutschland

Denn auch hierzulande werden Ärzte mit weiblichen Beschneidungen konfrontiert. Mit der globalen Migration ist diese menschenrechtsverletzende Tradition auch in Europa angekommen. Deutschland zählt zu den europäischen Ländern mit einer besonders hohen Anzahl an Mädchen und Frauen aus den Genitalverstümmelung praktizierenden Herkunftsländern. Mittlerweile leben in Deutschland nach Schätzungen von Terre des Femmes um die 70.000 betroffene Mädchen und Frauen.

Aufklärung muss behutsam vorgenommen werden

Eine Aufklärung muss sehr umsichtig und vorsichtig vorgegangen werden, um die Menschen nachhaltig zu einer Abkehr von der Genitalverstümmelung zu bewegen. Viele Menschen, die aus den Ländern, in denen diese Praxis Tradition ist, nach Deutschland gekommen sind, stehen in diesem neuen Land vor vielen Herausforderungen. Ein offener Austausch ist oft nicht möglich. Deshalb gilt es, Druck herauszunehmen und Vertrauen aufzubauen.

Beschnittene Frauen müssen viel infrage stellen

Es bedarf vieler Gespräche und es braucht viel Zuspruch sowie Aufklärung, bevor Frauen in Deutschland den Schritt wagen, sich Hilfe zu holen. Das meint auch Fadumo Korn, die aus Somalia stammt und Dolmetscherin und Kulturvermittlerin in München ist. "Dieser Prozess braucht wirklich Zeit. Das kann sich eine nicht-betroffene Frau nicht vorstellen."

Betroffene müssen die Entscheidung der eigenen Mutter und ihre Traditionen infrage stellen. Sie müssen verstehen lernen, dass die Beschneidung trotzdem falsch war und sie das Recht haben, etwas dagegen zu unternehmen - zum Beispiel die Narbe der Beschneidung wieder öffnen zu lassen. Zu wissen, dass die Beschneidung in Deutschland nach dem Strafgesetzbuch verboten ist, gäbe diesen geflüchteten Frauen und auch ihren Männern, die sich gegen die Tradition stellen, wenigstens ein bisschen Rückendeckung, so Fadumo Korn. Aber trotzdem schafften es bisher nur wenige.

NALA: Beratungsstelle in München

Fadumo Korn klärt auf, geht in Aufnahmeeinrichtungen, begleitet Frauen auf Behörden und zur Ärztin. Besonders am Herzen aber liegen ihr die Gruppen geflüchteter beschnittener Mädchen, die sie in München in ihrem Verein NALA betreut. Der Verein bietet auch eine Hotline an, in der in mehreren Sprachen Hilfe und Beratung angeboten wird. NALA übrigens ist Kisuaheli und bedeutet Löwin.

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Tausende Frauen und Mädchen in Deutschland sind von Genitalverstümmelung betroffen. Fadumo Korn ist eine der wenigen Frauen, die offen darüber spricht.

Tradition statt Religion

Mädchenbeschneidungen beruhen auf Wertvorstellungen, nicht auf religiösen Vorgaben. Die Genitalverstümmelung ist eine tiefverwurzelte Tradition und wird in einigen Regionen seit über 5.000 Jahren praktiziert. Religiöse Hintergründe hat die Praxis nicht, denn weder im Koran noch in der Bibel gibt es Hinweise darauf. Anhänger verschiedener Religionen - vom Christentum über den Islam bis zu lokalen Religionen - praktizieren die Genitalverstümmelung.

Unbeschnitten gilt als unrein

Nur beschnittene Frauen haben in den Ländern, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird, eine Chance auf dem Heiratsmarkt. Sie gelten als "reine" Frauen. Nicht beschnitten zu sein, bedeutet, ausgeschlossen und ausgestoßen zu sein. Daher lassen auch Frauen, die selbst eine Genitalverstümmelung durchlitten haben und von den Qualen wissen, ihre Töchter beschneiden.

Ein Umdenken findet nur sehr langsam statt

In der jüngeren Generation fangen manche ganz langsam an, diese jahrtausendealte Tradition der Beschneidung zu hinterfragen. Für diese jungen Leute ist der Brauch sinnentleert. Sie glauben nicht mehr daran, dass sich der Mann an der Klitoris vergiften und impotent werden kann, dass das Baby im Kontakt mit ihr einen Wasserkopf bekommt, dass die Beschneidung eine Frau vor ihrer eigenen Sexualität schützt. Und zu dieser jungen Generation gehört auch, dass die Männer überhaupt wissen, was den Frauen angetan wird. Bei diesem Umdenken wird aber ein Gefälle zwischen Stadt und Land deutlich. In Dörfern wird die Genitalverstümmelung immer noch nicht hinterfragt und weiter praktiziert.

Genitalverstümmelung: oft verboten, aber nicht umgesetzt

Obwohl Genitalverstümmelungen inzwischen in vielen afrikanischen Ländern verboten sind, wie zum Beispiel in Ägypten, Senegal, Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Somaliland oder Eritrea, werden sie im Geheimen weiter vorgenommen. Häufig scheitert das Gesetz an der Umsetzung. Die größte Herausforderung ist es, die Menschen zu überzeugen. Dazu ist viel Aufklärung und konkrete Unterstützung nötig, damit diese grausame Praxis beendet wird.

6. Februar - Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung

Das "Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children" (IAC) rief 2003 den "Internationalen Tag der Nulltoleranz gegen weibliche Genitalverstümmelung" aus. Der Gedenktag am 6. Februar soll auf die Menschenrechtsverletzung an Frauen aufmerksam machen. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (UNO) erklärte den 6. Februar schließlich zum internationalen Gedenktag.

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