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Gene der ersten Skandinavier in Steinzeit-Kaugummi | BR24

© Natalija Kashuba, Universität Stockholm

Birkenrindenpech wurde in der Steinzeit zunächst gekaut und anschließend als Klebstoff verwendet.

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Gene der ersten Skandinavier in Steinzeit-Kaugummi

Über die Besiedelung Nordeuropas ist nur wenig bekannt. Ein Klumpen uralter Kaugummi aus Birkenrinde verrät nun einiges über die ersten Skandinavier, zum Beispiel Haut- und Augenfarbe.

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Die Kaugummis aus der Steinzeit sind etwa einen halben Finger lang, schwarz und haben deutliche Abdrücke von menschlichen Zähnen. Für die Forschung haben sich diese uralten Birkenrindenpech-Klumpen aber als echter Glücksfund erwiesen. Denn darin haben sich Reste von Spucke erhalten, die Anders Götherström und seine Kollegen von der Universität Stockholm analysiert haben.

"Wir haben in diesen Speichelresten sehr viel menschliche DNA gefunden, die wir analysiert haben. So ist es uns gelungen, die ältesten Genome von Menschen zu entschlüsseln, die je in Skandinavien gefunden wurden. Diese frühen Siedler haben im Mesolithikum, der Mittelsteinzeit, gelebt. Damals haben die Menschen Feuersteine an einem Schaft befestigt und als Werkzeuge gebraucht. Dabei haben sie Harz als Kleber benutzt und es vorher wahrscheinlich gekaut, um es aufzuweichen." Anders Götherström, Institut für Archäologie und Klassische Studien der Universität Stockholm.

Zwei Jungen und ein Mädchen kauten Birkenpech

Das Alter der Kaugummis aus Birkenrindenpech datierten die Forscher auf nahezu 12.000 Jahre. Weil die Zahnabdrücke darauf von Milchzähnen stammen, wissen die Forscher, dass sie von Kindern gekaut wurden. Deren Speichel und die darin enthaltene Erbsubstanz hat sich im Birkenpech über all die Jahre erhalten. So wissen die Forscher, dass die drei untersuchten Kaugummis von zwei Jungen und einem Mädchen ausgespuckt wurden. Vielleicht haben sie ihren Eltern dabei geholfen, Werkzeuge herzustellen. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur Spaß daran, Birkenpech zu kauen.

Begegnung von Ost und West

Warum die Kinder dieses bitter schmeckende Material wirklich in den Mund nahmen, werden die Forscher vermutlich nie herausfinden. Doch die DNA der Kinder hat ihnen verraten, dass sich die Menschen im Osten Skandinaviens vor mindestens 12.000 Jahren mit Jägern und Sammlern aus dem Westen vermischt haben.

"Im Genom der Kinder haben wir relativ viel DNA von Menschen aus dem Westen Skandinaviens gefunden. Aber auch einen Einfluss der östlichen Gruppen. Und dies ist der erste handfeste Beweis dafür, dass diese beiden Gruppen sich begegnet sind." Anders Götherström, Institut für Archäologie und Klassische Studien der Universität Stockholm

Ente und Aal auf dem Speiseplan

Die Spucke im Birkenpech verrät den Forschern aber nicht nur die genetische Identität jener, die einst darauf herumgekaut haben. In ihr sind auch die Bakterien nachweisbar, die einst in deren Mund gelebt haben. Außerdem konnten Forscher aus Kopenhagen anhand eines Birkenpech-Kaugummis den Speiseplan eines Mädchens rekonstruieren. Charakteristische Proteine darin verrieten ihnen, dass das Mädchen Ente und Aal gegessen hatte.

Uralt-Kaugummi verrät Augenfarbe

Dank der im Birkenpech verewigten DNA wissen die Forscher, dass das Mädchen zu einer Gruppe von Jägern und Sammlern gehörte, die im heutigen Dänemark lebte. Ihre Hautfarbe war eher dunkel, ihre Augen blau. Außerdem entdeckten die Forscher im konservierten Speichel bestimmte Bakterien, die Erkältungskrankheiten hervorrufen. Prähistorische Kaugummis verraten den Forschern viel mehr über einen Menschen aus der Vorzeit, als seine Knochen oder Zähne. Außerdem werden sie häufiger entdeckt als sterbliche Überreste.

"Wir finden solche Birkenpech-Klumpen eigentlich an jeder prähistorischen Fundstelle. In Irland, in England, in Skandinavien. Und mit der menschlichen DNA, die möglicherweise in dem Birkenpech konserviert ist, hätten wir eine völlig neue und bisher unbeachtete Quelle genetischer Information." Matthew Collins, Professor für Archäologie am Naturkundemuseum in Kopenhagen.

Birkenpech war in der Steinzeit so etwas wie ein Universalkleber: Nicht nur Klingen oder Pfeilspitzen wurden damit befestigt. Die Menschen dichteten auch Holzgefäße und ihre Boote damit ab und klebten Keramik. Falls die Menschen dieses Birkenpech routinemäßig gekaut haben, um es weicher zu machen, könnten Archäologen künftig völlig neue Einblicke gewinnen. Zum Beispiel, ob Speerspitzen, die an verschiedenen Orten gefunden wurden, von derselben Person stammen.